Switzerland

Solange sie nur nicht kommen – über unsere untauglichen Versuche, Migration sprachlich in den Griff zu bekommen

Niemand weiss, wie man unkontrollierte Migration praktisch in den Griff bekommen soll. Gerade deswegen aber blühen die sprachlichen Verrenkungen, mit denen jede Seite versucht, die Probleme aus der Welt zu formulieren und zumindest semantisch recht zu behalten.

Warum lädt man ausgerechnet einen Schriftsteller ein, sich zu einem Problem zu äussern, für das die Politiker aller europäischen Länder seit vielen Jahren vergeblich nach Lösungen suchen? Warum sollte ausgerechnet ein Romanautor etwas Sinnvolleres dazu zu sagen haben als all die gewählten Volksvertreter, die zu diesem Thema schon längst alles Sagbare und manches Unsägliche geäussert haben? Und von welcher Art von Migration soll eigentlich die Rede sein?

Nun, wenigstens die letzte Frage liess sich leicht beantworten. Wer das  Thema «Migration» zur Debatte stellt, will gewiss nicht über jene Migranten diskutieren, die mit Visum und Arbeitserlaubnis in der Tasche am Flughafen landen. Ich habe in den amtlichen Schweizer Statistiken nach solchen Migranten gesucht und dabei festgestellt, dass es sie nicht gibt. Wir haben in der Schweiz keine Migration, wir haben eine Zuwanderung. Das ist kein Nebenaspekt, denn die Bezeichnungen, die wir für strittige Dinge wählen, sind nie Zufall. Sprache ist nie neutral.

In einem Satz

Da ich für die Probleme, die zum Thema Migration diskutiert werden, keine eigenen Lösungsvorschläge anzubieten habe, scheint es mir sinnvoll, stattdessen die sprachlichen Verrenkungen zu analysieren, mit denen alle Seiten versuchen, Probleme aus der Welt zu formulieren und damit zumindest recht zu behalten. Das Thema, an dessen sprachlicher Beschreibung so eifrig herumgeschraubt wird, lässt sich in einem Satz formulieren: Es wollen mehr Menschen zu uns nach Europa kommen, als wir Europäer aufnehmen können und aufnehmen wollen. Punkt.

Oder drücken wir es, um nicht selber in die Formulierungsfalle zu laufen, mathematisch aus. Zahlen können bekanntlich nicht lügen. (Obwohl man das bei der Lektüre mancher Statistiken bezweifeln möchte.) Also, rein mathematisch: In Europa leben rund 750 Millionen Menschen, Tendenz sinkend, und diese Menschen sind vorwiegend in fortgeschrittenem Alter. Allein in Afrika leben doppelt so viele Menschen, Tendenz stark steigend, und die Hälfte dieser Menschen ist weniger als achtzehn Jahre alt. Als ich zur Schule ging, nannte man das eine angewandte Aufgabe, und als letztes Wort stand da immer: Rechne!

Noch so eine angewandte Aufgabe: In Nigeria beträgt die Lebenserwartung 46 Jahre, in Österreich sind es 81. Rechne! Und ein letztes Beispiel: Die Arbeitslosigkeit in Deutschland beträgt 5 Prozent, für junge Afrikaner sind es gemäss der Welt­bank 75 Prozent. Rechne!

Man muss kein Adam Riese sein, um zu merken, dass alle diese Rechenaufgaben – und es gäbe noch eine Menge ähnlicher Beispiele – dasselbe Ergebnis haben. Es lautet: Völkerwanderung.

Kunst- und Wortgriffe

Da aber nicht sein kann, was nicht sein darf, versuchen wir diese unangenehme Vokabel zu vermeiden und sie, je nach Standpunkt, durch eine andere zu ersetzen. Die einen sprechen von einer gefährlichen kriminellen Invasion, die anderen von einer historischen Chance zur Verjüngung eines alternden Kontinents. Aber egal, mit welchem Wortkonstrukt wir das Migrations­geschehen bezeichnen: Es bleibt eine Völkerwanderung, und die lässt sich nicht so einfach wegdefinieren. Egal, was wir unternehmen, und egal, welchen Namen wir diesen Unternehmungen geben – der Druck auf unsere Grenzen wird nicht nachlassen.

Wie nennt man also diese Leute, die so ungestüm ins gelobte Land Europa drängen, dass sie für dieses Ziel Leib und Leben riskieren? Bei der Beantwortung dieser Frage werden die öffentlichen Sprachkünstler immer besonders kreativ. Man könnte Menschen, die sich in nicht seetüchtigen Schlauchbooten aufs Mittelmeer hinaus­wagen oder sich auf Schleichwegen über Grenzen schmuggeln, einfach neutral als Migranten bezeichnen. Aber neutrale Formulierungen sind in der politischen Auseinandersetzung nicht gefragt, weil sie die eigene Meinung zum Thema nicht genügend zum Ausdruck bringen.

Ein oft verwendeter Kunstgriff besteht darin, das ungeliebte Wort zu erweitern und mit einem stereotyp verwendeten Adjektiv zu verbinden. «Epitheton ornans» nennt man das in der Rhetorik, und im Deutschunterricht hat man uns beigebracht, dass solche schmückenden Beiworte eigentlich überflüssig seien. In Wahlkampfreden und ähnlichen öffentlichen Äusserungen sind sie aber nicht überflüssig, sondern erfüllen einen klaren argumentativen Zweck, zum Beispiel, wenn man das Wort «Migration» bei jeder Verwendung mit dem Adjektiv «illegal» versieht. Oder man hängt einen zusätzlichen Wortteil an, wie es der frühere italienische Innenminister Matteo Salvini tut, der aus Migranten prinzipiell eine «Migrantenflut» macht, um durch diese Formulierung seine Forderung nach möglichst hohen Dämmen gegen diese Überschwemmung zu untermauern.

Neutrale Formulierungen sind in der politischen Auseinandersetzung nicht gefragt, weil sie die eigene Meinung zum Thema nicht genügend zum Ausdruck bringen.

Andere Politiker probieren es in der sprachlichen Kriegsführung gar nicht erst mit schmückenden Beiworten, sondern greifen gleich zur schärferen Waffe der Synonyme. In Ungarn definiert Viktor Orban Migranten als «Soldaten, die über unsere Grenze hinwegmarschieren», in Deutschland hat sich Alice Weidel für die wortgewaltige Formulierung «Kopftuchmädchen, alimentierte Messermänner und sonstige Taugenichtse» entschieden, und damit auch die Schweiz in dieser Reihe nicht zurückstehen muss, habe ich ein Zitat des rechtskonservativen Politikers Ulrich Schlüer aufgespiesst, der für Flüchtlinge eine rustikal-derbe Umschreibung fand: Er nannte sie «Abschaum, elendes Schlägerpack».

Auf der anderen Seite des politischen Spektrums wäre es eigentlich sinnvoll, statt von Migranten lieber von Flüchtlingen zu sprechen – aber das ist ein gefährliches Wort, weil es die Aufforderung zur Hilfs- und Aufnahmebereitschaft konnotiert, und allzu hilfs- und aufnahmebereit möchte man auch wieder nicht sein. Denn kein Wortgefecht ändert etwas am grossen europäischen Konsens, der nun mal lautet: Wir können und wollen diese Leute nicht bei uns haben.

Künstliche Trennung

Weil wir das aber nicht so laut und deutlich sagen wollen, geraten wir in ein Dilemma zwischen Anspruch und Wirklichkeit, und auch da hilft wieder ein sprachlicher Trick: Wir sprechen einerseits von politischen Flüchtlingen, die selbstverständlich und verfassungskonform bei uns Asyl erhalten sollen, und andererseits von Wirtschaftsflüchtlingen, die nur einfach auf der Suche nach einem besseren Leben für sich und ihre Familien sind, was ja nun wahrlich kein Grund sein kann, uns mit ihren Problemen zu belästigen.

Wenn man etwas genauer hinschaut, stellt man fest, dass auch dieser scheinbar so klare Unterschied rein semantischer Natur ist, denn wirtschaftliche und politische Gründe für einen Migrationsversuch liessen sich nur eindeutig unterscheiden, wenn sich auch Wirtschaft und Politik sauber voneinander trennen liessen, was allerdings das hybride Amt eines Wirtschaftsministers überflüssig machen würde. Aus der Sicht eines Vaters, der sein Leben riskiert, um nach Europa zu gelangen, dürfte es keinen grossen Unterschied bedeuten, ob seine Kinder aus politischen oder aus wirtschaftlichen Gründen verhungern.

Ein besonders hübsches Formulierungskunststück, noch ganz druckfrisch, lautet: Der Rat der Mitgliedsländer hat die Rettungsoperation «Sophia» bis zum März 2020 verlängert – aber gleichzeitig beschlossen, dass «der Einsatz des Schiffsbestands der Operation zeitweise ausgesetzt bleibt». In ehrliches Deutsch übersetzt: «Wir werden zwar beobachten, wie Menschen ertrinken, aber retten werden wir sie nicht.»

Ich will Sie nicht langweilen, aber ein besonders hübsches Beispiel für sprachliche Kreativität muss hier noch genannt werden. Man kann jene staatlichen Einrichtungen, in denen Asylbewerber auf den Entscheid über ihren Antrag warten, Rückführungszentren oder Abschiebeknäste nennen, man kann ein Erstaufnahmezentrum zum Ausreisezentrum umtaufen, aber den ersten Preis in diesem Umdeutschungswettbewerb gewinnt eine echt bayrische Sprachschöpfung: das Ankerzentrum.

Welch schönes Wort! Ein Anker ist schliesslich etwas Verlässliches, Sicherndes, Zuverlässiges. Meine Bewunderung für diese Worterfindung wurde noch gesteigert, als ich erfuhr, dass der Anker in diesem Fall ein Akronym ist und für «Ankunft, kommunale Verteilung, Entscheidung, Rückführung» steht. Das ist geradezu lyrisch. Im Ernst: Ich habe selten ein schöneres Beispiel für einen Satz aus der Nobelpreisrede von Toni Morrison gefunden. Die vor kurzem verstorbene amerikanische Schriftstellerin sagte dort: «Offizielle Sprache ist eine glänzende Rüstung, in der schon lang kein Ritter mehr steckt.»

Aussprechen, was ist?

Sie sollten aus diesen Ausführungen jetzt bitte nicht schliessen, dass ich für eine Politik der stets offenen Grenzen plädiere. Ich weiss, dass das nicht möglich ist, und stehe so hilflos wie alle vor der aktuellen Völkerwanderung. Flammende Aufrufe habe ich nicht zu bieten. Stattdessen hatte ich ursprünglich vor, als Fazit meiner Überlegungen zu mehr sprachlicher Ehrlichkeit aufzurufen, zum Verzicht auf Tarn- und Deckworte. Warum sprechen wir nicht einfach aus, wollte ich sagen, was als Konsens hinter all unseren Debatten steht?

Aber ich habe schnell eingesehen, dass das natürlich nicht geht. Als kulturell hoch­stehende Westeuropäer können wir nicht so direkt sagen, dass wir gern ein Auge zu­drücken, wenn sich kroatische und slowenische Grenzpolizisten nicht an die Gesetze der EU halten – solange die von ihnen unmenschlich behandelten Flüchtlinge nur nicht zu uns kommen. Dass wir es akzeptieren, wenn Möchtegern-Migranten im Mittelmeer ertrinken – solange sie nur nicht zu uns kommen. Dass wir es in Kauf nehmen, wenn sie in libyschen Lagern erpresst, gefoltert und vergewaltigt werden – solange sie nur nicht zu uns kommen.

Nein, so etwas kann man ja wirklich nicht sagen. Da ist es schon besser, wir reden auch weiter darum herum.

Charles Lewinsky lebt als Drehbuchautor und Schriftsteller in Zürich. Beim abgedruckten Text handelt es sich um die gekürzte und überarbeitete Version des Referats, das er am 27. November am NZZ-Podium Wien zum Thema «Migration» gehalten hat.

Video-Statements:
«Wenn wir über Migration sprechen: Ist wegzugehen etwas anderes, als zu kommen?»

Untenstehend finden Sie fünf Antworten zu obiger Frage aus dem NZZ-Podium Wien vom 27. November zum Thema «Migration». Das Einleitungsreferat stammte von Charles Lewinsky. Am Podium nahmen teil: Michael Ludwig, Wolfgang Peschorn, Sepp Schellhorn und Deborah Sengl.

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