Switzerland

So tickt der Median des Schweizer Profifussballs

High Noon in der Swiss Football League. Am Mittwoch entscheidet der Bundesrat aufgrund der aktuellen Fallzahlen der Corona-Pandemie, ob die Profis wieder Fussball spielen dürfen. Sagt er ja, stimmen am Freitag die 20 Vereine an einer ausserordentlichen Generalversammlung darüber ab, ob sie von dieser Erlaubnis überhaupt Gebrauch machen wollen.

Geisterspiele sind für manche Klubs wirtschaftlich derart unattraktiv und defizitär, dass für sie der Status quo das kleinere Übel wäre. Sie also lieber auf den Trainings- sowie Spielbetrieb verzichten würden, um weiter Kurzarbeitsgeld zu beziehen. Aber auch sie wissen: Für immer und ewig ist das natürlich nicht möglich.

Der FC Thun hat sich indes entschieden, heute Montag wieder ins Training einzusteigen. Muss doch einkalkuliert werden, dass ab dem 19. Juni der Ball auch im Schweizer Spitzenfussball wieder rollt. Möglicherweise aber nicht einfach als Fortsetzung der nach 23 Runden unterbrochenen Meisterschaft, sondern nach einem Abbruch als Neubeginn in einem neuen Format. Der FC Lausanne-Sport jedenfalls hat die Idee von Christian Constantin, dem Präsidenten des FC Sion, aufgegriffen und einen Antrag zuhanden der GV eingereicht.

Demnach würde das Oberhaus auf zwölf Vereine aufgestockt und in 44 Spielen der Meister 2021 ermittelt. Die Challenge League würde von acht Teams bestritten.

Überraschend erhält Constantin für seinen Vorschlag Zuspruch von Markus Lüthi, dem Präsidenten des FC Thun. Bis vor ein paar Wochen hatte sich dieser noch vehement für den Beibehalt der Zehnerligen ins Zeug gelegt. Weshalb nun dieser Sinneswandel? «Die Aufstockung könnte mit ein Beitrag sein, um unerfreuliche und imageschädigende Rechtsfälle zu vermeiden», begründet der 62-Jährige seine neue Optik.

«Mit Constantins Lösung könnte man das vermeiden und dazu die dem TV-Partner entgangenen Partien in der nächsten Saison dank der Mehrspiele besser verhandeln.» Was aus Sicht des FC Thun den Vorteil hätte, die bereits bezogene letzte TV-Tranche von rund 400'000 Franken nicht zurückzahlen zu müssen und nebenbei auch gleich noch den Klassenerhalt auf sicher zu haben.

Auf einer Gratwanderung

Denn der FC Thun ist als Tabellenletzter in akuter Abstiegsgefahr, selbst wenn sich seit der Winterpause seine Situation verbessert hat. Die offensichtliche Bestimmung seines Klubs bringt Lüthi im Jahresbericht 2019 gut auf den Punkt: «Unser FC Thun Berner Oberland ist und bleibt in anspruchsvollen Grenzbereichen.

Auf einer Gratwanderung zwischen wirtschaftlichem Überleben und Ligaerhalt.» Abgestürzt ist er bisher aber weder auf die eine noch auf die andere Seite, und sein Leistungsausweis ist angesichts der beschränkten Möglichkeiten durchaus beeindruckend. Finanziell hat sich der FC Thun ein Polster von einer Million Franken flüssiger Mittel angelegt, sportlich absolviert er die zehnte Super-League-Saison in Folge und hat im letzten Jahr gegen Basel (1:2) den Cupfinal bestritten.

In der enormen Bandbreite der SFL-Vereine zwischen den Krösussen YB und Basel sowie den Habenichtsen Chiasso und Stade Lausanne-Ouchy ist er mit einem Budget von durchschnittlich 10 Millionen Franken so etwas wie der Median des Schweizer Profifussballs.


Lüthi steht seit 2012 an der Spitze der Thuner und ist stolz darauf, dass er einen Klub mit 250 Mitarbeitern (60 davon in Vollzeit) führt, der den Ruf hat, transparent zu sein im Sinn der Offenlegung von Zahlen. Und 1,5 Millionen Franken aus dem Profi- in den Nachwuchsbereich fliessen lässt.

Insgesamt betrugen 2019 die Kosten für den Personalaufwand 8,7 Millionen Franken (wegen des Cupfinals, des Ranglistenplatzes und den Europacupspielen fast 2 Millionen mehr als sonst), inklusive den Sozialversicherungen. Sie sorgten mit zu einem Verlust von 292 000 Franken.

Der grosse Stamm verdient 6000 bis 8000 Franken

Von besonderem Interesse in der Öffentlichkeit sind immer die Löhne der Spieler. Beim FC Thun gibt es drei Kategorien: Ein paar Schlüsselakteure verdienen monatlich fix 8000 bis 12'000 Franken, der grosse Stamm 6000 bis 8000 Franken und die Nachwuchsspieler 4000 bis 6000 Franken.

In der erfolgreichen letzten Saison allerdings konnten die Spieler dank Leistungsprämien gut dazu verdienen. Doch mehr als 20'000 Franken kassierte keiner. Autos und Wohnungen werden vom Klub keine mehr zur Verfügung gestellt.

Weil Lüthi bereits früh in der Coronakrise den Geldabfluss, wie zum Beispiel die Stadionmiete, stoppte und nur noch gewisse Löhne und die Unfallversicherung bezahlte, beschränkten sich im April die Ausgaben auf 100 000 Franken. Dank der Kurzarbeitsentschädigung konnte sich der FC Thun einigermassen gut über Wasser halten.

Mit der Aufnahme des Trainings und dem Wegfall dieser Gelder wird die Situation nun aber schwieriger. Zwar wären für den FC Thun Geisterspiele im Gegensatz zum FC Basel und FC Zürich Nullsummenspiele – der Einzelticketverkauf und die Kosten für den Stadionbetrieb hielten sich die Waage – , doch just zum heikelsten Liquiditätszeitpunkt fällt der Verkauf der Saisonabonnements 2020/21 weg, wie auch die Verlängerung von Sponsoringverträgen.

30 Prozent der Sponsoren haben bereits gekündigt, was zu einem Verlust von 400'000 Franken führt.

Noch können die Thuner ihre Rechnungen bezahlen. Nachdem sie 2016 von der Stadt Thun 500'000 Franken (davon sind 200'000 zurückgezahlt) und kürzlich mittels eines Covid-19-Kredits dieselbe Summe aufgenommen haben, wollen sie nun von Viola Amherds 200-Millionen-Finanzhilfspaket keinen Gebrauch machen. «Ich wüsste nicht, wie wir ein weiteres Darlehen zurückzahlen könnten», sagt Lüthi.

Weil er Zweifel hat, ob der Fussball seiner Vorbildrolle gerecht wird, wenn bald weitergespielt wird und eine Extrawurst die Abstandsregeln ausser Kraft setzt, tendiert er zu einem Saisonabbruch. Andrerseits setzt er sich dafür ein, dass bei tiefbleibenden Corona-Fallzahlen schneller als erwartet wieder mit Publikum gespielt werden kann; in Thun vielleicht vor 5000 (aktueller Schnitt: 5456) statt der möglichen 10'000 Fans.

Auch schlägt er vor, ein Kombi-Abonnement aus Saisonkarte und TV-Abo zu kreieren. Dem erfolgreichen Unternehmer Markus Lüthi mangelt es nicht an Visionen und Ideen. Das kann im Überlebenskampf des Schweizer Profifussballs sogar matchentscheidend sein.

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