Switzerland

So nahe sind die Pharmaunternehmen dran: Die Jagd nach dem Corona-Impfstoff

Es wird von Tag zu Tag schlimmer: Das neuartige Coronavirus breitet sich immer weiter aus. Am Dienstag wurde auch in der Schweiz der erste Corona-Fall bestätigt. Ein 70-jähriger Tessiner liegt in einem Spital in Lugano (BLICK berichtete). Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) warnt nun: «Die Wahrscheinlichkeit weiterer Ansteckungen steigt!»

Angesichts der Ausbreitung des neuen Coronavirus erscheint es fraglich, ob die Epidemie bald gestoppt werden kann. Umso wichtiger wäre ein Impfstoff. Mitte Februar einigten sich 400 Experten auf einer Konferenz in Genf, die Suche danach zu beschleunigen. In vielen Ländern wird derzeit an der Entwicklung eines Impfstoffes gearbeitet. Doch wie schnell könnte er einsatzbereit sein?

Der Virologe Gerd Sutter von der Ludwig-Maximilians-Universität in München ist zuversichtlich: «Ich bin insgesamt sehr sicher, dass wir erste experimentelle Impfstoffe noch dieses Jahr sehen werden.» Ob und wann sie an Menschen getestet werden könnten, sei eine andere Sache. «Die Entwicklung eines Impfstoffs ist ein langwieriger, mühsamer Prozess – vor allem die Zulassung und die klinische Prüfung eines Kandidaten.» Gemeinhin werden für die Entwicklung von Impfstoffen etwa 15 Jahre veranschlagt. Für das Mers-Virus, das 2012 auf der Arabischen Halbinsel entdeckt wurde und das auch zu den Coronaviren gehört, wird ein Impfstoff erst seit 2018 klinisch geprüft.

Forscher wollen schnell machen

Bedeutet das, wir müssen Jahre, vielleicht Jahrzehnte auf einen Impfstoff warten? Nicht, wenn es nach einer Vielzahl von Forschern geht. Sie setzen vor allem auf biotechnologische Verfahren – die sollen die Zeit verkürzen, um einen Impfstoffkandidaten für die Prüfung in klinischen Studien bereitzustellen. Dabei werden nicht wie üblich die Viren selbst zur Herstellung eines Impfstoffes benötigt, sondern nur deren genetische Information. Die Sequenz des neuen Virus ist seit Wochen bekannt.

Darin stecken alle Informationen für seine Vermehrung - auch für die Herstellung jener Bestandteile, auf die der Körper nach einer Impfung mit der Bildung von Antikörpern und anderen Abwehrstoffen reagiert. Bei Coronaviren sei das ein Protein der Virushülle, erläutert Sutter. «Das Virus nutzt das Protein, um in menschliche Zellen einzudringen.»

China arbeitet an einem Impfstoff

Auf dieses Protein konzentrieren sich die Impfstoffentwickler. In China arbeitet das Krankenhaus der Shanghaier Tonji Universität gemeinsam mit dem Unternehmen Stermirna Therapeutics an einem mRNA-Impfstoff, wie die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua meldete. Auch das biopharmazeutische Unternehmen CureVac mit Hauptsitz in Tübingen setzt auf mRNA.

Hintergrund: Die mRNA ist ein DNA-ähnliches Molekül, das in Zellen die Umsetzung der im Erbgut steckenden Informationen in ein Protein vermittelt. Die Bauanleitung für das Hüllprotein von Sars-CoV-2 verpacken die CureVac-Wissenschaftler in Nanopartikel, die die mRNA in die Zellen liefern. Die Zellen bilden dann das Hüllprotein und präsentieren es auf ihrer Oberfläche, woraufhin das Immunsystem mobilisiert wird. «Das Verfahren ahmt ein Konzept der Natur nach», erläutert Mariola Fotin-Mleczek vom CureVac-Vorstand. «Wir erreichen damit eine sehr starke Aktivierung des Immunsystems.»

Sensation in den USA? Diese Pharmaunternehmen sind besonders schnell

So richtig Hoffnung geben Nachrichten aus den USA, die am Dienstag verbreitet wurden. Das «Wall Street Journal» schreibt, dass drei Pharmaunternehmen bereits «in einigen Monaten bis etwa einem Jahr» mit Corona-Studien an Menschen beginnen könnten. Unter den Firmen: Der Pharma-Riese Johnson & Johnson, der eine Impfstofftechnologie verwendet, die den genetischen Code des Coronavirus in einen nicht infektiösen Trägervirus übertragen soll.

Würden solche Tests an Menschen erfolgreich verlaufen, könnte der Coronavirus quasi ausgetrickst werden, so das «Wall Street Journal». Auch die Pharmaunternehmen Sanofi und Inovio mit Sitz in den USA sind an ähnlichen Programmen dran. «Wir wollen Technologien haben, die das Potenzial haben, Dosen bis zu zehn oder sogar Hunderte von Millionen von Dosen zu erreichen. Und wir wollen unser Programm so entwickeln, dass ein gerechter Zugang gewährleistet ist», sagt Richard Hatchett, CEO von der weltweiten «Koalition für Innovationen zur Bereitschaft bei neuen Epidemien» (CEPI), gegenüber der Zeitung.

Coronavirus

Das Coronavirus hält aktuell die Welt in Atem. In China wurden bereits ganze Städte geschlossen, um die Verbreitung zu verhindern, aber auch andere Länder verschärfen die Einreisebedingungen, um die Ausbreitung der Epidemie einzudämmen. Alle aktuellen News und Zahlen rund ums Thema gibts es im Coronavirus-Ticker.

Mühsam wird es hinterher

Die Entwicklung eines Impfstoffkandidaten ist allerdings nur der erste Schritt in Richtung Impfstoff – richtig mühsam wird es hinterher: Zulassung und klinische Prüfung des Kandidaten sind die Entwicklungsphasen, die am meisten Zeit verschlingen. Virologe Stephan Becker von der Universität Marburg ist optimistisch, auch für einen Kandidaten gegen das Coronavirus vergleichsweise schnell die Zulassung für eine klinische Studie zu bekommen – unter anderem weil die eingesetzte Plattform bereits im Zusammenhang mit dem Mers-Impfstoff etabliert wurde.

Aber kann ein Impfstoff rechtzeitig fertig sein, um den Verlauf der aktuellen Epidemie zu beeinflussen? «Wir wissen nicht, wie sich die Epidemie entwickelt», sagt Becker. Wenn sich das Virus etabliere, wäre ein Impfstoff sehr hilfreich. «Ich glaube, das ist gut investiertes Geld.» Momentan sieht es danach aus, dass die US-Pharma-Riesen am schnellsten an der vermeintliche Rettung dran sind. (nim/SDA)

Wie kann ich mich schützen?

Wie reagiert die Schweiz auf das neue Virus?

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) verfolgt die Entwicklung aufmerksam. Das BAG bereitet sich auf eine internationale Ausbreitung des neuen Coronavirus vor und steht mit allen relevanten Partnern in Kontakt. Die Informationen werden auf der BAG-Internetseite regelmässig aktualisiert.

Wie wird das Virus übertragen?

Übertragen wird das Coronavirus wie das Sars-Virus durch Tröpfcheninfektion, weshalb hustende und niesende Patienten hohe Ansteckungsgefahr bedeuten. Laut WHO soll die Inkubationszeit (Zeit zwischen Ansteckung und Ausbruch der Krankheit) zwei Tage bis eine Woche betragen.

Welches sind die Anzeichen?

Fieber, Kopfschmerzen, Halsschmerzen, Atemprobleme wie Kurzatmigkeit, Lungenentzündung.

Sind Schweizer betroffen?

In Wuhan, wo das Virus entdeckt wurde, leben acht Schweizer. Gemäss BAG sind keine Schweizer von der Krankheit betroffen.

Wie gross ist die Gefahr eines Imports nach Europa?

Obwohl direkte Flugverbindungen von Wuhan nach London, Paris und Rom existieren, schätzt das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) das Risiko einer Einschleppung aktuell als moderat ein. Gleiches gilt für die Schweiz.

Darf man noch nach Wuhan reisen?

Da die chinesischen Behörden die Stadt Wuhan praktisch unter Quarantäne gestellt haben und die Verkehrsverbindungen nur noch teilweise genutzt werden können, wird von Reisen dahin abgeraten.

Wie kann ich mich auf Reisen schützen?

Bei Reisen nach China empfiehlt das BAG:

Wann gibt es einen Impfstoff?

Zurzeit gibt es keinen Impfstoff. Die globale Impfallianz Gavi rechnet damit, dass die Entwicklung eines Impfstoffes gegen die neue Lungenkrankheit mindestens ein Jahr dauern wird. Noch seien die Gefahren durch das Coronavirus auch schwer abzuschätzen, sagte der Gavi-Geschäftsführer und Epidemiologe Seth Berkley.