Switzerland

So mancher Zürcher Zünfter trägt ein Stück Tschechien auf dem Kopf

Im tschechischen Nový Jičín werden seit 220 Jahren Hüte für die ganze Welt hergestellt: Fes für Afrikaner, Zylinder für Rabbiner und Melonen für die britische Polizei. Nun steht die Hutfabrik Tonak vor einem kniffligen Unterfangen. 

Die Herstellung eines Hutes in der Fabrik Tonak dauert bis zu drei Monate.

Die Herstellung eines Hutes in der Fabrik Tonak dauert bis zu drei Monate.

Petr Sznapka / imago 

In einem kleinen Dorf im Nordosten Tschechiens füttert Josef Pensimus im Garten hinter dem Haus seine zwanzig Kaninchen. «Seit wir ihnen nur noch Heu, Pellets und hartes Brot geben, werden sie praktisch nicht mehr krank und brauchen auch keine Impfungen mehr. Früher, als sie noch frisches Gras frassen, war das anders. Wahrscheinlich war der Vogel- und Katzenkot das Problem.» Die kleine Zucht gedeiht prächtig: Jeden Monat wirft eines seiner drei Weibchen eine Handvoll Junge, die bereits nach wenigen Monaten schlachtreif sind. Die Würstchen, Schinken und Pasteten, die der vierzigjährige ehemalige Koch selber herstellt, sind nur für den Eigengebrauch. «Unsere Familie ist sehr gross», sagt er schmunzelnd.

Die abgezogenen Kaninchenfelle hängen zum Trocknen aufgespannt unter einem Vordach. Wenn ihn Besorgungen in die Kreisstadt Nový Jičín führen, bringt er sie zur Ankaufstelle der Hutfabrik Tonak. Zwar bekommt er für ein Kilo, also etwa ein Dutzend Häute, umgerechnet bloss fünf Franken, aber immerhin. Viele seiner Bekannten würfen die Tierhäute einfach weg. Er dagegen hält es wie seine Vorfahren: Alle Felle bekommen die Novojičíner Hutmacher. Nicht umsonst nennt sich die Stadt mit dem wunderschönen laubenumgebenen Marktplatz die Stadt der Hüte. Das Hutmacherhandwerk hat hier eine ununterbrochene 220-jährige Tradition.

Run auf «Crocodile Dundee»-Modelle

Für die Hutfabrik sind Josef Pensimus’ Kaninchenhäute nur ein Tropfen auf den heissen Stein. Die Fabrik, die in der Hutfertigung 180 Mitarbeiter beschäftige, verarbeite jährlich zwei Millionen Tierfelle, erklärt die Marketingverantwortliche Klára Šugárková auf einem Rundgang durch die Werkhallen. Daraus würden 300 000 Hutstumpen – diese sehen aus wie schlappe Räuberhüte – und 100 000 fertige Hüte hergestellt. Achtzig Prozent der Produktion gingen in den Export, wobei Tonak über 50 Länder beliefere. Nach Filmen wie «Crocodile Dundee» oder «Indiana Jones» steige die Nachfrage nach gewissen Modellen jeweils sprunghaft an.

Die meisten Kaninchenfelle kämen aus Tschechien und der Ukraine. Die Felle von Hasen, die sich – anders als Kaninchen – nicht züchten liessen, beziehe Tonak aus Argentinien. «Aus den Hasenfellen werden jüdische Hüte hergestellt, die von einer besonders feinen, glänzenden und dauerhaften Qualität sein müssen.» Entscheidend für diese Qualität sei aber nicht nur das Tierhaar, sondern das Filzen. «Da der aufwendige Prozess aber ein Firmengeheimnis ist, sind dort keine Besuche erlaubt», meint Šugárková bedauernd – die Konkurrenz schlafe bekanntlich nie. Nur so viel darf sie verraten: Die Fabrik, die sich seit Mai 2019 im Besitz der schwedischen Private-Equity-Firma PCTC befinde, teste derzeit eine zusammen mit der Universität Liberec entwickelte neue Kreislauftechnologie, um das Filzen – für das bisher ätzende Chemikalien notwendig waren – effizienter und umweltverträglicher zu machen.

Filzen, Färben, Rasieren, Pressen, Bürsten, Bügeln, Abflammen und noch viel mehr: 150 Arbeitsgänge sind notwendig, bis ein Hut fertig ist; die Hälfte davon ist immer noch Handarbeit.

Filzen, Färben, Rasieren, Pressen, Bürsten, Bügeln, Abflammen und noch viel mehr: 150 Arbeitsgänge sind notwendig, bis ein Hut fertig ist; die Hälfte davon ist immer noch Handarbeit.

Tonak

Šugárková zeigt auf ein Gestell voller ausladender olivgrüner Modelle, welche für die australische und die kanadische berittene Polizei bestimmt sind. Seien für normale Hüte wie diese jeweils fünf bis sieben Felle notwendig, würden für einen jüdischen Hut bis zu zwölf Felle verarbeitet. Die schwarze Farbe der jüdischen Hüte sei übrigens schwärzer als das «normale» Schwarz, und die Krempenweiten müssten auf den Millimeter stimmen. Die Einkäufer aus den USA seien da äusserst pingelig.

Uniformträger sind Grosskunden

Den Wänden entlang stehen lange Regale voller Holzmodelle, Hunderte von handgefertigten Hut- und Krempenformen in allen Konfektionsgrössen. Neben den drei Arbeiterinnen, die, an grossen Fensterfronten sitzend, Schweissbänder und farblich abgestimmte Seidenfutter einnähen, stapeln sich dunkelrote runde Hütchen für die Flugbegleiterinnen von Emirates und violette Schiffchen für Messe-Hostessen. 3500 Farbschattierungen stehen den Kunden zur Auswahl. Ein paar Schritte weiter bestickt eine Näherin auf einer altmodischen Maschine einen gelben Fes, der für den nigerianischen Markt bestimmt ist, mit blauen Arabesken.

«Das älteste Werkzeug, das wir heute noch benutzen, ist ein Bügeleisen aus dem Jahr 1940», betont eine Vorarbeiterin stolz. Niemand stelle heute noch Hutmachermaschinen her. Also arbeite man mit den alten, bewährten Geräten und mit selbst entwickelten Prototypen. Gehe ein Teil kaputt, müssten sich die hauseigenen Mechaniker zu helfen wissen. Während eine der Frauen einen breitkrempigen Hut über einem Bunsenbrenner abflammt, senkt ihre Kollegin mit einem Hebel einen schweren weissen Stoffsack voll heissem Sand auf eine angefeuchtete Hutkrempe, um diese in die richtige Form zu pressen. Dann wird sie von Hand nachgebügelt und mehrere Tage auf einem luftigen Holzgerüst ruhen gelassen.

150 Arbeitsgänge, die Hälfte davon Handarbeit, seien notwendig, um einen Hut herzustellen. Da er zwischendurch immer wieder trocknen und «nachreifen» müsse, wie sie es nennt, dauere der ganze Vorgang zwei bis drei Monate. Das war vor hundert Jahren nicht viel anders. Die Handwerkskunst ist dieselbe geblieben, nur die Firmennamen haben geändert.

Schwere Zeiten überstanden

Damals versorgten Dutzende von Hutmanufakturen deutscher und jüdischer Fabrikanten wie Hückel, Böhm und Peschel von Nový Jičín aus nicht nur den k. u. k. Hof in Wien mit der neusten Hutmode, sondern die ganze Welt. Als umtriebige Handelsvertreter des Habsburgerreiches knüpften sie an den Weltausstellungen der Jahrhundertwende in Philadelphia, Chicago und Paris Kontakte und erschlossen neue Märkte. In Nový Jičín beschäftigten sie Tausende von Arbeitern, bauten für sie Wohnsiedlungen, Schulen und Spitäler und engagierten sich in der Politik.

Dann kamen die Weltkriege: Die Deutschen und die Juden wurden vertrieben oder umgebracht, alle privaten Unternehmen verstaatlicht. 1949 wurden 24 Huthersteller aus dem schlesisch-mährischen Gebiet um Nový Jičín zu einem einzigen Grossbetrieb zusammengeführt. Dessen prosaischer Name Tonak (Továrny na klobouky, Fabrik für Hüte) und der altmodische Schriftzug auf dem Fabrikdach erinnern noch heute an die dunkle Zeit der kommunistischen Diktatur.

Der Eiserne Vorhang durchschnitt fast alle Kontakte mit dem Westen. Lieferten die Novojičíner davor jahrzehntelang Tausende von Sombreros per Schiff nach Mexiko, jüdische Hüte nach New York und Zugladungen voller Fese in die Türkei, nach Afrika und Asien, ging danach praktisch die gesamte Produktion in den Ostblock. Da die Regierung Tonak aber zu einem sozialistischen Vorzeigebetrieb machen wollte, hielt sie der Firma Aufträge zu und würgte Konkurrenten ab. Somit gelang es, die Produktion, das Know-how und den Maschinenpark zu erhalten. Sogar die wilde Privatisierung nach der Samtenen Revolution 1989 hat der Qualität der Tonak-Produkte nichts anhaben können. Und die Preise sind immer noch tief.

Tonak will sich selbst verkaufen

«Das Allerwichtigste, um einen schönen Hut herzustellen, ist der Filz. Meine Schwester hat sich einen Hut made in China gekauft, der nach einer Saison völlig die Form verloren hat. Tonak-Hüte dagegen sind unsterblich», sagt Šugárková mit Überzeugung, wobei sie einschränkt: «wenn sie nicht die Motten fressen.» Das wissen neben den grossen Polizeikorps, den Marine-, Militär- und Airline-Ausstattern auch viele westliche Hut-Designer.

So manche von ihnen, wie zum Beispiel die Schweizer Hutwerkstatt Risa, die die Zürcher Zünfter und die Teilnehmer der Fête des Vignerons ausstattet, beziehen Hutstumpen von einem der drei grossen Filzhersteller in Polen, Portugal oder der Tschechischen Republik und drücken ihnen nur noch ihre Form und ihr Siegel auf. Nun will Tonak, einer der wenigen Filzhersteller, die auch noch eigene Hüte fertigen, langsam aus dem Schatten der bekannten Namen treten, ohne sie jedoch als Kunden zu verlieren – ein kniffliges Unterfangen.

Der Hut ist ein Spiegel der Geschichte

Das Hutmuseum im Novojičíner Schloss beherbergt mit 4000 originalen Hüten eine der weltgrössten Sammlungen dieser Art. Die Ausstellung schlägt einen grossen Bogen von den opulenten historischen Uniformhüten des Militärs, des Klerus und des Adels, die Macht, sozialen Status und Reichtum demonstrierten, über die wilden Zwanziger mit ihrem Tüll- und Pfauenfedern-Schmuck bis zu den Kriegsjahren mit Bérets und Tropenhelmen. Im Besucherzentrum unter den Lauben am Hauptplatz werden Filme über die Produktion bei Tonak gezeigt, liegen Felle und Filz zum Berühren bereit und Hunderte von Hüten zum Anprobieren.

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