Switzerland

Sittenpolizisten im Netzwerk von Tamedia

Videokameras analysieren, ob wir Masken tragen. Die Tamedia-Redaktion nutzt die Daten. Die digitale Technik inspiriert die Sittenwächter.

Rainer Stadler (ras.), seit 1989 bei der NZZ, hält in seiner Kolumne «In Medias Ras» der zur Selbstgerechtigkeit neigenden Medienbranche den Spiegel vor.

Rainer Stadler (ras.), seit 1989 bei der NZZ, hält in seiner Kolumne «In Medias Ras» der zur Selbstgerechtigkeit neigenden Medienbranche den Spiegel vor.

Am Donnerstag publizierte der Zeitungsverbund von Tamedia einen Artikel über das sozial korrekte Verhalten der Zugbenutzer. Online erschien der Bericht am Abend zuvor als Titelgeschichte. Auch im Newsletter bekam er einen prominenten Platz. Es musste sich um etwas Wichtiges handeln. «Schlusslicht Zürich» lautete die Schlagzeile in der Ausgabe für die Schweizer Medienhauptstadt. Demnach ist dort im Landesvergleich die Lust am geringsten, eine Maske aufzusetzen. Nur 14 Prozent tun es.

Die Aufmachung des Berichts mochte schnelle Leser zur Annahme verleiten, die Reisenden würden gegen das seit Montag geltende Gebot verstossen, im öffentlichen Verkehr Mund und Nase zu verhüllen. Tatsächlich ging es um die Praktiken ausserhalb der Züge. In den Bahnhöfen besteht keine Tragpflicht.

Die Maskenfrage greift in den Alltag fast aller ein. Entsprechend können die Redaktionen mit einer grossen Neugierde ihrer Kunden rechnen. Dies vor allem wenige Tage nach dem behördlichen Erlass und der Ausschaltung des selbstverantwortlichen Handelns. Zahlreiche Medien realisierten stichprobenartige Berichte – es waren gleichsam massenmediale Reflexe auf privatpolizeiliche Anwandlungen im Publikum: Wenn ich es tun muss, tun es dann auch die anderen? Der Tamedia-Verbund handelte systematischer, und das irritiert.

Die Sternzeichen des Jahres 2020 .

Die Sternzeichen des Jahres 2020 .

Imago

Der Bericht beruht auf Aufnahmen von Videokameras, die eine Spezialfirma an Standorten installiert hatte, wo zahlreiche Personen den Weg kreuzen. Die «Roboter» sind in der Lage zu erkennen, wer eine Maske trägt und wer nicht. Bereits drei Wochen zuvor hatte Tamedia entsprechende Auswertungen veröffentlicht.

Eine solche Überwachung erinnert an derzeit vielgescholtene Praktiken in China. Der Bericht versichert, dass keine Gesichtserkennung praktiziert werde und der Datenschutz gewährleistet sei. Gleichzeitig platziert die Redaktion jedoch im Artikel ein grosses Bild, auf dem gut erkennbar ist, wie sich einzelne Passagiere ohne Maske im Zürcher Bahnhof bewegen. Der Widerspruch zur Beteuerung, Anonymität zu gewährleisten, ist eklatant.

Die Passanten begehen kein Verbrechen, was die Sache harmlos erscheinen lässt. Aber wer will sich ungefragt in diesem Zusammenhang öffentlich ausstellen lassen? Denn die Bildlegende suggeriert, es werde gegen eine behördliche Pflicht verstossen. Das trifft nicht zu. Man mag dies relativieren mit handwerklicher Nachlässigkeit, wie das im redaktionellen Alltag vorkommt. Hier geht es aber um mehr. Sichtbar wird eine naive Vernarrtheit in die Potenziale digitaler Techniken; besonders manifest wird dies auch im derzeit populären Datenjournalismus, der gerade im Hinblick auf Coronavirus-Trends dem Publikum eine gefährliche Scheinpräzision vorgaukelt.

Der Chefredaktor des Tamedia-Verbunds hat seit der Aufhebung der Corona-Einschränkungen in Kommentaren vor einem Chaos gewarnt und für eine Maskenpflicht plädiert. Wie andere Redaktionen ebenfalls. Zweifellos steht viel auf dem Spiel. Weitere epidemiologische Massnahmen zum Schaden des wirtschaftlichen Gedeihens wären verheerend. Vorsicht ist darum nötig. Vertrauen in die Entscheidungsfähigkeit des Einzelnen braucht es aber ebenso. Sittenpolizeiliche Allüren, wie es der Tamedia-Bericht zum Ausdruck bringt, schaffen dafür ein schlechtes Klima.

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