Switzerland

Sieg für die Zürcher Google-Revoluzzer

Google-Mitarbeitende in Zürich haben sich in einem Streit mit dem eigenen Management rund um Mitarbeiterrechte durchgesetzt.

Gemäss TA-Recherchen fand am 24. Januar eine interne Abstimmung statt. Dabei sprachen sich die Google-Mitarbeitenden für die Einführung einer Personalvertretung aus. Stimmberechtigt waren alle Google-Mitarbeitenden mit Sitz in Zürich, auch «Zoogler» genannt. Damit ist das Management gemäss Schweizer Mitwirkungsgesetz verpflichtet, Wahlen für eine Personalvertretung durchzuführen. Google beschäftigt in Zürich rund 5000 Personen, der Standort ist einer der wichtigsten des IT-Riesen.

Kaum Kenntnis von Rechten

Ein Softwareingenieur, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, setzte sich während Monaten in einem Kernteam von 20 bis 30 Mitarbeitenden für mehr Mitspracherechte beim IT-Konzern ein. Er betont die Wichtigkeit eines Personalverbands – vor allem für die vielen «Zoogler», die aus dem Ausland zugezogen seien: «Sie kennen das Schweizer Arbeitsrecht kaum und wissen nicht, an wen sie sich bei internen Problemen wenden können», sagt der Ingenieur. Auch viele Manager seien mit der Schweizer Gesetzeslage kaum vertraut. «Eine solche Vertretung stärkt unsere Stellung innerhalb des Konzerns.»

Auf mehrfache Anfrage reagierte der Konzern bisher nicht.

«Auch viele Google-Manager sind mit dem Schweizer Arbeitsrecht kaum vertraut.»Mitarbeiter von Google Zürich

Ein Personalverband bietet theoretisch die Möglichkeit auf mehr Mitsprache bei Google-internen Vorgängen oder mehr Transparenz, was die eigene Arbeit betrifft. Eine Personalvertretung könnte auch als wichtige Anlaufstelle für Mitarbeitende dienen – etwa bei Problemen mit Mobbing oder sexueller Belästigung. Themen, die vor allem bei Google in den USA zuletzt sehr präsent waren und verschiedentlich dazu führten, dass sich Angestellte des IT-Konzerns in den USA zu Protestmärschen versammelten.

Für die revoltierenden «Zoogler» geht es nun in die Verhandlungsphase. Gemeinsam mit dem Google-Management sollen in den nächsten Wochen die Kompetenzen des Personalverbandes ausgehandelt werden. «Ich schätze, dass wir im Sommer die erste Google-Personalvertretung haben werden», sagt der Mitarbeiter.

Widerstand aus dem Management

Google blickt in Zürich auf eine 15-jährige Geschichte zurück. Dass die Angestellten nun ihre erste Personalvertretung erhalten, hat auch mit der Syndicom zu tun. Die Gewerkschaft steht seit längerem in Kontakt mit den Googlern. «Die Bewegung bei Google Zürich zeigt, dass Personalvertretungen keineswegs ein alter Zopf der Industrie sind», sagt Syndicom-Sprecherin Lena Allenspach. «Auch Angestellte grosser Digitalkonzerne wollen die Demokratisierung der Arbeitswelt und diese auch mitgestalten.»

Die Öffnung für mehr Mitarbeiterrechte bei Google ist das Resultat jahrelanger Verhandlungen und Konflikte. Seit 2015 suchten Schweizer Gewerkschaften mehr oder weniger erfolglos den Kontakt zur Geschäftsleitung in Zürich. 2018 wurden die Zoogler dann selbst aktiv, sie traten von sich aus mit der Syndicom in Kontakt.

Google-Mitarbeitende nahmen die Hilfe der Syndicom in Anspruch. (Foto: Reto Oeschger)

Ein wichtiger Auslöser war das Projekt «Dragonfly». Google war damals drauf und dran, eine Suchmaschine für China zu entwickeln, die den Zensuransprüchen der Regierung entspricht. Websites, die kritische Informationen über die Verletzung von Menschenrechten oder die Einschränkung der Redefreiheiten in China publizieren, würden von Dragonfly zensiert.

Details zu Dragonfly veröffentlichte 2018 die Investigativ-Plattform «The Intercept». Vielen Google-Programmierern wurde dadurch bewusst, an was sie eigentlich arbeiteten. Einige traten in den Streik und beklagten sich über mangelnde Transparenz, was den Sinn ihrer Arbeit betrifft – so auch in Zürich. Das Projekt wurde gemäss Google im vergangenen Juli eingestellt.

Im Februar 2019 trafen sich erstmals Google-Mitarbeiter mit der Syndicom. Sie liessen sich ihre Mitwirkungsrechte erklären. Im Sommer darauf sollte es zu einem weiteren Treffen im Google-Sitz an der Europaallee kommen – die Geschäftsleitung verhinderte dies. Im vergangenen Oktober schliesslich konnte das Treffen stattfinden, obwohl Google-Chefs den Anlass abermals absagen wollten.

Reaktionen in den USA

Auch in der Google-Heimat, den USA, sorgten die aufmüpfigen «Zoogler» für breite Aufmerksamkeit. Portale, die im ganzen Silicon Valley gelesen werden, berichteten über den Vorfall. Entsprechend werden «Zoogler» nun von Personen aus Übersee beglückwünscht:

Syndicom-Sprecherin Allenspach bezeichnet das Beispiel Google als möglichen Präzedenzfall. Sie hoffe, dass das Vorgehen der «Zoogler» Schule mache, sagt die Syndicom-Sprecherin. «Insbesondere bei IT-Unternehmen.» «Das vorliegende Ergebnis ist der kollektive Erfolg von Mitarbeitenden bei Google, welche für ihre Rechte und mehr Mitwirkung eingestanden sind.»

Das hofft auch der Google-Ingenieur, der gleichzeitig sein Management auch etwas in Schutz nimmt. Der gewerkschaftliche Dialog, wie er in der Schweiz in der Regel geführt werde, sei auch für das Management neu gewesen. «Sie wussten nicht, was sie erwartet.» Das Ziel sei nun, eine Lösung auszuhandeln, die für beide Seiten stimme.