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«Sie müssen jetzt Verantwortung übernehmen», sagt die Richterin zum FCZ-Fan. Warum dieser seinem Klub bisher keine Ehre machte

Ein 22-jähriger FCZ-Fan verstösst gegen Stadion- und Rayonverbote, ist bei einer Schlägerei zwischen verfeindeten Fangruppen anwesend und beschimpft einen Polizisten. Die Einzelrichterin gibt ihm eine letzte Chance.

Aufnahme im Stadion Letzigrund von 2013: Er habe nie zur Südkurve-Szene gehört, er schaue nur die Spiele im Stadion in der Südkurve an, erklärt der beschuldigte 22-Jährige vor Gericht. Ob das stimmt?

Aufnahme im Stadion Letzigrund von 2013: Er habe nie zur Südkurve-Szene gehört, er schaue nur die Spiele im Stadion in der Südkurve an, erklärt der beschuldigte 22-Jährige vor Gericht. Ob das stimmt?

Adrian Baer / NZZ

«Sie haben jetzt wirklich Glück gehabt», so spricht eine Zürcher Einzelrichterin dem beschuldigten FCZ-Fan bei der Urteilseröffnung ins Gewissen: «Wir hätten Sie auch in die Kiste schicken können.» Das Gericht habe ihm aber nur eine Geldstrafe auferlegt, weil es den Eindruck habe, dass der Beschuldigte vom Strafverfahren beeindruckt sei. Sie wisse zwar ganz genau, dass die Geldstrafe von der Mutter und der Schwester des verschuldeten Beschuldigten bezahlt werde, räumt die Richterin ein. Das sei guter Familiensinn. Sie hoffe aber, dass er seinen Familienangehörigen das Geld zurückzahle.

Vor Gericht steht ein 22-jähriger, in der Schweiz aufgewachsener armenischer FCZ-Fan. Keine Berufslehre. Arbeitslos. Finanziell wird er von seiner Familie unterstützt. Er habe nie zur Südkurve-Szene gehört, er schaue nur die Spiele im Stadion in der Südkurve an, erklärt er. Einen Anwalt hat er nicht, er verteidigt sich allein, rund zehn Unterstützer aus seiner Familie und seinem Umfeld sitzen im Zuschauerraum. Die Anklage umfasst Vorwürfe des mehrfachen Landfriedensbruchs, des mehrfachen Hausfriedensbruchs, der Beschimpfung und des mehrfachen Ungehorsams gegen eine amtliche Verfügung. Der Staatsanwalt will den Widerruf von zwei früher bedingt ausgefällten Geldstrafen, eine Gesamtstrafe von 120 Tagessätzen à 30 Franken und 1000 Franken Busse. Insgesamt ist der Beschuldigte dreimal vorbestraft, unter anderem wegen Hehlerei und Vergehen gegen das Bundesgesetz über explosionsgefährliche Stoffe.

Prügeleien unter verfeindeten Fangruppen

Sechs verschiedene Delikte sind aufgeführt. Fünf gibt der Beschuldigte zu, eines bestreitet er: Er soll anwesend gewesen sein, als am 29. Juli 2017 an der Zürcher Limmatstrasse Fans von GC und FCZ mit Fäusten, Füssen und teilweise mit Holzstangen gegeneinander prügelten und ein Beteiligter erheblich verletzt wurde. «Das stimmt nicht», sagt er. Die Texte von Whatsapp-Chats und die Standortbestimmung seines Handys deuteten aber auf seine Teilnahme, gibt die Einzelrichterin zu bedenken. – Er habe zu jenem Zeitpunkt gar kein Handy gehabt, behauptet der 22-Jährige, und er sei wirklich nicht bei der Prügelei dabei gewesen. Zudem treffe er sich in Tatortnähe regelmässig mit Kollegen an einem Kiosk, deshalb wohl die Ortung. – «Mit welchen Kollegen?» – «Das weiss ich nicht.»

Die restlichen Anklagepunkte gibt der Beschuldigte zu: Er betrat den Letzigrund und das Fussballstadion in St. Gallen, obwohl gegen ihn ein gesamtschweizerisches Stadionverbot besteht (das noch bis mindestens Januar 2021 andauert). Er wohnte im November 2018 dem Spiel zwischen dem FCZ und Bayer Leverkusen in Leverkusen bei, obwohl ihm untersagt worden war, die Schweiz zu verlassen. Er beteiligte sich im Oktober 2018 im Bahnhof Winkel in St. Gallen daran, kurz vor Abfahrt des Zuges Steine und pyrotechnisches Material gegen die Polizisten zu werfen, wobei drei Polizisten und zwei Passanten verletzt wurden.

Und im Juni 2018 sagte er bei einer Kontrolle zu einem Polizisten: «Scheissbulle, Scheissbulle!» – «Nimm mich doch mit auf die Wache, damit ich mich ausziehen muss und du dir nachher wieder einen runterholen kannst.» Er sei alkoholisiert gewesen. Wenn er Alkohol trinke, werde er «ein bisschen aggressiv». Heute sei ihm die Sache peinlich, meint der Beschuldigte eher kleinlaut.

Gericht hat keine Zweifel

Die Einzelrichterin verurteilt ihn schliesslich anklagegemäss, sieht aber von einer Busse ab. Der beschimpfte Polizist erhält eine Genugtuung von 200 Franken zugesprochen. Das Gericht habe trotz den Bestreitungen keine ernsthaften Zweifel, dass der Beschuldigte während der Schlägerei an der Limmatstrasse gewesen sei, erklärt die Einzelrichtern. Ihm werde aber nur vorgeworfen, dass er sich dort aufgehalten habe, nicht, dass er Verletzungen mitverursacht habe. Ob er dreingeschlagen habe oder nicht, wisse das Gericht letztlich nicht. 

Es sei aber eben nicht so, dass es nur die Beteiligten betreffe, wenn sich Fangruppierungen gegenseitig die Köpfe einschlügen, belehrt ihn die Einzelrichtern: «Ich habe Mühe damit, wenn ich sehe, welche Kosten das für die Öffentlichkeit verursacht.» Der Beschuldigte bedankt sich für das Urteil. – «Sie müssen sich nicht bedanken, Sie müssen jetzt Verantwortung übernehmen», erklärt ihm die Richterin. Das sei das letzte Mal, dass das Gericht eine gewisse Milde walten lasse. Irgendwann müsse er sonst auch mit einer Landesverweisung rechnen.

Nebst der unbedingten Geldstrafe von 120 Tagessätzen à 30 Franken (3600 Franken) und den 200 Franken Genugtuung müssen die Mutter und die Schwester des FCZ-Fans nun auch 2100 Franken Gerichtsgebühren, 1300 Franken für das Vorverfahren und 735 Franken für die Telefonkontrolle bezahlen.

Urteil GG190168 vom 10. 2. 2020, noch nicht rechtskräftig.