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Switzerland

Sie laufen durch alle 2484 Strassen von Zürich

Der Weg ist wie von Zauberhand verschwunden. Also schaut sich Martin Kern beim Schlachtdenkmal am Zürichberg seine Karte nochmals ganz genau an. Da ist der Weg doch eingezeichnet! Vor ihm aber ist er unauffindbar. Das ist ein Problem für Kern. Schliesslich hat er sich vorgenommen, einmal durch jede Strasse von Zürich zu laufen. Zusammen sind das 2484 Strassen, Strässchen und (Privat-)Wege.

Der 37-Jährige ist ein Läufer der etwas anderen Art und wohl auch ein kleiner Pionier. Zumindest wüsste er von keinem, der sich Zürich schon einmal auf diese Weise komplett erlaufen hat.

Gleiches dachte sich Andrea Pestoni. Der 42-jährige Wahlzürcher aus dem Tessin startete am 19. September 2019 in sein Abenteuer, ganz Zürich abzulaufen. Im Gegensatz zu Kern dokumentiert er sein Vorankommen online. So stiess Kern vor rund drei Wochen auf Pestoni und mailte ihm, dass er sich Zürich bereits seit dem 1. Januar 2019 erlaufe. Pestoni nahm es sportlich, flugs traf man sich, um ein paar Wege auf dem Uetliberg, die noch keiner eingesammelt hatte, unter die Füsse zu nehmen.

Andrea Pestoni läuft Kilometer um Kilometer durch Zürich. (Bild: Andrea Zahler)

Während Jurist Kern damit rechnet, in ein bis zwei Monaten am Ziel zu sein, schätzt Webdesigner Pestoni, circa ein Drittel seines Wegs hinter sich zu haben. Würde man eine Strasse an die andere reihen, ergäben sich 1199 km. Aber das ist Theorie. In der Praxis fallen eher 2000 km an, da Pestoni und Kern mehrmals die gleiche Strasse passieren.

Das Handy immer griffbereit

Zu Beginn liefen sie schlicht drauflos, meist von daheim oder dem Büro aus – zack, hatten sie ein paar Strassen auf sicher. Mittlerweile fahren sie mit dem Bus oder Tram in entferntere Stadtkreise, um dort ihre vorbereiteten Runden zu ziehen.

Stets dabei haben sie ihr Handy, damit sie kontrollieren können, ob sie nun wirklich alle Strassen eingesammelt haben, die sie sich vorgenommen haben. Während Pestoni jeden erlaufenen Kilometer online stellt, mag es Kern analoger: Er überträgt die absolvierte Strecke von seinem Account bei Strava (internetbasiertes Tracking) auf eine 1:20 000er-Karte. Sie ist voller blauer Linien seines Filzstifts.

Beide laufen zweimal in der Woche abends nach der Arbeit und jeweils samstags und sonntags. So kommen sie auf 40 bis 50 km – und zu neuen Einblicken in ihre Stadt. Viel steiler sei sie als erwartet, finden beide, und vielfältig in ihrer Architektur.

Auch No-gos bzw. -runs kennen sie: Die Stadtzürcher Autobahnabschnitte lassen sie aus. Sie mögen ihr Leben schliesslich.

Und die Namen erst! «Im eisernen Zeit» am Schaffhauserplatz hat es Kern besonders angetan. Praktischerweise kann man online nachschauen, warum Zürichs Strassen heissen, wie sie heissen. Eine schmiedeeiserne Sonnenuhr war damals an der Hausfassade angebracht. Auch der Rumpumpsteig in Wollishofen gefällt ihm. Dass es da hinaufgeht, hört der Laie noch heraus. Rumpump wiederum dürfte sich auf ein Haus oder eine Wirtschaft mit lärmigen Bewohnern oder Gästen beziehen, die «rumpelidumpten».

Überhaupt haben die beiden Läufer lernen müssen, dass Stadtzürcher Beamte durchaus Hobbypoeten sind. Vom Schnee­glöggliweg beim Letzi­grund geht es rasch zur Edelweissstrasse, dem Gladiolenweg oder dem Cyklamenweg, dem Alpenveilchenweg also. Auch Frauen-, Stein- oder Tiernamen finden sich. Viele dieser Strassen sind problemlos zu erlaufen, doch wenn ein Trottoir oder zumindest eine Ausweichmöglichkeit fehlt, wird es für die beiden Stadtläufer knifflig.

Martin Kern ist der zweite Läufer, der Zürich entdeckt. (Bild: PD)

Kern zückt seine Karte und zeigt auf eine Stelle der Albisriederstrasse, diesem Cheib von Stutz nach Uitikon. Ein kurzer Abschnitt liegt wie der Bauch eines U in einem Minitöbeli, das rechts und links hochgeht. Da muss man auf der Strasse laufen. Sowohl Kern wie Pestoni haben sich darum vorgenommen, die Stelle frühmorgens anzupacken, wenn die Chance minimal ist, auf einen Autofahrer zu treffen.

No-gos bzw. -runs kennen sie trotzdem: Die Stadtzürcher Autobahnabschnitte lassen sie aus. Sie mögen ihr Leben schliesslich. Kern verzichtet «aus Respekt» auf das Durchlaufen von Friedhofsstrassen – Pestoni hält sich von kleinen, namenlosen Privatwegen fern.

Willkommen im Club!

Ihr Projekt unterscheidet sich in einem weiteren Punkt: Kern hält sich an seine 1: 20 000er-Karte – Pestoni orientiert sich an Google Maps. Beide geben sich also selber vor, wie sie ihre Reise umsetzen. Strikte Regeln existieren keine, seit der US-Ultramarathonläufer Rickey Gates diese kleine Bewegung mit seinem Lauf durch San Francisco im November 2018 lancierte (siehe Kastentext unten). Er ist ein wachsamer Vorläufer. Nach Pestonis Premierejog mailte ihn Gates an und hiess ihn im Club willkommen.

Es war für Pestoni, der erst seit zwei Jahren regelmässig läuft, eine zusätzliche Motivation. Er hat sich mit dem Projekt selber überrascht: Geht er nun Strassen sammeln, empfindet er das Laufen kaum mehr als Training. Auch Kern, seit langem Läufer mit vielen Wettkämpfen in den Beinen, findet die Ablenkung schlicht positiv. Weil beide zudem langsam unterwegs sind – es gilt ja immer wieder, die Karte zu konsultieren –, sind die Einheiten locker und rasch ­verdaut.

Bleibt vor allem bei Martin Kern, der bald ankommt, die Frage, was folgt. Er zögert, sagt dann: Er habe sich damals neben der 20 000er- auch eine 17 500er-Karte von Zürich gekauft. Die eine oder andere Strasse, die ihm beim gröberen Raster allenfalls entging, liesse sich damit noch einfangen.

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