Switzerland

«Sie können uns Trost spenden»: Kulturwissenschafterin Elisabeth Bronfen untersucht Pandemiegeschichten

Während des Lockdown hat sich Elisabeth Bronfen in ihrer Zürcher Wohnung durch Pandemie-, Katastrophen- und Zombiefilme gezappt und Literaturklassiker über die Pest oder Cholera wieder gelesen. Die Essenz davon gibt es als Buch und ab Samstag als Mini-Serie am Zürcher Theaterspektakel.

Warum benutzen US-amerikanische Virologen die Zombiemetapher, wenn sie über Viren sprechen?

Elisabeth Bronfen: Die Autorin Siri Hustvedt hat das so erklärt: Ein Zombie ist weder lebendig noch tot. Virologen hingegen sind sich unsicher darüber, ob Viren lebendige Organismen sind oder nicht. Zudem ist ein Zombie ein Wesen, das sich zwar nicht in einen fremden Organismus einnistet, aber das Fleisch von Lebenden braucht, um weiterzuleben. Die gebissenen Menschen infizieren andere Menschen. Das amerikanische Institut Centers of Disease Control hat bereits 2011 eine Graphic Novel veröffentlicht, welche der Bevölkerung die Grundlagen der Notfallversorgung erklärt – mit dem visuellen Erbe von Zombie-Filmen.

Immerhin: Infizierte wurden während der Covid-19-Pandemie nicht als gefährliche Menschen gebrandmarkt, wie man das von den Filmen her kennt.

Ja, überraschenderweise war in den letzten Wochen keine Tendenz da, Infizierte zu stigmatisieren. Man hielt Distanz zu ihnen, kümmerte sich aber auch um sie. Da habe ich ganz liebevolle Szenen in meiner Nachbarschaft beobachten dürfen, die man in Zombie-Filmen nie sehen würde. Dieses Sich-Kümmern steht auch im Gegensatz zu historischen Pandemieausbrüchen wie der Cholera, der Pest und auch der Spanischen Grippe. Dort gehörte eine Stigmatisierung und Abgrenzung der Erkrankten zur Tagesordnung. Vielleicht ist der klassische Zombiefilm auch gar nicht die richtige Denkfigur für die Covid-19-Pandemie, auch wenn diese Gattung in den letzten Monaten von vielen konsumiert wurde.

Comiczeichnerin Kati Rickenbach hat das Universum aus Zombie TV gezeichnet.

Woran orientiert man sich besser?

Ich halte Pandemiefilme für aufschlussreicher. Fast allen Pandemiefilmen und -büchern ist gemein, dass die Erkrankungsgefahr irgendwann vorübergeht. Darin besteht der Optimismus, den das Genre verbreitet. Zugleich warnen diese Texte, dass es immer wieder neue Pandemien geben werde. Für uns heute wieder sehr aufschlussreich ist von Steven Soderbergh der Film «Contagion» (2011). Er zeichnet nach, welche Schritte in solch einer Krise unternommen werden, bis endlich ein Serum gefunden wird. Besonders treffend finde ich weiterhin Albert Camus’ Klassiker «Die Pest». Damals las man den Roman als Chiffre für die deutsche Besatzung während des Zweiten Weltkriegs. Heute finden wir dort sehr präzis die fünf Stadien einer Pandemie wiedergegeben. Und ich befürchte, wir sind erst in der vorletzten. Wir sind vom Kampf gegen das Virus erschöpft, aber wir begreifen auch, es wird noch einige Zeit weitergehen, wir merken, es wird auch übermorgen nicht vorüber sein.

Sie zitieren in Ihrem neuen Buch «Angesteckt: Zeitgemässes über Pandemie und Kultur» den britischen Autor Daniel Defoe, der neben «Robinson Crusoe» Anfang des 18. Jahrhunderts ein Buch über die Pest in London verfasste. Was haben Sie von ihm gelernt?

Es gab schon damals übermütige Leute, die sich nicht an die vorgeschriebenen Schutzmassnahmen halten wollten. Sie waren damals dafür verantwortlich, dass die Pest sich so fatal verbreiten konnte. Und wie Boccaccio, auf den er explizit Bezug nimmt, stellt Defoe fest, dass eine Pandemie die Ärmsten am schlimmsten trifft, während sich der Adel, ähnlich wie der heutige Geldadel, aufs Land zurückziehen kann.

Hätte man das Buch Boris Johnson zur Lektüre empfehlen sollen? Wäre dann alles besser gekommen?

Der britische Premier hat klassische Altertumswissenschaften studiert. Er hat Defoe höchstwahrscheinlich gelesen, genauso wie er wahrscheinlich Mary Shelleys apokalyptischen Roman «The Last Man» (1826) kannte. Wir können noch so viel Literatur lesen und Filme schauen. Es wird uns nicht abhalten, aus machtpolitischen Gründen, aus Gier, aus Egozentrik zu handeln.

Wann hilft uns Kunst trotzdem über die Runden?

Wenn die Katastrophe eintrifft, kann uns die Literatur oder das Kino helfen, zu verstehen. Sie können uns Trost spenden. Vieles, was wir jetzt erleben ist schon einmal passiert. Zudem gibt es zumindest eine Überlebende: Diejenige, die die Geschichte erzählt.

In Ihrem Buch beschreiben sie, wie am Anfang des Lockdown in den Sozialen Medien ein Brief des US-amerikanischen Autors F. Scott Fitzgerald verbreitet wurde. Den Brief soll er in Quarantäne in Südfrankreich während der Spanischen Grippe geschrieben haben. Der Clou: Er war eine Parodie. Warum sind Sie und andere darauf hereingefallen?

Der Brief wurde auf dem Internetportal McSweeney’s des bekannten Schriftstellers David Eggers veröffentlicht. Der Verfasser dieses Pastiches hat sich die Sprache Fitzgeralds angeeignet und stellt sich vor, was er über Ausgangs­sperre und Händewaschen zu sagen gehabt hätte. Die Leute, die den Brief online verbreiteten, haben aber ausgelassen, dass es sich um eine Parodie handelt. Wahrscheinlich war der Brief auch deshalb so wirksam, weil wir uns in die Roaring Twenties zurück versetzen wollten. Aus Fitzgeralds Roma­nen kennen wir die Dekade als eine ausgiebige Partykultur. Was wir vergessen: Sie beginnt mit der schrecklichen Spanischen Grippe, in der Millionen gestorben sind. Und sie endet im Börsencrash 1929. Die Par­odie läuft hingegen auf einen Funken Optimismus hinaus. Fitzgerald beschreibt einen Silberstreifen am Ho­rizont. An dem wollten sich wohl die Leser und Leserinnen, glaube ich, festhalten.

Ist es nicht gefährlich, Pandemien mit grossen Erzählungen aufzu­laden?

Wir können die Welt nur verstehen, indem wir uns Geschichten über sie erzählen. Ich zitiere gern die US-amerikanische Journalistin Joan Didion. Sie spricht von «stories we live be». Wir brauchen Geschichten, um uns in schwierigen Zeiten zu orientieren; um mit traumatischen Erfah­rungen leben zu können. Nun kann man allerdings während einer Pandemie ganz unterschiedliche Geschichten erzählen: Sentimentale Geschichten über die Wiedervereinigungen von Fami­lien. Philosophisch-zynische Geschichten über die ständige Wiederkehr einer Seuche. Aufklärerisch- empörte Geschichten, die sich als Warnung vor dem Nicht-hinsehen-Wollen verstehen.

Warum funktionieren die Geschichten der Verschwörungstheoretiker besonders gut?

In der Antike sind die Götter für das Schicksal der Menschen verantwortlich. In der Bibel hat Gott alles in der Hand. Das ist auch die Pointe des Puritaners Daniel Defoe. Die Seuche wird als eine göttliche Bestrafung verstanden. Sie zwingt uns, reumütig zu sein. Sie lehrt uns Demut. Susan Sontag, die US-amerikanische Essayistin, hat in ihrer Studie «Krankheit als Metapher» gezeigt, dass bis weit ins 20. Jahrhundert hinein Bestrafungsnarrative benutzt werden, um Pandemien zu er­klären. So schrecklich die Strafe ist, es hat auch etwas Beruhigendes. Die, die sie trifft, sind schuldig. Und: Es gibt eine göttliche Instanz, die straft, die für die furchtbare Krankheit verantwortlich ist.

Football news:

Zidane über Jovics Zukunft: es kann alles Passieren. Ich kann nichts sagen, bevor das Fenster geschlossen wurde
Flick über das Interesse der Bayern an kramaric: ich kenne Ihn Gut, habe aber nichts davon gehört
In dieser Gruppenphase der Champions League haben wir drei Klubs. Und wie endete die Kampagne mit den beiden?
Sulscher über Transfers: keine Neuigkeiten. Wir arbeiten mit dem, was wir haben, Manchester United hat einen großen Kader
Guardiola bestätigte, dass Zinchenko bei Manchester City bleiben wird
Bayern gewann 5 Trophäen in einem Jahr. Um den Rekord von Barça zu wiederholen, muss ein weiterer Klub aus München 2020 die fünfte Trophäe gewinnen. Zuvor hatte der FC Bayern trebl die Meisterschaft und den DFB-Pokal sowie die Champions League in der Saison 2019/20 gewonnen. Dann siegten die Münchner im Europapokal
Flick holte 5 Trophäen mit Bayern nach 40 spielen