Switzerland

Sforza über Corona beim Mami (75): «Die Sorgen fressen dich fast auf, wenn die Krankheit zupackt»

BLICK: Herr Sforza, was macht diese Corona-Krise aus uns Menschen?
Ciriaco Sforza:
Ich spüre bei vielen Menschen in meinem Umfeld eine gewisse Unsicherheit, depressive Phasen, Zukunftssorgen und manchmal sogar ein wenig Angst. Die Menschen wissen nicht, was auf sie zukommt. Ich versuche gerade, in der Familie immer wieder zu sagen: Es macht keinen Sinn, Angst zu haben. Wir müssen ruhig bleiben.

Depressionen sind ein Thema, über das Sie früher sehr offen sprachen. Können Sie anderen Menschen einen Rat in dieser schwierigen Zeit geben?
Mit sich selber als Mensch Geduld haben, das vielleicht. Aber in Paniksituationen reagiert jeder anders. Das ist nicht zu unter­schätzen.

Ihnen geht es heute gut?
Ja, mir geht es fantastisch. Und jede Sache, die du erlebt hast, bringt dir etwas für deinen Rucksack.

Die Gastrobranche beschwert sich stark. Verstehen Sie das?
Ich bin kein Experte in diesem Gebiet. Aber aus meiner Sicht geht es im Moment um mehr. Es geht um das Wohl aller Menschen, und da muss man gewisse Regeln akzeptieren. Ich halte mich daran, bin kaum unterwegs, sondern zu Hause bei meiner Familie. Und hoffe, dass alle gesund bleiben.

Es gibt auch ältere Menschen, die vereinsamen.
Die Gefahr ist da, natürlich. Und die Angst, die habe ich zum Beispiel mit meinem Mami erlebt. Wie du von Sorgen beinahe aufgefressen wirst, wenn die Krankheit dich plötzlich packt.

Ihre Mutter war an Corona erkrankt?
Ja. Und einige in ihrem Umfeld auch. Sie ist 75, und plötzlich kommt die Müdigkeit, der Husten. Da bekommst du Panik und Angst, das ist doch klar. Es sind diese Momente, in denen du einfach spürst, dass du Gesundheit nicht kaufen kannst. Und wie wichtig es ist – ob als Sohn oder als Trainer – für den anderen Menschen da zu sein. Man muss immer beten, dass man glücklich und gesund bleibt.

Wie helfen Sie Ihrer Mutter?
Ich wohnte zum Glück nah bei ihr, wie die ganze Familie. Meine Schwestern und ich versuchten, sie zu beruhigen. Aber jeder muss mit gewissen Situationen selber fertig werden. Und Corona kannst du erst verstehen, wenn du es in deinem nahen Umfeld erlebt hast.

Ihr Vater starb vor drei Jahren, es war ein harter Schlag für Sie. Stimmt es eigentlich, dass er bei Schweiz gegen Italien jeweils das blaue Trikot trug?
Das muss 1993 gewesen sein, als wir Italien in Bern 1:0 schlugen. Ja, mein Vater war einige Male für die andere Seite. Er kam mit 18 aus ­Neapel als Maler in die Schweiz und hatte dann logischerweise zwei Herzen in seiner Brust. Noch schlimmer war allerdings, dass er AC-Milan-Fan war …

Sie waren bei Inter …
Sie können sich vorstellen, was da zu Hause los war bei den Derbys … (Lacht.) Ich wuchs da schon mit viel Flair für meine Wurzeln auf im Aargau, zu Hause sprachen wir Italienisch, klar.

Hatten Sie eigentlich mal ein Angebot, für die Squadra Azzurra zu spielen?
Ja, aber für mich war das kein Thema. Ich bin hier geboren, habe hier die Schule gemacht und wollte der Schweiz etwas zurückgeben.

Die Nati trifft in nächster Zeit gleich dreimal auf Italien.
Es werden spannende Spiele. Die Italiener sind auf einem guten Weg mit vielen jungen Spielern. Wir haben dafür mehr Erfahrung, mehr Spieler, die schon länger auf Top-Niveau sind. Darum sind auch wir nicht chancenlos.

Das Ziel an der EM muss also der Viertelfinal sein?
Meist bleiben wir ja im Achtelfinal stecken, diesen «Fluch» müssen wir ablegen. Aber klar, wenn es passt, kann die Schweiz das schaffen.

Es könnte eine Geister-EM werden …
… ich hoffe nicht, aber man weiss nicht in dieser komischen Zeit, die alle Menschen auf die eine oder andere Art beschäftigt.

Sie sind mit 47 nochmals Vater geworden in einer neuen Beziehung. Können Sie als erfahrener Mensch Ihre junge Familie anders geniessen denn als junger Spieler, als Sie mit 26 Vater wurden?
Ja, das ist ein grosser Unterschied. Bei den ersten beiden Kindern war ich zwischen 26 und 29 Jahre alt, spielte in der Nati, Bundesliga und Champions League. Da bist du jeden zweiten Tag im Hotel. Heute bin ich in einem Alter, in dem ich ruhiger und klar im Kopf bin. Ich habe mehr Zeit, erlebe es näher und intensiver. Es ist eine schöne Zeit mit den Kindern, die inzwischen drei und fünf sind.

Was hat sich für die Kinder verändert, seit Sie nicht mehr Trainer beim FC Wil, sondern beim FC Basel sind?
Nichts. Wirklich rein gar nichts. Sie haben Freude am Leben und sind stolz auf unsere Familie. Ich sage ihnen, dass sie bodenständig und anständig bleiben sollen. Dass sie jedem Menschen mit Respekt begegnen sollen.

Hat Corona Ihren Job als Trainer verändert?
Ein bisschen schon, weil du als Trainer mit gewissen Dingen umgehen musst. Plötzlich musst du eine andere Einheit gestalten, weil der oder der Spieler wieder erkrankt ist. Und ja, du erwischst dich selber, dass du immer wieder denkst, dass hoffentlich nichts passiert. Und die grösste Veränderung sind die leeren Stadien.

Dann hört man Sie wenigstens auf dem Feld.
Es fällt den Leuten plötzlich auf, dass ich mitgehe. Dass ich laut rede. In vollen Stadien ist das nie jemandem aufgefallen.

Erstaunlich war, dass Sie Patrick Rahmen als Assistent holten. Er sollte vor eineinhalb Jahren FCB-Trainer werden. Warum haben Sie das zugelassen?
Das hat überhaupt nichts mit zulassen zu tun. Ich kenne Patrick seit längerem, ich bin der Götti seines Neffen. Er ist ein Top-Fachmann mit Erfahrung im Juniorenbereich. Patrick ist das Bindeglied zwischen U18 und U21, er trainiert separat die Talente.

Und er hat alle Diplome, um Sie eines Tages zu ersetzen.
Nein, das interessiert ihn nicht. Patrick ist loyal. Er wurde mir vom Verein ja auch nicht vor die Nase gestellt, sondern wir haben gemeinsam entschieden, dass er der richtige Mann für diese Stelle ist. Ich habe vor niemandem Angst, nie. Ich möchte auch immer Top-Leute neben mir haben.

Eine komische Konstellation ist, dass Sie beim FCB neben Trainer auch Sportchef sind.
Das bin ich nicht. Wenn mich der Präsident fragt, ob ein Spieler interessant ist, dann bin ich kein guter Cheftrainer, wenn ich ihm nicht meine Meinung sage. In Sachen Vertragsverhandlungen halte ich mich raus. Und daher bin ich auch kein Sportdirektor.

Holen Sie noch einen neuen Spieler, zum Beispiel für Linksverteidiger Jorge, der einen Kreuzbandriss erlitt? Oder einen Ersatz für Cabral im Sturm?
Wir werden sehen, wie sich der Transfermarkt entwickelt. Ich werde jedenfalls nicht jammern, sondern mit jenen Spielern arbeiten, die uns zur Verfügung stehen. Ich für mich selber muss schauen, welche Spieler beim FCB eine Zukunft haben und welche nicht.

Keine Zukunft hat Athletik-Trainer Nacho Torreno. Warum muss er gehen?
Das ist eine Frage, die Sie dem Verein stellen müssen. Sobald es dazu etwas zu kommunizieren gibt, wird dies auch gemacht.

Das Ziel des FCB ist es, auf viele Junge zu setzen. Aber mit Xhaka, Zuffi, Frei, Kasami, Stocker, Widmer und Van Wolfswinkel haben Sie zig Routiniers im Team. Wenn alle spielen, ists eine der ältesten Mannschaften der Liga.
Auf Junge zu setzen, ist interessant, aber du musst einen Mix finden. Und auch ein Gerüst mit älteren Spielern haben, welche die jungen führen. Aber bei mir hat keiner einen Freischein, kein alter und kein junger.

Warum haben Dimitri Oberlin, Aldo Kalulu und Samuele Campo, drei Vielverdiener im Vergleich zu den jungen Wilden, keine Chance bekommen?
Was heisst keine Chance? Campo beispielsweise hat zu Beginn der Saison oft gespielt. Aber mit allen dreien wurden Gespräche geführt. Ich als Cheftrainer möchte auf gewissen Positionen Top-Talente weiterbringen. Das habe ich von Anfang an allen persönlich so mitgeteilt. Eine offene und klare Kommunikation zwischen Spielern, Trainer und Vereinsführung ist mir etwas vom Wichtigsten.

Am Samstag startet Basel nun gegen den FC Zürich. Was macht Sie zuversichtlich, YB noch abzufangen?
Es geht nicht um YB, es geht um uns. Wir müssen ruhig bleiben und eine konzentrierte Vorbereitung absolvieren.

Wenn YB sein Nachholspiel in Lugano gewinnt, sind es acht Punkte Rückstand. Das ist kaum aufholbar.
Auf dem Papier schauts nach viel aus, aber es kann schnell gehen. Mit einer Niederlage sinds nur noch fünf Punkte. Wir geben alles, auch wenn wir wissen, dass YB eingespielt und athletisch top ist. Und ich sage Ihnen: Wenn bei uns alle topfit sind, dann dürfen wir uns auf die Rückrunde freuen. Aber das Ganze braucht eine gewisse Ruhe und Zeit. Ausserdem ist erst knapp ein Drittel der Meisterschaft gespielt.

Lassen Sie uns noch einen Blick in Richtung Bundesliga werfen …
… da will ich gleich über Urs Fischer reden. Es ist unfassbar, was er mit Union Berlin macht. Dort zu stehen, wo er jetzt mit dieser Mannschaft ist, das musst du erst mal schaffen.

Und Christian Gross, rettet er Schalke vor dem Abstieg?
Ich wünsche es ihm. Und ich wünsche es Schalke 04. Dieser Verein muss in der Bundesliga bleiben. Er hat eine Herkulesaufgabe übernommen, aber mit seiner Erfahrung kann er es schaffen. Dieser 4:0-Sieg gegen Hoffenheim kann einen Schub geben.

Lucien Favre musste in Dortmund gehen. Empfanden Sie es als fair?
Eher nicht. Was Lucien geleistet hat, ist grossartig. Überall, wo er war, haben die Mannschaften top gespielt, hatten eine Handschrift, auch der BVB. Ich mag seine Art, wie er Fussball spielen lässt.

Aber die deutschen Medien, die mochten ihn nicht.
Vielleicht haben sie ihn in Deutschland manchmal falsch verstanden, vielleicht wollte er sich manchmal anders ausdrücken. Aber das schmälert trotzdem nicht, was er in Dortmund auch ohne Titel geleistet hat.

Persönlich

Ciriaco Sforza debütiert mit 13 Jahren in der 2. Liga beim FC Wohlen. Als 16-Jähriger spielt er bei GC – und macht dann eine herausragende Spielerkarriere. Schweizer Meister und Cup­sieger, deutscher Meister mit Kaiserslautern und Bayern München, dazu Sieger in der Champions League und im Uefa-Cup und viele Jahre Stratege der Nati. Als Trainer arbeitet er in Luzern, bei GC, dann in Wohlen und in Thun. Dann legt er eine vierjährige Pause ein, weil er mit einem Burnout zu kämpfen hat. 2019 übernimmt er beim FC Wil. Und nun ist er Trainer in Basel. Sforza hat zwei erwachsene Kinder aus erster Ehe und zwei Kinder mit seiner neuen Lebenspartnerin. Er wohnt in Wohlen.

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