Switzerland

Selbst nach dem Tod sind rebellische Freigeister nicht vor dem Zugriff des Staates sicher

Arthur Rimbaud und Paul Verlaine haben die französische Dichtkunst aufgemischt und unkonventionelle Leben geführt – zum Beispiel waren sie homosexuell. Auch deswegen will man sie, diese «Symbole der Diversität», jetzt ins Panthéon überführen.

Um 1872 führten Paul Verlaine und Arthur Rimbaud (sitzend, links) eine Liebesaffäre. Jetzt sollen sie gemeinsam ins Panthéon kommen. Gemälde von Henri Fantin-Latour um 1872.

Um 1872 führten Paul Verlaine und Arthur Rimbaud (sitzend, links) eine Liebesaffäre. Jetzt sollen sie gemeinsam ins Panthéon kommen. Gemälde von Henri Fantin-Latour um 1872.

Man weiss ja nicht, was einen nach dem Tod erwartet, aber ein paar schlimme Szenarien kann sich der phantasiebegabte Mensch durchaus ausmalen. Sollte die letzte Stätte einem Keller gleichen, wäre das zum Beispiel nicht sehr lustig, und enthielte dieser Keller nicht einmal Wein, müsste man den Ort ernstlich fürchten. Gerade grosse Geister drohen jedoch in solch trister Umgebung zu enden, jedenfalls in Paul Verlaines Augen: Als sein verstorbener Landsmann Victor Hugo 1885 mit Pomp ins Pariser Panthéon verbracht wurde, beschrieb er die nationale Grabstätte in ein paar bissigen Zeilen als «cave où il n’y a pas de vin».

Nun wird der nonkonforme Lyriker vielleicht selber in den unwirtlichen Keller kommen, denn eine Petition an Emmanuel Macron verlangt, dass die sterblichen Überreste von Paul Verlaine und Arthur Rimbaud ins Panthéon aufgenommen werden. Dort würden die Literaten neben 78 vorwiegend männlichen Persönlichkeiten ruhen, die seit 1791 zu Ruhm und Ehre der Nation beigetragen haben.

Französische Oscar Wildes

In den erlauchten Kreis gehören die beiden Poeten laut den Petenten natürlich wegen ihres dichterischen Werks. Dazu aber seien Rimbaud und Verlaine auch Symbole der Diversität: Die beiden Männer, die während rund zwei Jahren eine turbulente Liebesbeziehung führten, hätten Homophobie ertragen müssen und seien heute als französische Oscar Wildes zu ehren. Dieser Meinung sind neben den Urhebern des Aufrufs auch etliche Grössen des kulturellen und politischen Lebens; allein neun frühere Kulturminister haben die Petition unterschrieben, und auch Roselyne Bachelot, die gegenwärtige Ministerin, hat ihre Unterstützung zugesichert.

Empört ist dagegen die Urgrossnichte von Arthur Rimbaud, die sich nicht nur daran stört, dass ihr Vorfahr aus dem Familiengrab in den Ardennen entfernt werden soll. Auch mit dem Hinweis auf Rimbauds Homosexualität hat sie ihre Mühe, und unter Experten ist denn auch sogleich ein heftiger Streit um die sexuelle Orientierung der Poeten entbrannt. Während die einen betonen, dass beide Männer auch mit Frauen zusammen waren und sich nicht über ihre Homosexualität definierten, führen die anderen Text um Text ins Feld, um das unverrückbare Schwulsein der Dichter zu belegen und ihren Einzug ins Panthéon als moralischen Fortschritt zu verkaufen.

Ihr Himmel liegt anderswo

Gerade die Politiker, die dem Vorhaben so wohlgesinnt sind, tun natürlich gut daran, das Leben der zwei Männer möglichst akribisch zu durchleuchten. Schliesslich müssen Helden heute eine blütenweisse Weste haben, wenn sie auf einem Sockel bestehen sollen, und in Gruften dürfte die Latte diesbezüglich nicht tiefer liegen. Anstatt nur das Liebesleben der Poeten zu erforschen, sollte man dann aber besser auch gleich die Waffengeschäfte untersuchen, die Rimbaud nach seiner kurzen literarischen Karriere in Afrika tätigte. Und ob der homosexuelle Verlaine beim Publikum auch dann noch Gnade fände, wenn seine Gewalt gegen Frau und Kind zum Thema würde, muss wohl eine Kommission für intersektionelle Fragen klären.

Doch am klügsten wäre es, die Politiker würden sich ins Werk der rebellischen Poeten vertiefen und sich deren Haltung zum französischen Staat in Erinnerung rufen. Rasch würde man dann merken, dass bürgerliche Konventionen die beiden Dichter nicht interessierten und Rimbaud mit staatlichen Institutionen so wenig anfangen konnte wie Verlaine mit einem weinlosen Keller. «J’ai horreur de la patrie», schrieb Rimbaud etwa 1873, notabene in einem Werk, das den Titel «Eine Zeit in der Hölle» trägt. Den Himmel, das kann man mit einiger Sicherheit sagen, hatten Rimbaud und Verlaine nicht im Panthéon vermutet.

Football news:

Barcelona-die erste Mannschaft, für die zwei 17-jährige Spieler Im Champions-League-Spiel erzielten
Die Entwicklung von Atalanta hat einen entscheidenden Punkt erreicht: der Klub wird sich bald entweder zu Napoli oder zu Roma entwickeln. Miranchuk ist ein Symbol für Veränderungen
Sharonov trat in den Trainerstab von Zypern Paphos
Juran führte Chabarowsk SKA
Brügge-Stürmer Dennis über Zenit: ich habe gesagt, dass ich nur Grandas Tore, aber es war ein Witz
PSG-Verteidiger Kimpembe über das 1:2 gegen Manchester United: wir können nur uns selbst die Schuld geben
Lopetegui über das 0:0 gegen Chelsea: Sevilla zeigte ein gutes Teamspiel