Switzerland

Sehen und nicht gesehen werden: So verbringen unsere Kulturredaktoren die Quarantänezeit

Privatkonzert: Weg vom Bildschirm

Kunst und Kultur sind mein Alltag. Ob jetzt im Homeoffice oder normalerweise auf der Redaktion. Der Unterschied: Ausstellungsbesuche und persönliche Treffen sind nicht möglich. Der Bildschirm des Laptops ist nun mein Fenster in die Kunstwelt, da schaue ich, was die Museen uns neu nach Hause liefern, am Smartphone verfolge ich via Social Media, wie sich die Kulturszene der Krise stellt. Am Abend sind meine Augen viereckig und müde. Nun wären Kino, Theater, ein Konzert angesagt – oder Sport mit Kolleginnen, sich mit Freunden an den Tisch setzen. Waldspaziergänge bieten Erholung, gut Kochen am Abend leibliche Highlights.

Und Kultur? Wieder ins Gerätli und auf Bildschirme schauen mag ich nicht. Lesen ja, aber die müden Augen verlangen nach Pause. So veranstalte ich Privatkonzerte. Vom englischen Komponisten Benjamin Britten kenne und liebe ich das «Lachrymae» von 1974. Ich höre mir drei Aufnahmen an, versuche herauszuhören, warum mir die Viola hier zu süss, das Streichorchester da aufdringlich, dort beglückend eindringlich scheint.

Ich bin nicht Fachfrau für Musik, aber bei diesen Vergleichen bemerke selbst ich Unterschiede. Dann sehe ich, es gibt Cello-Konzerte von Britten. Die gönne ich mir, über Lautsprecher und in ganzer Länge. Dazu – gut englisch – ein Glas Portwein. Jetzt kann ich zurücklehnen, nur hören, die Augen schliessen, in andere Sphären abtauchen, geniessen. Zum Glück ist es keine Liveaufnahme, denn Applaus macht klar: Ich bin in Quarantäne.

Vorfreude auf DVD: Streaming hat seine Tücken

Zwei Dinge nahm ich mir zum Ziel: Endlich «GRM» von Sibylle Berg fertig lesen und mindestens eine in der Vergangenheit verpasste TV-Serie nachholen. Zu nichts und wieder nichts bin ich gekommen. Denn Freizeit vermehrt sich nicht automatisch, musste ich lernen, nur weil ich plötzlich nicht mehr pendeln muss.

Noch weine ich dem Aus von «Die Schaulustigen» nach, meines Lieblingspodcasts über Kino und Fernsehen. Dafür höre ich nun täglich das «Echo der Zeit» von Schweizer Radio SRF und hole hier mein Update über die Coronakrise. Auch etwas Kultur, sage ich mir. Eine Kultur der gepflegten Information. Danach, jedenfalls, bin ich informiert, ein wenig besorgt zwar, aber weniger panisch als nach einem Tag mit ständigem Blick auf die Online-News oder in den TV mit seinen verstörenden Aufnahmen aus italienischen Intensivstationen.

Zwar habe ich es endlich geschafft, bei der Netflix-Konkurrenz Sky Show in die Serie «Gomorrha» hineinzuklicken. Doch gibt es in der Originalfassung mit ihrem unverständlichen neapolitanischen Singsang keine Untertitel! Und auf die synchronisierte Version ausweichen gehört sich nicht, finde ich. Und so habe ich die DVD-Box reserviert. In der Bibliothek. Im Wissen darum, dass ich noch ein Weilchen warten muss, bis ich einfach so irgendwo ein paar DVDs abholen darf. Und dabei wird mir plötzlich bewusst, welche Möglichkeiten uns bleiben im Streaming-Zeitalter. Trotz Lockdown.

Wiederentdeckt: Neues, altes Hörerlebnis

Doch, doch! Corona hat auch seine positiven Seiten: Zum Beispiel verändert es meinen Musikkonsum fundamental, die Art, wie ich privat Musik höre. Das sogenannte Cherry-Picking, das springen von Song zu Song, von Musiker zu Musiker, von Epoche zu Epoche, das mit den Streaming-Portalen aufkam, tritt in den Hintergrund. Stattdessen höre ich wieder ganze Alben.

Yes! Ich tauche ein in die grossen Meisterwerke des Jahres 1970 wie «After the Goldrush» von Neil Young. Ich lasse mich forttragen von den gnadenlos unterschätzten Debüts «Curtis» von Curtis Mayfield (der schönste Falsett des Pop!) und «Everything is Everything» des fast vergessenen Donny Hathaway (die schönste Stimme des Soul – sorry Marvin!). Versuchen Sie es auch! Eine Offenbarung, ein grosses Hörerlebnis für die kleine Stube.

Und doch vermisse ich das Liveerlebnis. Immerhin einen kleinen Ersatz bietet das Montreux Jazz Festival, das auf seiner Website 50 Konzerte aus dem Archiv anbietet. Einen Monat gratis. Ich finde Sternstunden von Nina Simone 1978, Marvin Gaye 1980 und dem irischen Gitarrenhexer Rory Gallagher 1974. Es sind Konzerte für die Ewigkeit. Doch für den neusten, heissen Shit empfehle ich die Plattform des Jazzclubs Moods Zürich: Shabaka Hutchins, Ashley Henry, Theon Cross aus London. «Shake Stew» aus Wien und Julie Campiche aus der Westschweiz. Und wer das Abo löst, tut Gutes: 70 Prozent der Einnahmen gehen an die Musikerinnen und Musiker. Ich sags ja: Corona hat auch seine guten Seiten.

Immer feste drauf: Hau den Corona!

Ich lebe in einer kulturellen Wüste. Sie liegt 1000 Meter ü. M. am Nordfuss des Pilatus in der Zentralschweiz und heisst Eigenthal. Dorthin, ins Ferienhaus meiner Schwiegereltern, haben ich und meine Familie uns vor Corona in Sicherheit gebracht. Eine Handvoll an den Hang geworfene Holzhäuser gibt es hier, ein paar Kühe, und nachts einen wunderbar klaren Sternenhimmel. Ich komme gar nicht dazu, die prall gefüllte Kulturagenda in Vor-Corona-Zeiten zu vermissen.

Meine Tochter möchte in der Krise auf die Beine kommen und erlernt gerade die Kulturtechnik des Gehens. Ich gehe in jeder freien Minute mit ihr die Treppen rauf und runter, manchmal zusammen mit einer Podcastfolge «Fest & Flauschig» mit Jan Böhmermann und Olli Schulz. Ich betrachte mit der Kleinen Bilderbücher, in denen sich Pinguine so dicht aneinanderknuddeln, dass ich an der Frage verzweifle, wie ich ihr je das Konzept von Social Distancing näherbringen soll.

Immerhin: Ich habe das Schlagzeug im Keller für uns entdeckt. Wenn ich unbeholfen den Rhythmus imitiere, den die Blaskapelle in dem aargauischen Dorf, in dem ich aufwuchs, einst an Dorffesten spielte, wippt meine Tochter mit dem Oberkörper begeistert hin und her und ich fühle mich dann ein bisschen wie ein Rockstar. So ein bisschen jedenfalls. Neulich fiel mir auf, dass auf einem der Becken «Corona» steht. Auf den darf meine Tochter jetzt ganz oft und ganz feste draufhauen.

Kochen mit Endo: Glück für Magen und Ohr

Der Lockdown beschert mir Bücherwurm eine kulturelle Wiederentdeckung. Sehr lange lagerte das Geschenk vernachlässigt im Küchenschrank: Die Kultur des Kochens! Nach dem ersten Wochenende, das ich mit verpassten Oscar-Spielfilmen füllte, brauchte ich kulinarische Erholung. Der zynische Moralismus von Quentin Tarantino, der in «Once Upon A Time In Hollywood» letztlich eine Gewaltverherrlichung demonstriert, und die fragwürdige Adelung der reaktionären Rachefantasie in «Joker» durch den brillanten Schauspieler Joaquin Phoenix hatten mich verärgert.

Da fiel mir beim Griff in das Kochbuchregal ein Zeitungsartikel aus dem Jahr 2004 in die Hände. Endo Anaconda beschrieb darin sein Rezept für Tomatensauce, das auch die Zufriedenheit einer Kinderschar garantiere: feinst gehackte Zwiebel und etwas Knoblauch in leichtem Olivenöl angedünstet, selbst gehäutete und gewürfelte frische Tomaten, etwas Bouillon, eine Prise Meersalz, ein Löffelchen Tomatenkonzentrat, wenn es den «Paradeisern» im Winter an Pigment und Geschmack mangelt, und vor dem Servieren ein Gutsch allerbestes «Extra Vergine» und frisches Basilikum.

Das Sugo «drapiere man auf einem dampfenden Teller Poschiavo-Teigwaren und beschneie das Gericht mit frisch geriebenem Sbrinz oder Reggiano», schreibt der singende Poet. Zum wiederholten Mal habe ich sein Rezept nachgekocht und dazu der Reihe nach meine acht CDs des Stillen Has gehört: Danke, Endo, für den doppelten Kulturgenuss.

Football news:

Napoli würde lieber Mittelfeldspieler Brügge Bonaventura Unterschreiben als Stürmer Lille Osimchen
Agent hakimi: ashrafs Ziel ist es, für Real Madrid zu spielen
PSG-Torhüter Bulka hat bei einem Verkehrsunfall in Polen einen Lamborghini zerschlagen. Zwei Menschen wurden verletzt
Nizza hat sich in den Kampf um Verteidiger Olympiakos Tsimikas eingeschaltet. Sie Interessieren sich für Loco
Lacazette lehnte Inters Angebot ab. Er könnte bei Atlético gegen Lemar eingetauscht werden
Ehemaliger Chef Scout CSKA: 99% der Arbeit des Pfadfinders ist verschwendet. Das ist spezifisch
Victor Valdez führte den Klub aus der 4.Liga von Spanien