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Sechs Monate für drei Kopfnüsse – Streit vor dem «Nordportal» artete aus

«Weil Sie bei ihrem Angriff den Kopf eingesetzt haben, kann nicht von einer schweren Körperverletzung ausgegangen werden», führte Gerichtspräsident Daniel Peyer bei der mündlichen Urteilsbegründung am Badener Bezirksgericht aus. Diese Aussage mag bezogen auf den Tathergang selber zutreffen. Wenn man die Aussage aber sprichwörtlich interpretieren will, dann hat der Angeklagte seinen «Kopf eben gerade nicht eingesetzt», sprich er hat sich dabei nicht besonders viel gedacht.

Passiert ist es in einer Sommernacht 2018. Ort des Geschehens: Das Eventlokal Nordportal am nördlichen Stadtrand von Baden. Zeitpunkt: 2 Uhr morgens. Vor dem «Nordportal» kommt es zunächst zu einer verbalen Auseinandersetzung zwischen dem Beschuldigten und de Geschädigten wie der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft zu entnehmen ist. Im Zuge dieser Auseinandersetzung stösst der Beschuldigte den Geschädigten – beide damals Anfang 20 – sodass dieser gegen eine Absperrung prallt.

Alsdann soll Roger dem 15 Zentimer kleineren Luca (Namen von der Redaktion geändert) mit seinem Kopf mindestens drei heftige Stösse gegen dessen Kopf verpasst haben. Wegen dieser drei «Kopfnüsse» habe der Geschädigte einen mehrfachen Schädelbruch mit Verlagerung von Knochenteilen nach innen erlitten. Die Folge: Luca musste eine OP über sich ergehen lassen, um die Knochenfragmente wieder richtig zu positionieren. Dies geschah mittels Titanplatten und diversen Schrauben, was eine grosse Narbenbildung im Bereich der Kopfhaut zur Folge hatte.

Zeugin: «Ich hörte, wie der Schädel des Opfers brach»

Davon ist beim Gerichtstermin aber nichts zu sehen, weil sich Luca gerade wegen der sehr grossen Narbe dichtes, halblanges Haar hat wachsen lassen. Kurz vor Prozessbeginn stehen Luca und Roger mit ihren Anwälten und Angehörten vor dem Gerichtssaal und würdigen sich dabei keines Blickes. Dies ändert sich auch im Verlaufe der gut zweistündigen Verhandlung nicht. Der sportlich gebaute Roger nimmt betont selbstsicher Platz auf der Anklagebank. Um seinen Hals hängt ein goldenes Kreuz. Luca macht derweil einen ruhigen, aber auch etwas traurigen Eindruck.

Als Erstes werden drei Zeugen befragt, die den Angriff aus nächster Nähe mitverfolgt haben. Die ersten beiden Zeuginnen – sie sind laut eigener Aussage nicht mit Luca befreundet – sagen unisono aus, dass die Aggression von Roger ausgegangen sei und Luca sich dabei passiv verhalten habe. «Beim ersten Kopfstoss hörte ich das Geräusch, wie der Schädel brach», erinnert sich eine Zeugin. Offenbar sei Auslöser des Streits der Fakt gewesen, dass Luca die Freundin von Roger kontaktiert haben soll. Der dritte Zeuge – er und Roger kannten sich damals schon – zeichnete derweil ein etwas anderes Bild des Vorfalls. Laut seiner Aussage hätten Roger und Luca gegenseitig zu einem Kopfstoss ausgeholt. Eine Version, die übrigens auch Roger so vertrat, hatte er doch gar (erfolglos) Gegenklage gegen Luca erhoben. Roger verzichtete darauf, die Zeugenaussagen zu kommentieren. Auch sah er keinerlei Anlass, das Geschehene zu bedauern oder sich bei Luca für die Tat und deren Folgen zu entschuldigen.

Und diese hatten es in sich: So ist Luca nicht nur äusserlich vom Angriff gezeichnet, sondern leidet seither an zeitweise starken Kopfschmerzen und spürt im Bereich der Augenbraue eine Schraube. Wegen des Angriffs musste er sich zudem in psychologische Behandlung begeben und sah sich gezwungen, die Schule abzubrechen – er war auf dem Weg zur Berufsmatura.

Angeklagter: «Mein Ziel war nie Stress»

Für die Staatsanwältin «ist es einzig dem Zufall zu verdanken, dass es bei den drei Kopfnüssen nicht zu schwerwiegenderen, respektive lebensgefährlichen Verletzungen oder zu einer bleibende Entstellung des Gesichts gekommen ist». Roger – er war zum Tatzeitpunkt nüchtern – habe die Kopfstösse wissentlich und willentlich mit voller Wucht durchgeführt und habe schwerwiegende Verletzungen Lucas mindestens in Kauf genommen. «Seine Tat war von Wut und Eifersucht getrieben», so die Staatsanwältin, was Roger zu einem gequälten Lächeln veranlasste. Auch das «Nach-Tat-Verhalten» spreche für sich. «Der Angeklagte hat weder Kooperation noch Reue oder Einsicht gezeigt und sich bis heute nie beim Geschädigten entschuldigt.»

Die Staatsanwältin plädierte auf eine versuchte schwere Körperverletzung und eventualiter auf eine einfache Körperverletzung. Sie beantragte, Roger zu einer teilbedingten Freiheitsstrafe von zwei Jahren zu verurteilen. «Bei einer bedingten Strafe wäre nicht von einer präventiven Wirkung auszugehen», so ihre Begründung. Ihre Ausführungen wurden vom Anwalt, der die Zivilklage vortrug, in weiten Teilen geteilt. Nebst Schadenersatz in Höhe von knapp 3000 Franken forderte er eine Genugtuung von 15'000 Franken für die körperliche und seelische Unbill. So sei der früher passionierte Sportler heute kaum mehr in der Lage, regelmässig Sport zu betreiben.

Wenig überraschend plädierte der Strafverteidiger für einen vollständigen Freispruch seines Mandanten sowie Abweisung der zivilrechtlichen Ansprüche. Es sei nicht klar, wer den Streit angefangen habe und von wem die Aggression ausgegangen sei. «Nur weil mein Mandat grösser ist als das vermeintliche Opfer, heisst das noch lange nicht, dass er der Täter ist.» Roger selbst sprach dann in seinem Schlusswort doch noch kurz: «Mein Ziel in dieser Nacht war nie Stress. Ich wollte nur reden. Es tut mir leid, was mein Gegenüber als Folge unserer Auseinandersetzung erleiden musste.»

Richter: «Offenbar zeigen Geldstrafen keine Wirkung»

Zeit sich darüber Gedanken zu machen, erhält Roger schon bald. Denn das fünfköpfige Strafgericht unter der Leitung von Daniel Peyer befand Roger einstimmig schuldig. Es verurteilte ihn zu zwei Jahren Gefängnis, davon ein halbes Jahr unbedingt. Auch die Genugtuung sowie der Schadenersatz – auch für Folgeschäden – wurden gutgeheissen. Der Sachverhalt, also die Annahme, dass Roger der Aggressor gewesen sei, erscheine glaubwürdig.

Dann wandte sich Peyer direkt an Roger: «Sie haben bereits vier Vorstrafen wegen Raufhandels und Widerhandlung gegen das Waffengesetz. Ganz offensichtlich scheinen sie die Geldstrafen nicht sonderlich beeindruckt zu haben. Ich hoffe, Sie waren jetzt zum letzten Mal in einem Gerichtssaal. Denn Sie müssen wissen, es wird mit jedem Mal unangenehmer für Sie.» Ob die Botschaft bei Roger ankam, war allerdings nicht ersichtlich. Dieser nahm das Verdikt, zumindest nach aussen, gelassen und ohne jegliche Reaktion entgegen.