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«Schwerverdauliches runtermassieren»

«Ich träumte davon, dicke Bücher zu schreiben, die wie ein Trichter funktionierten, die Seite für Seite immer präziser wurden, immer deutlicher und aufgeräumter, immer schärfer, bis am Ende ein einzelner Satz stehen würde, auf den alles hinauslief – die Wahrheit.»

Lüscher rät:«Seien Sie skeptisch!»

Gerade weil das Erzählen in der Zahlenwelt oft missbraucht werde, um für etwas zu werben, halte er eine gesunde Distanz dazu für wichtig, erklärt Lüscher. So rät er Leserinnen und Lesern: «Seien Sie skeptisch, vor allem gegenüber bestimmten Formen des Erzählens.» Auch die wechselnden Perspektiven, aus denen er erzählt, und sein «ironischer, distanzierter Ton» sollen verhindern, dass man beim Lesen seiner Bücher allzu tief eintaucht und alles andere vergisst.

Dabei war die Flucht vor der Wirklichkeit einst sein eigener Antrieb, zu lesen. Als Schuljunge aus einem kleinen Aargauer Dorf in die Stadt Bern versetzt, vermisste er Freunde und tat sich nach langen, einsamen Sommerferien mit der neuen Klasse schwer. «Es ist nicht ohne Ironie», gibt er zu, «dass ich mich selbst in die Literatur geflüchtet habe, meinen Lesern aber die Literatur als Flucht vor dem Alltag zu verwehren scheine.»

Auch die Poetik «Ins Erzählen flüchten» ist kein Buch zum Eintauchen. Aber eines, das die Beziehung zwischen Dichtung und Wahrheit neu auslotet und den Blick schärft auf das, was Literatur ausmacht.

Ein schöner Traum. Natürlich ist Jonas Lüscher irgendwann daraus aufgewacht. Er schreibt nun eher dünne Bücher, in denen scheinbare Ordnung aufgelöst wird und die Helden am Ende statt der Wahrheit nur ihre eigene Unzulänglichkeit freigelegt haben. Damit scheint er einen Nerv aktueller Befindlichkeit zu treffen: Seine Novelle «Frühling der Barbaren» (2013) wurde zum Bestseller, für den Roman «Kraft» (2017) erhielt er den Schweizer Buchpreis.

Der Zwang, alles zu messen

Allerdings misstraut der 44-jährige Berner, der in München lebt, solchen messbaren Erfolgsindikatoren. Für ihn sind sie Ausdruck des aktuellen Zwangs, alles quantitativ zu messen und ökonomisch zu rechtfertigen. Dem stellte er 2019 in seinen St. Galler Poetikvorlesungen all das gegenüber, was man nicht messen, sondern nur beschreiben oder erzählen kann.

Doch dem Erzählen, so Lüscher, werde von den Zahlengläubigen gern «narrative Beliebigkeit» vorgeworfen. Die erzählende Literatur könne aus deren Sicht keine allgemeingültigen Aussagen machen, weil sie dem Erleben Einzelner folge. Umgekehrt attestiert er der kapitalistischen Gesellschaft eine «quantitative Verblendung». Diese mache blind für alles nicht Messbare und wirtschaftlich nicht Nutzbare.

«Die nackte Zahl ist wenig verführerisch», stellte Jonas Lüscher in seiner nun als Buch vorliegenden Poetikvorlesung fest. «Aber mit etwas Storytelling lässt sich dem Problem effizient begegnen. Eine schöne Geschichte, emotional und lebendig, hilft Schwerverdauliches runterzumassieren. Narration als Gleitmittel für trockene Zahlen.»

Spätestens hier wird klar, dass der Autor, der seine Philosophie-Dissertation abgebrochen und der Welt der Wissenschaft den Rücken gekehrt hat, um Schriftsteller zu werden, ein kritischer Geist ist. Als solcher muss er manchmal auch unangenehm werden – wie seine Romanhelden, die er absichtlich unsympathisch gestaltet: «Sie sollen zum Widerspruch, nicht zur Identifikation auffordern.»