Switzerland

Schweizerin in Indien: «Ich fühle mich wie im Gefängnis»

Mitte März ahnt Mona Seiler erstmals, dass ihre Ferien in Indien ein unschönes Ende nehmen könnten: «Wir waren auf Neill Island am Strand, als die Polizei kam und uns sagte, wir müssten zurück in unser Hostel gehen, da der Strand wegen des Coronavirus abgesperrt werde», erzählt die 36-Jährige im Gespräch mit 20 Minuten am Telefon. Wenige Tage später poltert es abends gegen die Tür, erneut steht die Polizei da: «Sie forderten uns auf, am nächsten Morgen um 6 Uhr am Strand zu sein. Dann würden wir von der Insel gebracht.»

Aus Sorge, dass der nette Hostelbesitzer eine Busse bekommen oder sogar im Gefängnis landen könnte, stimmen Mona und ihre Mitreisenden zu. «Am Hafen erwartete uns die Polizei schon, wir wurden gefilmt, fotografiert und sehr unfreundlich behandelt. Es war sehr unangenehm.» Auf die Frage, weshalb sie die Insel verlassen müssten, sagt man ihr, das sei seit einer Tsunami-Katastrophe üblich: «Sobald eine Katastrophe droht, bringen sie alle Touristen von der Insel, damit die Lebensmittel für die Einheimischen reichen.»

Mit Gewehren und Schlagstöcken bewacht

Die Fähre bringt die Touristen nach Port Blair. Dort warten zwei Busse, welche die Gruppe von rund 30 Personen an den Flughafen bringt. «Dort angekommen, wurden die Busse in der prallen Sonne stehen gelassen, wir durften sie nicht verlassen und wussten nicht, wie es weitergeht», erzählt Seiler. Die Polizei habe sie mit Gewehren und Schlagstöcken bewacht. Erst Stunden später werden die Touristen einzeln in den Flughafen gebracht, Seiler kann ein Ticket nach Chennai lösen.

Dort angekommen, weiss niemand, wie es weitergehen soll: «Wir wurden aufgefordert, den Flughafen zu verlassen, aber alle haben uns gesagt, dass uns kein Hostel aufnehmen wird, weil sie Angst haben, dass wir mit dem Virus infiziert sein könnten.» Jemand aus der Reisegruppe schafft es schliesslich doch, eine Unterkunft aufzutreiben. Das Taxi, das Seiler dorthin bringt, kostet 500 Rupien mehr als üblich. «Da merkte ich, dass wir auch bei den Preisen übers Ohr gehauen werden.»

«Biegen wir falsch ab, werden wir vertrieben»

Im Hostel angekommen, geht es im selben Stil weiter: «Auf die Strasse dürfen wir nur von 9 bis 13 Uhr. Viele Läden lassen uns gar nicht mehr rein. Wer uns noch etwas verkauft, tut dies widerwillig und schlägt bei den Preisen für Lebensmittel oder Zigaretten das Doppelte drauf», erzählt Seiler. «Wenn wir in eine falsche Gasse abbiegen, werden wir vertrieben.»

Seiler gelingt es, über die Buchungsplattform eSky einen Flug nach Zürich zu buchen. Das Flugzeug soll am Dienstagmorgen um 4 Uhr abfliegen. Einen Tag vor Abflug erfährt sie über die App Flightradar24, dass der Flug gestrichen wurde. «Von der Airline habe ich keine Info dazu bekommen. Hätte ich mich nicht selber informiert, wäre ich um 4 Uhr morgens allein am Flughafen gestanden und hätte niemanden anrufen können», sagt Seiler.

«Keine Ahnung, wann ich zurückkommen kann»

Sie versucht, die Schweizer Botschaft in Mumbai zu erreichen – erfolglos. «Auf der Nummer kommt eine automatisch Ansage, dass Reisende auf sich selbst gestellt sind. E-Mails werden automatisch beantwortet», sagt Seiler. Ihrem Vater ergeht es in der Schweiz ähnlich: «Ich versuche seit Tagen, das EDA zu erreichen, um Informationen über einen Rückflug zu bekommen, doch ich komme nicht durch», sagt Roland Seiler zu 20 Minuten.

Mittlerweile dürfen in Chennai weder Taxis noch Tuk-Tuks fahren. «Auch wenn ich regulär einen Flug buchen könnte: Ich wüsste gar nicht, wie ich im Moment an den Flughafen kommen sollte.» Von der Botschaft in Mumbai habe Seiler eine E-Mail erhalten, dass sie auf einer Warteliste stehe. «Ob ich in einem Tag, einer Woche oder erst in einem Monat abfliegen kann – ich habe keine Ahnung.»

«Werden teilweise wie Aussätzige behandelt»

Die Situation im Hostel sei soweit in Ordnung. «Es ist relativ weitläufig. Weil wir das Gebäude aber oft nicht verlassen dürfen und die Menschen auf den Strassen uns teilweise wie Aussätzige behandeln, komme ich mir trotzdem vor wie im Gefängnis», sagt Seiler. Schwer sei es auch immer dann, wenn jemand aus der Gruppe nach Hause fliegen könne. «Am Dienstag werden die Franzosen abgeholt. Für die Schweizer hat es in ihrer Maschine aber keinen Platz.»

Das nervt Seiler: «Frankreich und Deutschland sind grösser als die Schweiz, mit viel mehr Einwohnern. Wieso schaffen diese Länder es, ihre Bürger auszufliegen, und ich werde im Stich gelassen?» Von den Behörden ist sie enttäuscht: «Wir bezahlen viele Steuern und haben ein gutes Sozialsystem. Ich verstehe nicht, weshalb man mir jetzt nicht helfen kann.»

Musik machen, um die Zeit zu vertreiben

Da das Essen für sie so teuer geworden sei, wisse sie auch nicht, wie lange ihr Geld noch ausreicht. Und auch wenn sie sich die Zeit mit den anderen noch verbliebenen Touristen mit Musikmachen vertreiben könne, sagt Seiler: «Wenn der Franzose, mit dem ich mich angefreundet habe, auch abreist, habe ich schon ein wenig Angst, dass ich in ein Loch fallen könnte.»

Seiler hofft, dass das EDA bald reagiert: «Es graut mir davor, die Rückreise allein antreten zu müssen.» Videos aus anderen Teilen Indiens machten ihr zusätzlich Angst: «Tausende Leute stehen auf diesen Videos zusammen, schreien und werfen Steine und Fackeln, während sie von der Polizei mit Schlagstöcken angegriffen werden. Die Angst, dass die Situation auch hier eskaliert, ist real.»

Auf eine Anfrage von 20 Minuten hat das EDA bisher nicht reagiert.

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