Switzerland

Schweizer Tennis-Hoffnung Jérôme Kym (17): «Ich stelle gerne meine eigenen Regeln auf»

BLICK: Wie fühlst Du Dich nach der langen Corona-Pause?
Jérôme Kym:
Es ist so geil, endlich wieder Tennisspielen zu dürfen. Seit dem 10. März hatte ich keinen Ball mehr gespielt. Ich kam heim von Thailand und wollte wieder im Nationalen Leistungszentrum in Biel einrücken – dann hiess es, es sei geschlossen und ich wusste: das geht jetzt für eine längere Zeit. Dann erhielten wir Pläne für das Konditraining und so blieb ich wenigstens fit und konnte mich motivieren, damit mir nicht langweilig wird.

Und jetzt auf dem Platz bist Du wieder umso motivierter?
Absolut. Aber ich fand die Pause trotz allem gar nicht so schwierig. Daheim konnte ich vieles machen, auch mehr helfen und meinen Eltern massiv Arbeit abnehmen. Bei mir zuhause ist die Situation so, dass Vater und Mutter am Vormittag schaffen. Am Mittag kamen sie heim und ich stand stets ab halb zwölf Uhr in der Küche und habe Zmittag gekocht. Dann Geschirr-Abwasch, Tisch abräumen, Wäsche, Staubsaugen – das sind simple Dinge, die ich lernen konnte auch für meinen künftigen Alltag, wenn ich mal einen eigenen Haushalt habe.

Was kochst Du am liebsten?
Mein Standard-Gericht ist Zürigschnetzlets mit Rösti oder Nudeln und Rüebli dazu. Aber ich kann alles ein wenig, solange man es mir kurz erklärt. Ich bin es auch gewöhnt, denn meistens koche ich mit meinem Vater am Sonntag Abend, bevor ich Montags wieder nach Biel fahre.

Wie ist das Tennis unter den gegebenen Schutzmassnahmen?
Das ist kein Problem für mich. Wir mussten uns ja auch daheim zwei, drei Monate lang daran halten. Wir müssen Hygieneregeln einhalten, viel die Hände waschen, Abstand halten – das ist alles nicht so schlimm. Ich halte mich an die Regeln und so kann mir niemand etwas vorwerfen.

Was hast Du denn am meisten vermisst in den letzten Wochen?
Dass ich nach einer harten Trainingswoche nicht mit ein paar Kollegen am Freitag oder Samstag Abend in den Ausgang gehen kann. Das ist schon cool, auch wenn ich es sonst gar nicht so oft mache. Aber das lag jetzt halt gar nie drin. Ich habe mich aber auch auf dem Platz gefreut, die Kollegen endlich wieder zu treffen.

Zurück zur Vor-Corona-Zeit: Du hattest ja einen aufregenden Saisonstart mit dem ersten Junioren-Grand-Slam.
Ja, das war super. Es begann ja mit der tollen Vorbereitung in Dubai, wohin Roger Federer mich und meine Kollegen Leandro Riedi und Dominic Stricker ganz spontan eingeladen hat. Das war natürlich unglaublich, eine bessere Vorbereitung gibt’s wohl nicht. Wir waren neun Tage da, trainierten vier Mal täglich rund zwei Stunden mit ihm. Beim Australian Open habe ich vorallem im Doppel gutes Tennis gespielt – mit Dominic erreichten wir ja die Halbfinals.

Mit vier Junioren im Feld war die Schweiz in Australien so gut wie nie besetzt. Treibt euer Teamgeist den Wettbewerb an?
Vielleicht schon. Leandro, Dominic, Jeffrey Von der Schulenburg und ich kennen uns gut. Wir sind befreundet, aber man spürte in den letzten Monaten schon, dass es langsam ernster wird. Es schaut jeder etwas mehr auf sich selbst als sonst. Auch neben dem Platz scheint die Konkurrenz grösser geworden zu sein. Wir reden zwar auf normaler Basis miteinander, aber nicht so wie früher. Jeder ist jetzt mehr für sich, auch an den Turnieren.

Empfindest du das als negativ?
Nein, das ist mir gleich. Unsere Beziehung ist mir natürlich schon nicht egal – vor allem ist mir wichtig, dass ich mit Leandro ein gutes Verhältnis habe – er ist mein bester Kolleg seit Jahren in Biel. Aber generell ist ein gewisser Egoismus aufgekommen, den spüre ich auch bei mir.

Kann man in der Einzelsportart Tennis nur egoistisch sein?
Es ist sicher nicht der richtige Sport, wenn man kein Einzelkämpfer ist. Dann sollte man sich die Wahl gut überlegen.

Sind daran schon Freundschaften kaputt gegangen?
Nein, aber es war schon schwierig. Mit Leandro teilte ich beispielsweise in Biel das Zimmer. Vor zwei Jahren nahmen sie uns dann auseinander, was uns recht angeschissen hat. Wir hörten, dass es andere störte, dass wir neben dem Platz so dicke Freunde sind und es auf dem Platz Streitereien oder Unstimmigkeiten zwischen uns gab. Wir waren wohl fast zu nah.

War es richtig, euch zu trennen?
Ich weiss nicht, ob es gut oder schlecht war. Rückblickend ist es wohl okay, aber irgendwie war es trotzdem nicht nötig.

Es herrscht scheinbar ein strenges Regime in Biel. Wie gehst du damit um?
Mir ist bewusst, dass ich die Regeln in einem Internat zu befolgen habe und korrekt sein muss, damit es keine Probleme mit den Trainern oder der Aufsicht gibt. Aber eigentlich habe ich es lieber, wenn ich meine eigenen Regeln aufstellen kann.

Hast du in Biel auch Heimweh? Roger Federer erinnert sich heute noch schmerzhaft daran …
Nein, für mich war das nie schlimm. Schon zu U12- und U14-Zeiten ging ich tageweise oft nach Biel. Ich kam immer happy heim, es war so cool dort (2015/16). Dann sagte ich bald einmal zu meinem Vater, ich wolle fix dorthin. Der Wunsch kam also von mir. 2017 zog ich dann fest nach Biel.

Du wusstest schon früh, was du willst – hat dich deine Familie so erzogen?
Ich denke schon. Wir haben zuhause alle ein sehr gutes Verhältnis miteinander. Ich werde immer unterstützt, auch wenn ich ins Ausland will. Mami und Papi halfen sich im Haushalt gegenseitig. Und wir Kinder mussten selbstständig sein, auch meine beiden jüngeren Schwestern.

Du bist fast zwei Meter gross – wurde dir das vererbt?
Meine Mutter ist mit 1,75 Meter recht gross für eine Frau, mein Vater ist normal, so 1,86 Meter. Mein Grossvater, der Vater meiner Mutter, war auch fast zwei Meter gross. Ich war von Geburt an riesig, 56 cm glaub ich, war immer schon der Grösste.

War das cool oder schwierig für Dich?
Ich sah das eigentlich immer als Vorteil, hatte nie Probleme damit, ob ich jetzt zehn Zentimeter grösser bin als alle anderen, war egal. Wenn ich meine Brille anhabe sagen mir die Leute, dass ich aussehe wie 23. Aber wenn sie mich kennen, glauben sie mir, dass ich erst Jahrgang 03 bin (lacht).

Hat die Grösse Dir auch geholfen, ein Frühstarter zu sein? Du bist ja auch der jüngste Davis Cup Spieler seit Heinz Günthardt in der Schweiz.
Ich muss sagen, ich habe sehr viel Glück mit dem Körperbau, schnell Muskeln zugenommen und ein anständiges Gewicht. Ich habe keinen typischen 03er-Körper. Das ist sicher ein Vorteil, denn ich habe noch recht viel Zeit, meine Ziele zu erreichen. Und bekam auch das Privileg, dass ich im Wachstum keine Probleme mit den Knien oder Fussgelenken bekam. Ich war nie verletzt und ich hoffe das bleibt auch so.

Machst Du wachstums-spezifische Physio?
Jeder muss selber wissen, ob er wegen gewisser Schmerzen zum Physio geht. Ich finde es wichtig, gehe zweimal pro Woche – am Dienstag massiert er mir die Oberschenkel, am Donnerstag den Rücken usw. Dann hat er in einer Woche alles am Körper wieder vorbereitet für die nächste Woche.

Spielt der Rest der Familie auch Tennis?
Nein, meine Schwestern – die Ältere ist vierzehn, die Kleine neun – reiten beide, aber nicht mehr so viel wie auch schon. Und meine Eltern machen sportlich nicht viel. Mein Vater wuchs auf einem Bauernhof auf, danach machte er eine Lehre und ging in den Wald als Förster. Danach wechselte er in den Bau und ist heute Bauleiter bei Hallwyler in Rothrist. Meine Mutter arbeitet als Schulleiterin bei uns im Dorf Möhlin.

Stimmt es, dass Ihr Fasnächteler seid?
Ja, die ganze Familie ist da aktiv. Mein Vater gehört zu einer 30-Mann-Trommelgruppe, die an Fasnacht immer unterwegs ist. Dadurch kam ich auch schon ganz früh zum Trommeln. Auch meine Mutter gründete eine eigene Fasnachts-Gruppe, die beim Umzug mitläuft.

Ist Trommeln nur ein Hobby oder machst Du auch Schlagzeug-Musik?
Nein, ich trommle nur, wenn ich gerade Zeit dazu habe. Manchmal gehe ich mit meinen Schlägern in den Wald. Du kannst zwei verschiedene Felle auf die Trommel spannen – das Kalbfell für Schönwetter, oder das Powerfell, das geht auch bei Regen nicht kaputt.

Kannst Du dich dabei gut abreagieren?
Auch, aber ich mache es vor allem, wenn ich mich auf ein Tamburenfest vorbereite. Dann nehme ich die Trommel sogar mit nach Biel, dort habe ich ein Plätzchen im Wald gefunden und übe die Stücke. Vielleicht kommt ab und zu mal jemand mit.

Verjagst Du damit nicht die Rehe und Füchse?
(Lacht.) Das kann schon sein. Aber dort verteilt sich der Lärm auf eine sehr grosse Fläche, dann ist es okay. Drinnen ist es verdammt laut – das kannst du nicht bringen, da hätte auch Swiss Tennis keine Freude.

Was bedeutet die Davis-Cup-Erfahrung für deine Karriere?
Vorallem als Severin Lüthi mich zum ersten Davis Cup im Februar vor einem Jahr aufbot, war das wie ein Zeichen für mich. Da ist jemand, der an mich glaubt! Er sagte, egal, in welcher Situation, auch wenn ich ein Jahr lang keinen Match gewinne – er würde immer noch an mich glauben. Das hilft mir mental enorm. Ich muss keine Angst haben, darf die Dinge durchziehen, die ich erreichen will. Ich habe noch selten jemanden gesehen, der so viel Vertrauen in mich setzt wie Seve.

Hat er gesagt, warum?
Er findet gut, dass ich so grosse Ambitionen habe, dass ich mir Ziele setze und die auch erreichen will. Er findet auch gut, dass es mich aufregt, wenn ich sie nicht erreiche. Dass ich nicht sage: Ich bin ja erst 16 oder 17, habe ja noch genug Zeit.

Wie äussert sich dein Ehrgeiz?
Wenn ich 6:2, 6:1 kassiere, bin ich so verrückt mit mir, dass ich vor Ärger gegen eine Wand treten könnte. Verliere ich knapp und habe gut gekämpft, bin ich eher traurig, dass es nicht gereicht hat. Aber es ist ja nicht schlimm, wenn du dich mal einen Moment lang vergisst. Solange du danach wieder runterfahren kannst.

Weinst du nach Niederlagen?
Ist auch schon vorgekommen. Aber es muss schon was Hartes, Verletzendes passiert sein. Schon als Kind habe ich nicht oft geweint. Ich habe schnell gemerkt, dass es nichts bringt, wenn ich beim Stand von 2:4 anfange zu heulen.

Welche Ziele steckst du dir jetzt?
Zunächst nicht die höchsten. Ich arbeite Schritt für Schritt an mir selber. Versuche mich im taktischen Bereich zu verbessern, dass ich in wichtigen Momenten nicht unnötige Dinge mache. Dann arbeite ich weiter an meinen Stärken, der Vorhand und dem Aufschlag, damit ich noch mehr Druck machen kann. Als Drittes will ich meine Ambitionen nicht verlieren. Ich will mit dem Beruf Tennis Geld verdienen.

Haben Sie Angst davor, durchzuhalten?
Nein. Habe ich mal eine Krise, keine Lust auf die nächste Woche, dann habe ich genügend Leute um mich herum – vom Verband, Mami, Papi, meine Schwestern oder meine Freundin – die mir sagen: Hey, spinnst du, mach dir nicht solche Gedanken. Dann komme ich schnell wieder klar.

Spielt deine Freundin auch Tennis?
Ja, aber sie konzentriert sich mehr auf die Schule.

Hattest Du schon mal ein mentales Tief?
Damals, nach dem Davis Cup, spielte ich in Oberentfelden sehr gut und bekam meine ersten ATP-Punkte. Dann ging der Rummel los mit den Journalisten und Sponsoren. So kam es, dass ich ein halbes Jahr lang keinen Ball mehr ins Feld getroffen habe. Zumindest nicht so, wie ich es kann. Daraufhin zog ich mich zurück, lehnte alles ab und blieb hartnäckig. So fand ich mich wieder selbst und etwas später auch mein Niveau.

Du musst damit rechnen, dass der Rummel mit dem Erfolg wieder los geht …
Jetzt bin ich älter, verstehe das wohl mit jedem Jahr besser. Ich bin jemand, der seine Probleme selbst lösen will, sich selbst Fragen stellt. Aber mit 15 war mir noch nicht bewusst, was alles als Profi auf mich zukommt.

Persönlich

Der Fricktaler Jérôme Kym (17) ist aktuell die Nummer 24 im internationalen Junioren-Ranking. 2018 holte er bei der U18-EM in Moskau Bronze. Mit 15 löste er 2019 Heinz Günthardt als jüngsten Davis-Cup-Spieler der Schweiz ab, gewann mit Henri Laaksonen gar das Doppel. Kym wohnt unter der Woche bei Swiss Tennis in Biel, wo er die Sekundarstufe abschloss, derzeit macht er das «First Certificate» in Englisch. Seine Freundin Liv Drolshammer spielt auch Tennis, konzentriert sich aber auf die Schule.

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