Switzerland

Schweizer Grenzgänger müssen wohl bald vom Homeoffice zurück ins Büro

Über Homeoffice wird viel Positives berichtet. Homeoffice mache kreativer, sei praktisch und effizienzfördernd, zum Beispiel. Hunderte von Schweizer Firmen haben ihren Angestellten das Arbeiten von zu Hause in den letzten Monaten gewährt, und die Angestellten haben das Angebot dankbar angenommen. Homeoffice kann aber auch kompliziert werden. Dann, wenn Arbeitsverhältnisse ins Spiel kommen, die Grenzen überschreiten.

332'177 Grenzgängerinnen und Grenzgänger zählt die Schweiz gemäss dem Bundesamt für Statistik im zweiten Quartal 2020. Das europäische Koordinationsrecht, aufgrund des Freizügigkeitsabkommens auch für die Schweiz massgebend, schreibt vor, dass in grenzüberschreitenden Situationen nur ein Staat zuständig für die Sozialversicherungen ist. «Grundsätzlich ist das derjenige Staat, in dem die Erwerbstätigkeit ausgeübt wird», heisst es beim Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV).

Das bedeutet: Die Schweizer Firma eines in Frankreich wohnhaften Mitarbeiters, der jeden Tag über die Grenze pendelt, zahlt dessen Beiträge für die Altersrente, die Arbeitslosenkasse oder die Invalidenversicherung grundsätzlich nach Schweizer Recht.

Wegen Covid-19 wurde die Regelung ausgesetzt

Wenn der gleiche Mitarbeiter nun aber mehr als 25 Prozent seiner Arbeitszeit im Homeoffice leistet, sind die Abgaben in seinem Wohnstaat Frankreich fällig – eigentlich. Wegen der ausserordentlichen Situation während der Covid-19-Krise haben sich die europäischen Staaten darauf geeinigt, auf die sogenannte Unterstellungsregel vorübergehend zu verzichten.

Diese Ausnahme erlaubte es Schweizer Firmen, ihre Grenzgänger von zu Hause aus arbeiten zu lassen. Doch in der Natur jeder Ausnahme liegt eben auch: Sie hat nicht auf ewig Bestand. Eine europaweite Frist für die Rückkehr der Unterstellungsregel gibt es nicht. Aus Sicht der Schweiz gelte die flexible Auslegung weiter, sofern mit einem Staat nichts anderes vereinbart wurde, schreibt das BSV.

Im Verhältnis zu Deutschland ist sie auf Ende Jahr terminiert. Doch andere Nachbarstaaten wollen den Normalzustand schon per 31. August zurück. Dazu gehörte neben Österreich zuerst auch Frankreich, wo über die Hälfte der Schweizer Grenzgänger lebt. Doch am Freitag wurde publik, dass die Ausnahmeregelung mit Frankreich bis zum 31. Dezember verlängert wurde.

Das Problem ist damit aber nicht gelöst, sondern lediglich aufgeschoben. Den Firmenchefs, die ihre Grenzgänger bei Wiedereinführung der Unterstellungsregel weiterhin im Homeoffice behalten, drohen höhere Kosten. Christophe Barman, Co-Gründer des Genfer Beratungsunternehmens Loyco, rechnet mit doppelt so hohen Ausgaben, wie er kürzlich dem «SRF» sagte. Ein anderer Geschäftsführer aus Genf spricht in der «NZZ» vom vier- bis fünffachen Betrag an Sozialabgaben, der in Frankreich fällig würde. Den Grenzgängern bleibt wohl nichts anderes übrig, als sich ab 1. Januar 2021 wieder in die Staukolonnen beim Zoll einzureihen.

Homeoffice für immer? Bei Novartis gilt das nur in der Schweiz

Die Rückkehr zum Status Quo betrifft auch den Pharmariesen Novartis mit Sitz in Basel. Von den rund 12'200 Angestellten sind über 30 Prozent in Frankreich und Deutschland wohnhaft. Unlängst kündigte der Konzern an, dass seine Mitarbeiter für immer im Homeoffice arbeiten können, wenn sie das wollen. Aber: Das Modell gelte ausdrücklich nur innerhalb der Landesgrenzen, wie Novartis-Sprecher Satoshi Sugimoto auf Anfrage präzisiert.

Muss Novartis seine Grenzgänger ab nächstem Jahr zurück nach Basel beordern? Sugimoto kann das weder bejahen noch verneinen, doch er sagt: «Dass es für Grenzgänger gewisse Einschränkungen bei der Wahlfreiheit geben kann, ist nicht neu und war bereits vor der Pandemie der Fall.»

Klar ist: In der frankophonen Schweiz will man die Unterstellungsregel lieber heute als morgen loswerden. Sie entspreche nicht mehr der Realität auf dem Arbeitsmarkt, klagt Blaise Matthey, der Direktor des Westschweizer Arbeitgeberverbandes, dem RTS. Etwas verhaltener gibt sich der nationale Verband. Fredy Greuter, Sprecher des Schweizerischen Arbeitgeberverbandes, sagt: «Es ist noch zu früh, um zu sagen, ob sich aufgrund der jüngsten Erfahrungen mit Homeoffice eine Anpassung der Regelung aufdrängt.»

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