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Schweizer Filmdrama «Jagdzeit» thematisiert Manager-Suizide: Hinter den Fassaden des Erfolgs

Schweizer Filmdrama «Jagdzeit» thematisiert Manager-Suizide

Hinter den Fassaden des Erfolgs

Sabine Boss präsentiert ihren mit Spannung erwarteten neuen Film «Jagdzeit» mit Stefan Kurt und Ulrich Tukur in den Hauptrollen. Das Wirtschaftsdrama basiert auf realen Ereignissen und thematisiert bekannte Manager-Suizide.

«Jagdzeit» von Erfolgsregisseurin Sabine Boss (54) läuft diesen Donnerstag in den Kinos an und gehört zu den meisterwarteten Schweizer Filmen des Jahres. Auch, weil er reale Ereignisse zum Thema nimmt, die die Bevölkerung stark beschäftigt haben. «Basierend auf wahren Begebenheiten», heisst es im Vorspann, gemeint sind die Suizide von Wirtschaftsexponenten wie Adrian Kohler, Carsten Schloter, Pierre Wauthier oder Martin Senn (siehe Box).

Am Anfang des Films standen intensive Diskussionen zwischen Boss und ihren Produzenten. «Uns fiel auf: Bei diesen Fällen verspürte kaum jemand Mitgefühl. Das Gros der Bevölkerung reagierte eher empathielos», sagt die Regisseurin gegenüber BLICK. «Doch wenn die Umgangskultur in Führungsetagen aus dem Lot gerät, sind Druck, mangelnde Wertschätzung, Demütigung und Stress in allen sozialen Schichten anzutreffen. Egal, in welchem Arbeitsumfeld, wissen Angestellte oder Vorgesetzte dann nicht mehr weiter und sehen keinen Ausweg.»

Finanzchef vs. CEO als Duell mit tragischem Ausgang

Hauptfigur im Film ist Alexander Maier, gespielt von Stefan Kurt (60), Finanzchef eines fiktiven Autozulieferers. Er ist getrennt von seiner Noch-Ehefrau, seinen Sohn sieht er unregelmässig. Dann kommt der forsche Hans-Werner Brockmann, verkörpert von Ulrich Tukur (62), der die Firma umstrukturieren soll. Ein möglicher Grossinvestor springt jedoch ab, der Börsengang wird gestoppt. Brockmann macht Maier verantwortlich, der unter dem Druck zusammenbricht.

«Das Privatleben der Figuren ist fiktiv»

Spielfilme auf der Basis von realen Ereignissen können eine Gratwanderung sein. Rechtliche Schwierigkeiten oder die Vorgaben von Angehörigen beeinflussen möglicherweise den Inhalt. Zu «Jagdzeit» sagt Sabine Boss: «Wir möchten ganz klar festhalten: Obwohl das Werk von wahren Begebenheiten aus der Wirtschaftswelt inspiriert ist, ist das Privatleben, das wir unseren Figuren gegeben haben, fiktiv.»

Ihre Beschäftigung mit dem Thema war akribisch. «Ich sprach zur Vorbereitung mit diversen CFOs von verschiedenen Firmen, grossen und kleinen, konnte Agenden einsehen und Tagesabläufe studieren. Alle Referenzfiguren waren extrem zugänglich und haben offen gesprochen. Wir zeigten den Film auch der Witwe von Martin Senn, dem ehemaligen CEO der Zurich Versicherung, welcher 2016 den Freitod wählte. Das war ein sehr berührender Moment.»

Die echt traurigen Fälle

Ricola-CEO Adrian Kohler (†53) schied im November 2011 aus dem Leben. Zwei Tage vor seinem Suizid fand eine brisante Sitzung statt. «Kohler hat den Verwaltungsrat darüber informiert, dass es zu kleineren Unregelmässigkeiten im finanziellen Bereich gekommen ist», sagte damals ein Sprecher.

Auch Swisscom-CEO Carsten Schloter (†49) musste kurz vor seinem Tod im Juli 2013 Unangenehmes ankünden. «Wir werden weiterhin jedes Jahr in gewissen Bereichen Arbeitsplätze im dreistelligen Bereich abbauen müssen», sagte er in einem Interview.

Zurich-Finanzchef Pierre Wauthier (†53), der im August 2013 Suizid beging, beklagte in seinem Abschiedsbrief die fehlende Gesprächskultur im Unternehmen. Als einziger Manager genannt war Josef Ackermann (72). Wenige Tage später trat Ackermann als VR-Präsident per sofort zurück.

Martin Senn (†62) nahm sich im Mai 2016 das Leben, nachdem er im Herbst 2015 als Zurich-CEO abgesetzt geworden war. Der Macht- und Prestigeverlust traf ihn schwer. Er wurde depressiv und zog sich aus dem öffentlichen Leben zurück.