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Schweizer Earth Overshoot Day: Ab heute lebt die Welt auf Pump

Schweizer Earth Overshoot DayAb heute lebt die Welt auf Pump

Am 13. Mai rückt die Lebensweise der Schweizer in den Fokus. Ab heute könnte sich die Erde nicht mehr erholen, würden alle Menschen so leben wie wir. Dieser Tag kommt immer früher.

Die Schweiz braucht viermal mehr an Ressourcen, als unsere Ökosysteme regenerieren können. Besonders  der Materialeinsatz beim Bauen vebraucht viel Ressourcen.

Die Schweiz braucht viermal mehr an Ressourcen, als unsere Ökosysteme regenerieren können. Besonders  der Materialeinsatz beim Bauen vebraucht viel Ressourcen.

Foto: Arno Balzarini (Keystone)

Wer ein grosses Vermögen hat, kann von den Zinsen leben – solange der Reichtum erhalten bleibt. Das wäre in der Natur auch so, nur wird das Naturkapital immer kleiner, wie die neusten Daten des Global Footprint Network zeigen. Die NGO, die der Schweizer Mathis Wackernagel 2003 mitbegründet hat, begeht seit gut 15 Jahren den Earth Overshoot Day. Es ist im Grunde der Tag des Raubbaus.

Das Global Footprint Network berechnet den Overshoot Day für jedes Land. Es unternimmt damit den Versuch, die Gesellschaft zu motivieren, ihr Lebenskonzept zu überdenken. Dieser Tag ist rein rechnerisch der Zeitpunkt, an dem der Mensch mehr natürliche Ressourcen verbraucht, als die Natur regenerieren kann. Global wird dies in diesem Jahr am 29. Juli sein. Oder anders: Die Welt braucht beim aktuellen Ressourcenverbrauch 1,75 Erden – Tendenz steigend.

Schweizerinnen und Schweizer verbrauchen so viele Ressourcen, dass es 2,8 Erden bräuchte, wenn der gesamte Planet so leben würde.

Schweizerinnen und Schweizer verbrauchen so viele Ressourcen, dass es 2,8 Erden bräuchte, wenn der gesamte Planet so leben würde.

Foto: Global Footprint Network

Die Konsequenz: Abholzung, Überdüngung, Überfischung, Verlust an Artenvielfalt. «Wir verbrauchen nicht nur jährlich die ‹Zinsen› des Naturkapitals, sondern bauen es auch ab, indem wir die Ressourcen für die Zukunft nehmen, um die Gegenwart zu bezahlen», schreibt das Global Footprint Network in einer Mitteilung. 

Für die Schweiz heisst das: Würden alle Erdenbewohner auf so grossem Fuss leben wie die Schweizerinnen und Schweizer, dann wäre das regenerierbare Naturkapital heute am 13. Mai aufgebraucht. Oder anders: Es bräuchte 2,8 Erden, wenn der ganze Planet die Lebensweise der Schweiz erreichen würde. Das Naturkapital ist denn auch stetig kleiner geworden. 1961 war der Overshoot Day noch auf den 15. September datiert. 

«Die Buchhaltung ist simpel, wir prüfen,  wie viel auf der Welt, und in jedem Land produziert wird», sagt Mathis Wackernagel.  Konkret heisst das: Es geht um die Bewirtschaftung des Acker- und Weidelandes, um die Befischung der Meere, um die Holzproduktion,  den Siedlungsraum – und um die Emissionen der Treibhausgase.  Das ergibt den ökologischen Fussabdruck des Menschen, der in Hektar pro Kopf berechnet wird. Bei der Grösse des Abdruckes spielen die Emissionen der Treibhausgase die grösste Rolle. Die Forschenden der NGO berechnen dabei, wie viel produktives Kulturland wie Wälder und Äcker es bräuchte, um die Überschüsse an CO₂ in der Atmosphäre natürlich durch die Pflanzen herauszufiltern und eine weitere Erwärmung der Erde zu verhindern.

Dem Fussabdruck stellen die Forschenden des Global Footprint Network die Ressourcen der Ökosysteme, das Naturkapital, gegenüber, die Fachleute sprechen von Biokapazität. Das Resultat für die Schweiz: Unser Land hätte rund eine Hektare zur Verfügung, um im ökologischen Gleichgewicht zu bleiben. Unser Bedarf beträgt jedoch gut vier Hektaren. Das heisst: Die Schweiz braucht viermal mehr Ressourcen, als unsere Ökosysteme regenerieren können. Es ist deshalb nicht überraschend, dass die Schweiz sehr viele Güter importiert. «Wir schätzen, dass zum Beispiel etwa 60 Prozent der Nahrungsmittel importiert werden», sagt Mathis Wackernagel.

Die Emissionen der Treibhausgase vor allem durch den Verkehr, das Heizen und industrielle Prozesse entspricht gemäss dem Global Footprint Network gut dem Dreifachen der Biokapazität der Schweiz. Die Nahrungsproduktion, geprägt durch den Fleischkonsum, macht gut ein Viertel des ökologischen Fussabdrucks aus.

Im Vergleich zu anderen Staaten wie den USA, aber auch Deutschland und Frankreich hat die Schweiz den Vorteil etwa  über eine Stromversorgung zu verfügen, die auf nur wenig fossile Energie angewiesen ist. Zudem ist die Wirtschaft durch den Dienstleistungssektor geprägt, und weniger durch eine CO2-intensive Industrie. Dennoch, so warnen Mathis Wackernagel und Kollegen im letzten Jahr in einem Bericht im Fachmagazin «Nature Sustainability», seien auch Finanzinstitute für einen starken Ressourcenverbrauch verantwortlich, sobald sie entsprechende Industriezweige wie zum Beispiel die Kohleindustrie unterstützten. 

Die enorme Belastung der Natur ist inzwischen nicht nur eine Belastung für reiche, sondern auch für arme Staaten geworden. Allein die Nachfrage nach Nahrung verschlingt die Hälfte der  globalen Biokapazität. Es geht dabei nicht nur darum, möglichst viel Nahrungsmittel wie Weizen zu produzieren. Für Adrian Müller vom Fibl, dem Forschungsinstitut für biologische Landwirtschaft, ist es an der Zeit, sich Gedanken zu machen, was man produziert. «In der Schweiz zum Beispiel ist die zweitgrösste Belegung von Ackerland Futtermais für die Tierproduktion», sagt Schmid. Unternehmen im Ernährungssektor, müssten sich nicht nur eine Klimastrategie überlegen, sondern auch den Businessplan überdenken für eine Welt mit halb so vielen tierischen Produkten.

Geht das Naturkapital weiterhin dermassen verloren wie bisher, dann erhöht sich das Risiko weltweit, in eine Armutsfalle zu geraten, schreiben Mathis Wackernagel und Kollegen im Fachmagazin «Nature Sustainability». Es gäbe allerdings viele Optionen, um das Schlimmste zu verhindern. Das Globale Footprint Network präsentiert auf ihrer Webseite eine lange Liste von Massnahmen

Martin Läubli ist Geograf und seit 2000 Wissenschaftsredaktor bei Tamedia mit Kerngebiet Klima und Energie. Seither besucht und verfolgt er die internationalen Klima- und Umweltkonferenzen.

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@mwlaeubli

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