Switzerland

Schweden setzt auf Gebote statt Verbote: Verantwortungslosen droht «Corona-Scham»

Schwedens Verzicht auf einen Lockdown zur Bekämpfung der Corona-Krise löst weltweit Erstaunen, Kopfschütteln oder Entsetzen aus. Doch die sich auf Empfehlungen statt Verbote abstützende Strategie wird von der Bevölkerung überraschend gut befolgt.

In Schweden halten sich die meisten Menschen an den Appell, der Gefahr aufgrund des Coronavirus mit Vernunft und gesundem Menschenverstand zu begegnen.

In Schweden halten sich die meisten Menschen an den Appell, der Gefahr aufgrund des Coronavirus mit Vernunft und gesundem Menschenverstand zu begegnen.

Ali Lorestani / EPA

Es ist kurz nach zehn Uhr. Auf dem riesigen Parkplatz am Stadtrand stehen bloss drei Dutzend Autos, in den Gängen des Einkaufszentrums warten Leute allein oder zu zweit, in gehörigem Abstand. Manche schauen irritiert auf die geschlossenen Geschäfte – sie haben nicht mitbekommen, dass ausser dem Supermarkt alle sechzig Läden die Öffnungszeiten verkürzt haben. Selbst um 11 Uhr werden nicht alle Gitter hochgefahren: Die Corona-Krise hat mehrere Shops in den Konkurs getrieben, fast alle Geschäfte haben Personal entlassen, obwohl sie weiter offen haben dürfen. Laut dem Branchenverband ist jedem zweiten Detailhändler die Hälfte des Umsatzes weggebrochen, jedes dritte Geschäft befürchtet einen Konkurs innert zwei Monaten.

In der H&M-Filiale sind die Ständer prall gefüllt mit Frühlingsmode – Stöbern ist erlaubt, Anprobieren nicht. Die Umkleidekabinen sind abgesperrt; ein Verkäufer meint, man solle die Klamotten doch einfach kaufen und innert sechzig Tagen zurückbringen, was nicht passt oder gefällt. Und selbst beim blau-gelben Möbelriesen hat das Coronavirus auch in Schweden Spuren hinterlassen. Als die Gesundheitsbehörde vor zwei Wochen Selbstbedienung verbot und Tischservice vorschrieb, schloss Ikea die Restaurants, nicht aber die Verkaufsflächen der schwedischen Filialen.

Abends, kurz vor Ladenschluss, wird auch die Kassiererin eines Supermarkts von deutlich geringeren Kundenströmen erzählen. Mit Hamstern hätten die meisten aufgehört, ausser Reis sei alles wieder da. Anfangs sei manchen Kunden das Abstandhalten nicht leichtgefallen, inzwischen hielten sich aber alle an die Markierungen vor den Kassen.

«Bleibt zu Hause. Danke»

Sorgfältiges Händewaschen, Abstandhalten und zu Hause bleiben, sobald geringste Erkältungssymptome auftreten, dies ist das Mantra der schwedischen Gesundheitsbehörde. Und, so der jüngste Appell in ganzseitigen Inseraten: «Keine gewöhnlichen Ostern. Bleibt zu Hause. Danke». Nicht mit Verwandten und Bekannten feiern, nicht ins Sommerhäuschen. Es gilt zwar bloss ein Versammlungsverbot für Gruppen von über 50 Personen, mehr als ein Häuflein Menschen auf engem Raum sieht man aber selten. «Jede(r) hat eine Eigenverantwortung, die Verbreitung des Covid-19 zu stoppen», heisst es auf der Website der Gesundheitsbehörde. Während Dänemark Mitte März die Grenzen dichtmachte, Norwegen kurz darauf gleichzog und Finnland vor zehn Tagen die Hauptstadtregion abriegelte, appelliert Schweden weiterhin an Vernunft und gesunden Menschenverstand.

Die Strategie, auf Gebote statt Verbote zu setzen, wird erstaunlich gut befolgt. Social Distancing und die Empfehlung, Ältere und gesundheitlich vorbelastete Personen zu isolieren, wurden relativ rasch umgesetzt. Die Wirtschaft erleidet zwar massive Einbussen, steht dank dem Verzicht auf einen Lockdown aber nicht komplett still. Hunderttausende Arbeitnehmer sind freigestellt, seit Grossbetriebe wie Volvo, Volvo Cars und Scania die Produktion eingestellt haben. Viele kleine und mittlere Unternehmen stehen vor dem Aus. Wer die Möglichkeit hat, arbeitet im Home-Office. Ausser Haus geht nur, wer nicht anders kann sowie gesund und symptomfrei ist – schon Räuspern löst Verdacht aus. In Grundschulen und Krippen, die weiterhin offen sind, herrscht Nulltoleranz gegenüber auch nur leicht erkälteten Kindern.

Schwedens grosszügige Sozialleistungen erleichtern den Entscheid, der Arbeit fernzubleiben: Eltern mit Kindern bis zwölf Jahren können jährlich bis zu 120 Tage Betreuungsgeld beziehen, um sich um kranke Sprösslinge zu kümmern. Im März hat die Regierung zudem den Nachweis eines ärztlichen Attests sowie den Karenztag zum Bezug von Krankengeld temporär gestrichen; wer kranke Familienmitglieder hat, darf zu Hause bleiben und «Ansteckungs-Lohnersatz» beziehen.

«Corona-Scham» statt «Flug-Scham»

Doch gesunder Menschenverstand ist auch in Schweden nicht allen gegeben. Die Bilder von ignoranten Hauptstädtern, die nicht auf Skifahren und fröhliche After-Ski-Partys verzichten wollten und so das Coronavirus in Regionen schleppten, deren Spitäler nicht auf Intensivmedizin, sondern auf Knochenbrüche spezialisiert sind, machten weltweit die Runde.

Seit diesem Wochenende sind nun alle Skigebiete geschlossen. Die Hotel- und Restaurant-Branche ächzt landesweit unter der Krise; Take-aways, grosszügige Bestuhlung und Gartenwirtschaften, die schon im eisigen März öffneten, sollen wenigstens einige Kronen in die Tageskassen spülen. Manna für die Gastronomie ist eine Initiative von Schwedens fünftgrösster Gemeinde, Linköping. Seit April erhalten über 5000 Gymnasiasten digitale Lunch-Coupons, die sie an Schultagen in allen Restaurants der Stadt einlösen können.

Schwedens Strassen und Gassen sind weniger belebt, ohne dass aber gespenstische Ruhe herrscht. In der Stockholmer U-Bahn sind die Passagierzahlen Mitte März, als die höheren Schulen schlossen und Menschen zu Heimarbeit aufgefordert wurden, um gut die Hälfte gesunken, allerdings mit grossen Variationen: An den Endstationen vieler Linien fiel der Einbruch weit geringer aus als in der Innenstadt.

Mit sozialer Kontrolle sollen Ausgehverbote vermieden werden

Wer die tödliche Gefahr noch immer nicht ernst nimmt und keine Eigenverantwortung zeigt, dem droht der öffentliche Pranger in den sozialen Netzwerken. Was gestern Flug- oder Fleisch-Scham war, ist heute «Corona-Scham»: Wer im Freundeskreis öffentlich feiert, in Grossgruppen durch die Läden zieht oder in die Osterferien reist, muss mit Hass in den sozialen Netzwerken rechnen. Mit dieser Art von sozialer Kontrolle hoffen viele Schwedinnen und Schweden, einer kollektiven Bestrafung in Form von Ausgehverboten zu entgehen. Gemäss einer jüngst publizierten Meinungsumfrage wollten 36% der Befragten ganz Stockholm unter Quarantäne stellen. In derselben Umfrage zeigten sich zwei von drei Befragten zufrieden mit Schwedens Strategie der Corona-Bekämpfung.

Das starke Vertrauen vieler Schwedinnen und Schweden in Ämter und Behörden, welche ihrerseits den Bürgern vertrauen, hat eine lange Tradition. Den Grundstein dazu legte Reichskanzler Axel Oxenstierna vor fast 400 Jahren: König Gustav II. Adolf, der während des Dreissigjährigen Kriegs auf europäischen Schlachtfeldern kämpfte, hatte den Adligen beauftragt, Schweden zu reorganisieren, um seine Macht zu sichern. Oxenstierna reformierte die Staatsverwaltung, teilte das Land in Regionen auf und bildete Behörden. Seither wird Schweden nicht primär von Politikern, sondern von Verwaltungen geführt. Noch heute gilt das Verbot der Ministerialsteuerung: Regierungsmitglieder dürfen staatliche Ämter weder beeinflussen noch ihnen Vorschriften machen (dies darf nur die Gesamtregierung).

Die schwedische Regierung will ihre Kompetenzen ausweiten 

Dies erklärt, warum Vertreter der Gesundheitsbehörde die Hauptrolle spielen an den täglichen Corona-Pressekonferenzen, an denen sie über Verhaltensregeln und aktuelle Opferzahlen informieren. Bis Sonntag sind 401 Personen an den Folgen der Pandemie gestorben bei insgesamt 6830 Infizierten – die Dunkelziffer ist jedoch hoch, da ausserhalb der Risikogruppen sehr zurückhaltend getestet wird.

Der Mangel an Test-Kits verhindert auch das Testen von Ärzten, Krankenschwestern und Personal in Altersheimen, die oft mit ungenügender Schutzausrüstung arbeiten müssen. Obwohl die schlecht gefüllten Bereitschaftslager seit Jahren kritisiert wurden, haben die zuständigen Stellen nicht agiert. Das rächt sich nun.

Mangels Notgesetzen für Krisenzeiten sind Schwedens Politikern die Hände gebunden. Dies soll sich ändern: Die Regierung bereitet ein Gesetz vor, das ihr Zwangsmassnahmen wie die Schliessung von Flughäfen, Einkaufszentren, Restaurants oder Schwimmbädern ermöglicht. Nach Einwänden der oppositionellen Konservativen und Linken krebst Staatsminister Stefan Löfven nun etwas zurück und will dem Parlament im Nachhinein ein Veto bei allfälligen Notmassnahmen gewähren.

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