Switzerland

Schüler, die nichts über Homosexuelle hören wollen oder sich weigern, eine Kirche zu betreten, gibt es in Frankreich seit Jahren

Der grausame Lehrermord in Frankreich hat an die Öffentlichkeit gespült, womit Pädagogen im Land seit langem kämpfen: Angriffe auf ihren Unterricht und auf ihre Person. Sie beklagen eine Schweigekultur und die unzureichende Zeit, die sie für Themen wie Laizität oder Meinungsfreiheit haben.

Zwei Tage nach dem Mord an Samuel Paty ist die Solidarität mit den Lehrern in Frankreich gross. Doch die Pädagogen glauben nicht daran, dass diese grundlegende Veränderungen bewirken wird.

Zwei Tage nach dem Mord an Samuel Paty ist die Solidarität mit den Lehrern in Frankreich gross. Doch die Pädagogen glauben nicht daran, dass diese grundlegende Veränderungen bewirken wird.

Charles Platiau / Reuters

«Es geht uns nicht gut.» Das ist einer der ersten Sätze, die Christine Guimonnet ausspricht. «Was Samuel Paty passiert ist, hätte jedem von uns passieren können.» Mit «uns» meint Guimonnet die Lehrerschaft und im Besonderen die Kolleginnen und Kollegen, die wie sie Geschichte und Geografie in der Oberstufe unterrichten. Damit sind sie auch für Moral- und Bürgerkunde (enseignement moral et civique, kurz EMC) verantwortlich.

Es war eine EMC-Stunde, die Samuel Paty zum Verhängnis wurde. Er zeigte zwei Mohammed-Karikaturen, um Meinungsfreiheit zu illustrieren. Der Vater einer Schülerin empörte sich daraufhin in den sozialen Netzwerken über Islamophobie am Collège in Conflans-Sainte-Honorine. Seine Videos fielen einem 18 Jahre alten radikalisierten Russen auf. Vor zwölf Tagen ermordete dieser Samuel Paty auf offener Strasse, um den Propheten zu rächen. Auch wenn Guimonnet, die an einem Gymnasium in der Nähe von Paris unterrichtet, selbst noch nie mit Drohungen konfrontiert war, so weiss sie als Generalsekretärin des Verbands für Geschichts- und Geografielehrer, dass diese kein neues Phänomen sind.

Lehrinhalte werden besonders in schwierigen Vierteln infrage gestellt

Umfrage unter 605 Lehrpersonen aus allen Stufen, Angaben in Prozent

Versuche, Lehrinhalte zu hinterfragen oder sich dem Unterricht zu entziehen (alle Befragten)

Versuche, Lehrinhalte zu hinterfragen oder sich dem Unterricht zu entziehen (schwierige Viertel)

0204060regelmässigvon Zeit zu Zeitseltennein

Schulleitungen wollen Aufsehen verhindern

Die grausame Tat hat das Unbehagen der Lehrerschaft an die Öffentlichkeit gespült. In der Folge haben einige Pädagogen anonym gegenüber Medien davon berichtet, wie sie aus Angst vor der Reaktion von Schülern und Eltern gewisse EMC-Themen ausliessen oder nur kurz behandelten: etwa den Koran, den Nahostkonflikt, die Shoah, Homosexualität, Toleranz. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts IFOP aus dem Jahr 2008 ist zwar eine Minderheit (38 Prozent) der Lehrerschaft von Boykott- und Störmanövern betroffen – der Geschichts- und Geografieunterricht aber am häufigsten.

Der EMC-Lehrplan ist weniger strikt als jener anderer Fächer. Die Lehrer können bei den Themenbereichen wählen, was sie wie tief behandeln – und damit auch die Lehrmittel, die sie dafür verwenden. Von Selbstzensur will Laurence Bardeau-Almeras nicht sprechen. Sie, die seit Jahren an einem Collège in einem Vorort von Toulouse unterrichtet, sagt aber, dass man sich schon genau überlege, wie man «sensitive» Themen angehe. Und man werde immer wieder überrascht, woran sich Schüler stören: Erst kürzlich habe ihr ein Schüler zu Beginn einer EMC-Stunde gesagt, er wolle nichts über Homosexuelle hören. Sie habe den Unterricht dann wie geplant durchgeführt, der Schüler habe glücklicherweise nicht weiter interveniert.

Ideologische Zwischenrufe im Unterricht und die wachsende Tendenz, Lehrinhalte oder Methoden infrage zu stellen, beobachtet Bardeau-Almeras seit etwa sieben, acht Jahren, vonseiten der Schüler wie auch der Eltern. Oft aus religiösen und weltanschaulichen Gründen. Neben dem Islam erwähnt sie auch fundamentale Christen. Man brauche schon sehr viel Rückgrat, denn am Ende sei man als Lehrer vor der Klasse immer allein.

In den Schulleitungen herrscht laut Bardeau-Almeras seit Jahren die Tendenz vor, negative Schlagzeilen rund um die Institution Schule um jeden Preis vermeiden zu wollen. Sie erinnert an das Schlagwort «pas de vagues» (keine Wellen), das vor rund zwei Jahren auch als Hashtag in den sozialen Netzwerken zirkulierte. Tausende von Lehrpersonen beklagten damit die Schweigekultur von ihren Vorgesetzten bis ins Ministerium, wenn es um verbal wie körperlich aggressives Verhalten von Schülern ging. Auch deshalb denkt sie, dass die Zahl der «Angriffe auf die Laizität», die Lehrpersonen seit zwei Jahren unter anderem via Formular im Internet melden können, nur einen Teil der Realität widerspiegelt. Zuletzt waren es rund 900 in sechs Monaten.

Dieser Meinung ist auch Jean-Pierre Obin. Für ihn geht das Problem viel weiter – und tiefer. In seinem Buch, das er Anfang September veröffentlicht hat, fokussiert er auf den Einfluss islamistischer Ideologie auf Frankreichs Schulen. Es basiert auf den Erfahrungen, die er als Lehrer und Schulinspektor (von 1990 bis 2008) machte. 2004 hat Obin mit einem Team rund 60 Schulen in sozial schwachen Quartieren im ganzen Land besucht. Schon damals hörte er, dass Schüler französische Philosophen infrage stellten, sich weigerten, am gemischten Sportunterricht teilzunehmen oder eine Kirche zu betreten, und sich wegen «Chlorallergie» vom Schwimmunterricht freistellen liessen.

Zudem stellte Obin eine Überforderung der zumeist jungen Lehrkräfte fest, die kaum Unterstützung von ihren Vorgesetzten erwarten können. In Frankreich können Lehrer ihren Einsatzort erst mit wachsender Anciennität beeinflussen. Berufseinsteiger landen somit oft in schwierigen Quartieren.

François Fillon, der als Bildungsminister Obins Bericht vorgelegt bekam, wollte von den Ergebnissen nichts wissen. Erst nach den Anschlägen vom Januar 2015 wurde der Bericht wieder ausgegraben – und als «frühes Alarmzeichen» bezeichnet. Denn in mehreren hundert Schulen im Land hatten sich Schüler geweigert, an der Schweigeminute für die Opfer der Redaktion von «Charlie Hebdo» und in einem jüdischen Supermarkt teilzunehmen; manche rechtfertigten gar die Tat der Terroristen. Der EMC-Unterricht wurde danach ausgeweitet. Inhalte um die vier weit gefassten Themenbereiche – Einfühlsamkeit, Recht und Regeln, Urteilsvermögen und Engagement – werden nun von der Grundstufe bis zur Abschlussklasse vermittelt.

Laut Obin hat jedoch erst der derzeitige Bildungsminister Jean-Michel Blanquer Massnahmen ergriffen, die zeigen, dass das Problem erkannt worden ist. «Angriffe auf die Laizität» werden nun systematisch erfasst und betroffene Schulen unterstützt. Ein «Weisenrat für Laizität» berät seit zwei Jahren das Bildungsministerium. Obin bezweifelt allerdings, dass die Massnahmen ausreichen, um die Institution gegen Angriffe islamistischer Ideologien zu schützen: Zu dürftig sei etwa die Weiterbildung der Lehrer – grundsätzlich, aber besonders in Bezug auf das Thema Laizität.

Keine Hoffnung auf konkrete Verbesserungen

In den Reihen der Lehrer hält sich die Begeisterung für Blanquers Initiativen auch aus anderen Gründen in Grenzen. Vincent Magne unterrichtet Geschichte und Geografie sowie Französisch an einer Berufsschule in Troyes. Nicht nur im Licht des Attentats auf Samuel Paty kritisiert er, dass die EMC-Stunden im Rahmen einer von Blanquer initiierten Reform bis im kommenden Jahr sukzessive reduziert werden. Dabei wäre der Inhalt des Unterrichts doch gerade für Berufsschüler, die oft aus schwierigen Verhältnissen kämen, extrem wichtig, sagt er.

Die Lehrer aus allen drei Schulformen bemängeln die zu knappe Zeit, die der Moral- und Bürgerkunde im Lehrplan zugemessen werde: eine halbe Stunde pro Woche. Man versuche diese in Blockstunden zu gewissen Themen zusammenzufassen und wenn möglich in Halbklassen durchzuführen, sagt Christine Guimonnet. Ihrer Meinung nach ist das viel zu wenig Gewicht für all die Themen, die behandelt werden müssten – und die immer zu Diskussionen führten, da sie aktuelle Probleme der Gesellschaft betreffen. Zudem, so sagt Bardeau-Almeras, würden EMC-Stunden am ehesten geopfert, wenn man gegen Jahresende in Fächern mit strikten Lernzielen in Zeitnot gerate.

Schliesslich erinnern beide an die Forderungen, die die gesamte Lehrerschaft seit Monaten erhebt: eine bessere Bezahlung und mehr Wertschätzung. Im europäischen Vergleich sind Lehrergehälter (vor allem am Anfang der Karriere) in Frankreich allenfalls durchschnittlich – und vor allem im Vergleich mit nordeuropäischen Ländern deutlich tiefer. Der Bildungsminister hat die Lehrergewerkschaften bereits zu Gesprächen geladen. Doch der Berufsschullehrer Vincent Magne befürchtet, dass die Aufmerksamkeit für die strukturellen Probleme an Schulen bald wieder abebbt – und der grausame Mord an Samuel Paty am Alltag der Lehrer letztlich wenig ändern wird.

Derzeit sind in Frankreich Herbstferien. Alle drei Lehrer sagen, dass es sie umtreibe, wie sie das Attentat von Conflans am 2. November, dem ersten Schultag, behandeln sollen. Sie haben die Tage nach den Anschlägen im Januar 2015 in Erinnerung.

Football news:

Ole-Gunnar sulscher: Jede meiner Entscheidungen ist zum Wohle von Manchester United gerichtet. Das wichtigste ist das Ergebnis: Trainer Ole-Gunnar sulscher hat die Frage nach seiner Zukunft im Verein beantwortet
Mourinho über Tottenham: wir haben keine Bedingungen wie bei einigen Klubs. Tottenham-Trainer José Mourinho hat sich vor dem Spiel am 10.Spieltag gegen den FC Chelsea über die finanziellen Möglichkeiten des Klubs geäußert
Asar erlitt in 16 Monaten bei Real die 8. Verletzung. Er hatte 12 Verletzungen in 7 Jahren in Chelsea
Frank Lampard: Abramovich ist ein Mann, der seine Ziele erreicht. Ohne ihn nicht zu erreichen
Marcelo hat sich wirklich an den Haaren gezogen. Klarer Elfmeter. Der Ex-Richter Итурральде Gonzalez über die strittigen Thema in der Partie zwischen Real Madrid
Gasperini über Atalanta-Niederlage: die Spieler sind müde. Wir zahlen mehr für Länderspiele als für die Champions League
Neymar über Remis gegen Bordeaux: PSG spielte zaghaft. Wenn wir nicht gewinnen, wird es in der 1.Liga genauso schwer wie in der Champions League. Das Spiel ist zaghaft. Wir haben es geschafft zu Punkten, aber dem Spiel fehlten bestimmte Details. Wir müssen das beheben