Switzerland

«Schreiben bedeutet das Betreten eines Paralleluniversums»

Christine Egerszegi-Obrist: Eben ist Ihr fünfter Roman erschienen. Ist «Mondariz» ein Buch für Weltenbummler oder für Musikliebhaber?

Yorck Kronenberg: Der wichtigste Charakter des Romans ist die Insel selbst, mit ihrer Geschichte, der ganz eigenen Atmosphäre und ihrer Landschaft. Sie ist das eigentliche Gegenstück des Ich-Erzählers: Für die Dauer seines Aufenthaltes nimmt er die Rolle des Chronisten an. Musik ist da sicher nur ein Aspekt. Sie ermöglicht Begegnungen, das Interesse an ihr schafft Verbindungen zu Dorfbewohnern und zu den späten Anhängern des Komponisten Coimbra. Dessen Werk steht nicht zuletzt für die Sehnsucht des Eigenbrötlers, das Geheimnis der eigenen Existenz hörbar zu machen.

Was zieht den Musikwissenschaftler nach vielen Jahren stärker auf die Insel zurück: die Partituren Coimbras oder die Erinnerungen an die verlorene Liebe?

Erklärte Absicht des Protagonisten ist es, seine grosse musikologische Arbeit über Coimbra voranzutreiben. Für den Leser deutlich spürbar ist auch der Wille, sich der Erinnerung an eine vergangene Beziehung zu stellen: In Begleitung seiner grossen Liebe hat der Ich-Erzähler die Insel vor Jahren schon einmal besucht. Der zunächst durchaus sehnsuchtsvoll unterlegte Wunsch nach Wiederaneignung der Vergangenheit drückt sich in Rückblenden aus, deren Charakter sich im Laufe des Aufenthaltes verändert. In der Krise wandelt sich der Blick. Was einmal gewiss und heimatlich war, erscheint zunächst härter und realistischer und endlich auch spielerisch und frei. In Begegnungen mit der Dorfgemeinschaft, in der Auseinandersetzung mit ihrer Kultur und Lebensweise erfährt der Reisende sich als Teil eines neuen Ganzen, in der weder er noch seine Geschichte den gewohnten Gesetzen unterliegen. Und so könnte man sagen, dass sich gerade in der Enttäuschung seiner Erwartungen der grösste Gewinn abzeichnet: ein Neuanfang.

Mondariz ist nicht irgendein Küstenort. Es kann nur eine Insel sein. Weshalb?

Am Anfang meiner Arbeit an «Mondariz »stand das Bild eines Ortes: Durch alle Metamorphosen des Schreibens hindurch hat dieses Bild lediglich an Klarheit gewonnen. Der Roman beginnt mit der Ankunft und endet mit der Abreise – als befinde sich jenseits zweier Buchdeckel das Meer. Gerade die Begrenztheit des Ortes und seines Personals inmitten der Endlosigkeit von Meer und Himmel bietet Geschlossenheit und gleichzeitig den Fluchtpunkt des in alle Richtungen offenen Horizontes. Das hat mich als Lebensbild und auch als Sinnbild für die Literatur selber fasziniert.

Was ist das Besondere an Coimbra und seiner Musik?

José Diego Coimbra lebte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf Mondariz. Seine Entwicklung vollzog sich in der Abgeschiedenheit und Provinzialität der Insel, weitab aller Diskurse seiner Zeit. Er war ein Aussenseiter, von Dorfbewohnern belächelt, von Gleichgesinnten durch einen Ozean getrennt. Seine Musik wurde nicht aufgeführt, obwohl er wohl zeitweilig Bemühungen unternahm, mit europäischen Dirigenten der Zeit in Verbindung zu treten. Dokumentiert ist ein Briefwechsel mit Johannes Brahms, der Coimbra nach Wien einlud. Coimbra verstarb, ohne die Insel jemals verlassen zu haben. Es ist heute schwer nachvollziehbar, wann die Idee der 'Geisterstimmen' in seine Musik Eingang findet, spätestens aber seit dem grossen Zyklus der Klaviervariationen tauchen in seinen Partituren Stimmen auf, die notiert sind, vom Interpreten aber nicht mehr zwangsläufig aufgeführt werden sollen. Es findet von diesem Zeitpunkt an eine immer weiter gehende Überschreitung von Klangkunst in die Welt reiner Vorstellung statt. Stumme Musik? Das hat mich auch als Autor sehr fasziniert.

Christine Egerszegi-Obrist führte das Interview mit Yorck Kronenberg. Die frühere Ständerätin und Nationalratspräsidentin fungiert heute als Kulturbotschafterin.

Beschreiben Sie das, was der Ich-Erzähler erlebt oder leben Sie, was Sie beschreiben?

Schreiben bedeutet nicht zuletzt auch das Betreten eines Paralleluniversums, bedeutet Eintauchen, Versenkung, Eroberung und Sich-überwältigen-Lassen. Zu anderen Zeiten nehme ich Abstand, wäge, lasse wirken, erkenne Gesetzmässigkeiten und Proportionen. Es gibt während der Arbeit also immer beides: Man ist Erlebender und Betrachter einer Welt, die es ohne einen selbst in dieser Form nicht gäbe.

Sie haben einmal gesagt: «Ein Symbol ist immer grösser als seine Ausdeutung.» Was bedeutet Ihnen Mondariz?

Das Symbol ist der Schönheit des Traumes verpflichtet, seine Erklärung der Nützlichkeit. Das Symbol entspringt der Weisheit des Kindes, die Deutung der Intelligenz des Erwachsenen. Das Symbol fasst das Archaische, seine Interpretation ist zeitlich gebunden. Das Symbol ist Teil eines Spieles, in dem es um alles geht. Ich habe mich gerne auf Mondariz aufgehalten. Die Frage nach der Bedeutung des eigenen Erfahrens kommt später und kann die Integrität des ersten Impulses nicht gefährden.

Das Buch liest sich wie eine literarische Fuge, in der Gespräche und Begegnungen immer wieder neue Zusammenhänge ergeben. Steht für alle Menschen darüber die Suche nach dem eigenen Platz in einer fremden Welt?

Für die Bewohner der Insel bedeutet gerade das, was dem Reisenden fremd und exotisch erscheint – die Art zu feiern, öffentlich zu trauern oder sich zu erinnern, Mythen und Legenden – den Kern ihrer kollektiven Identität. Die Anwesenheit des Reisenden lässt einen übergeordneten Raum entstehen, der auch für die Ortsansässigen neue Blickwinkel eröffnet, ja, diese erzwingt. Das schafft neue Gemeinsamkeiten, lässt aber auch bereits bestehende Brüche in der Dorfgemeinschaft stärker hervortreten. Das alles vollzieht sich vor einer Naturkulisse, die erhaben und berückend ist, die sich nicht beherrschen lässt und für den Menschen immer auch eine Bedrohung darstellt.

«Keine andere Kunstform kann Schmerz erfüllender darstellen. Musik macht Trauer schön.» In diesem Zitat aus «Mondariz» sind der Pianist und Schriftsteller Yorck Kronenberg eins. Wie gehen Sie mit Ihrer Doppelbegabung um?

Ich stelle an mir selbst zunehmend Freude am Jonglieren fest, am Kombinieren verschiedener Elemente meiner Tätigkeiten in zuvor auch von mir selbst ungeahnten Zusammenhängen. Mein literarisches Denken ist von der Musik beeinflusst: Sie haben in Zusammenhang mit dem Roman eine Fugenform konstatiert. Ich freue mich besonders darauf, in Konzerten und bei Lesungen Werke Coimbras aufführen zu können – sobald dies wieder möglich sein wird. Auch das schafft Bezüge, mit denen zu spielen mir diebische Freude bereitet. «Mondariz »ist der erste Text, der mir das in diesem Masse ermöglicht.

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