Switzerland

Scheidender Taskforce-Experte: «Wissenschafter müssen sich frei äussern können»

Marcel Tanner, Präsident der Akademien der Wissenschaften, will Skeptiker mit Fakten überzeugen. Bild: juri junkov

Interview

Scheidender Taskforce-Experte: «Wissenschafter müssen sich frei äussern können»

Er exponierte sich unermüdlich, nun tritt Marcel Tanner Ende Monat aus der Covid-19-Taskforce des Bundes zurück. Und nimmt weiterhin kein Blatt vor den Mund.

Bruno Knellwolf / ch media

Als Professor für Parasitologie und Epidemiologie hat Marcel Tanner Generationen von Studierenden an der Universität Basel ausgebildet und geprägt. Als Malariaforscher hat er viele Jahre in Afrika gearbeitet und war später Direktor des Schweizerischen Tropeninstituts Swiss TPH. Wegen seines Einsatzes in der Coronakrise kennt man den emeritierten Professor nun in der ganzen Schweiz.

Wann werden Sie die Covid-19-Taskforce verlassen?
Marcel Tanner:
Ende Januar sollten die Arbeiten abgeschlossen sein. Das war schon länger so vorgesehen, weil wir die Task Force neu geordnet haben. Die Grundidee der Taskforce war, diese auf die vier Pfeiler der Wissenschaft in der Schweiz abzustützen: Das sind der ETH-Bereich, die Swissuniversities, der Schweizerische Nationalfonds und die Akademien der Wissenschaften. Die vier Leiter dieser Institutionen haben als Erste den Vertrag mit dem Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation für die Task Force unterschrieben und so wurde diese unter der Leitung von Matthias Egger, Präsident des Nationalfonds, aufgebaut.

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Warum nehmen Sie Abschied?
Taskforce-Chef Egger und ich als Leiter des Public Health-Bereichs sind oft im Vordergrund gestanden. Gleichzeitig sind wir aber auch die führenden Köpfe unserer Institutionen. Egger vom Nationalfonds, der auch Gelder an Corona-Projekte vergibt, und ich als Präsident der Akademien der Wissenschaften. Diese Doppelmandate, bei mir sogar Triplemandate, haben bei gewissen Vertretern der Politik zu Kritik geführt. Diese Leute haben nicht verstanden, was es für den Aufbau einer solch grossen Taskforce braucht.

Matthias Egger. Bild: KEYSTONE

Und ihr Abschied ist nun die Konsequenz daraus?
Nun will man mit der Neuorganisation diese Doppelmandate entflechten. Ich trete nicht aus, weil ich nicht mit der Arbeit der Taskforce einverstanden bin oder mir die Mitarbeit keine Freude macht, sondern weil die Neuordnung, welche die Taskforce verstetigen kann, umgesetzt wird. Bis Ende Woche wird meine Nachfolge geklärt. Jetzt konzentriere ich mich gerne auf das Präsidium der Akademien der Wissenschaften.

Wenn ein Epidemiologe wie Sie die Taskforce verlässt, geht aber viel Wissen verloren. Müsste man das nicht verhindern?
Ich habe 42 Jahre lang Public Health gemacht, ich habe geforscht und umgesetzt. In meiner praktischen Arbeit habe ich Epidemien angehen müssen und habe nicht nur am Pult geforscht und Modelle erstellt. Dafür habe ich bei der Bekämpfung von Epidemien mit Menschen aus verschiedensten Kulturen und Systemkreisen zusammen arbeiten können – eine Freude und auch ein Privileg. Es hat in der Taskforce wenige Wissenschafter, die breite und auch praktische Erfahrung in Public Health haben. Das fehlt in der heutigen Wissenschaft leider generell. Das Wissenschaftssystem zwingt jüngere Wissenschafter zu oft, schnell in einem Gebiet voranzustossen und zu publizieren, um Karriere zu machen. Dann erscheint es schon fast als «karriere-hemmend», wenn jemand über Jahre wie ich als junger Wissenschafter in Afrika gelebt und gearbeitet hat.

Werden Sie sich weiterhin zur Corona-Debatte äussern?
Man wird weiterhin auf mein Wissen zählen kommen, wie auch auf jenes von Matthias Egger. Aber ich bin nicht mehr in der aktiven Funktion eines Experten-Gruppenleiters. Jetzt müssen die jüngeren Wissenschafter ins Cockpit, nicht mehr nur die Pensionierten. Das wurde ja auch kritisiert.

Sie machten immer den Eindruck, recht resistent gegen Kritik von Skeptikern und Leugnern zu sein.
Ich bin nicht Kritik-resistent. Ich nehme alles auf, nehme es ernst und gebe auch Antwort. Ja, ich reagiere empfindlich auf die Meinung anderer Menschen. Resistent bin ich nur gegen jene, die respektlos und bösartig sind. Zum Beispiel wenn geschrieben wird, «Sie sind die Teufelsbrut von Bern.»

Immer mehr machen hanebüchene Verschwörungstheorien die Runde, welche die Fakten der Wissenschaft ablehnen und dem Staat misstrauen.
Das erleben wir in der Taskforce schon während der ganzen Corona-Zeit. Deshalb habe ich mich auch exponiert, bin von Basel bis nach Davos gereist, wo solche Menschen zusammenkommen. Das sind nicht nur Verschwörungstheoretiker, sondern auch Unzufriedene, Angstgetragene und Esoteriker, die sich zusammenfinden. Da muss sich die Taskforce weiterhin exponieren. Deshalb braucht es diese Policy Briefs, um die Leute sachlich zu informieren. Ich habe mich auch nicht gescheut mit skeptischen Wissenschaftern wie Bhakdhi und Exponenten wie Eckert zu sprechen, um diesen die erarbeiteten Fakten zu zeigen und mit ihnen zu diskutieren.

Die Covid-19-Taskforce funktioniert im Milizsystem. Ist so die Bewältigung dieser grossen Aufgabe möglich oder ist sie überlastet?
Das Milizsystem ist schon richtig. Es ist gut, dass man als Wissenschafter der Gesellschaft dient und dafür nicht bezahlt wird. Das hat viele beeindruckt. Bekämen die Experten Geld dafür, wäre das von gewissen Kreisen auch kritisiert worden. Die Schwierigkeit ist dabei, dass die Leiter der Institutionen der ETH, Universitäten und Akademien dafür sorgen müssen, dass die Forscherinnen und Forscher entsprechend freigestellt werden und keinen Schaden nehmen in ihrer akademischen Karriere. Nicht, dass einem Wissenschafter zur Last gelegt wird, er habe zwei Jahre vertan mit Corona. Das bleibt jetzt auch meine Aufgabe ausserhalb der Taskforce als Präsident der Akademien der Wissenschaften.

Erfüllt denn die Taskforce ihre Aufgabe?
Ja, dafür muss man nur die erarbeiteten Produkte, die vielen Policy Briefs der Taskforce anschauen. Mit diesen Fact Sheets sieht man, dass wir in der Taskforce für sehr viele Probleme die wissenschaftlichen Grundlagen und Handlungsoptionen geliefert haben, dank denen die Politik entscheiden konnte. Im kritischen Oktober hat es Situationen gegeben, wo wir von der Taskforce vielleicht zu stark direktive Empfehlungen gemacht haben und zu wenig die wissenschaftlichen Statements und Evidenz geliefert haben. Für den operationellen Teil ist aber stets das BAG verantwortlich.

Die Stimmen von der Taskforce waren nicht immer einheitlich.
Das mag so erscheinen. Aber im Vertrag mit der Taskforce steht, dass sich jeder Wissenschafter in seiner Position an einer Universität frei äussern darf. Also keine Erklärung der Taskforce abgibt, sondern seine persönliche Einschätzung. Das führte zu Unklarheiten, weil einige Mitglieder diese Möglichkeit stark genutzt haben. Schnell hiess es, die sind sich nicht einig. Sieht man sich aber die Policy Briefs und auch die Äusserungen der Taskforce-Leitung an, erkennt man grosse Kohärenz und einheitliche Meinungen innerhalb der Taskforce. Man muss den Wissenschaftern erlauben, dass sie sich frei äussern können – so funktioniert Wissenschaft. Aber dann spielt natürlich eine Rolle wie man das macht. Wenn Wissenschafter mehr in den Spiegel schauen als zum Fenster hinaus, kommt das nicht gut.

Wird es mit den glücklicherweise rückläufigen Fallzahlen immer schwieriger, die Menschen von den Massnahmen zu überzeugen?
Die Leute halten sich mehrheitlich zwar an die Massnahmen, aber wenn das nur die Hälfte oder Zweidrittel tun, hat das einen riesigen Einfluss auf die Übertragung. In der Lockdown-Situation versucht man deshalb, die Mobilität tief zu halten und zügig zu impfen nach der Prioritätenliste.

Wird denn schnell genug geimpft?
Nachdem jetzt auch der Moderna-Impfstoff erhältlich ist, kann nun zügig geimpft werden. Wichtig ist, dass man nicht strikt feste Zuteilungen zu den Kantonen macht, sondern auch darauf schaut, wo so schnell wie möglich am meisten geimpft werden kann.

Müsste die Taskforce, damit wir den Weg zurück zur Normalität finden, nicht auch daran beteiligt sein, die Leute von der Impfung zu überzeugen?
Ja, das macht sie auch. Aber die Kampagne und die Kommunikation liegen nicht bei der Taskforce, sondern beim BAG. Die Taskforce hat schon früh auf die Bedeutung der Kommunikation hingewiesen und wir haben einen regelmässigen Austausch mit dem BAG, um diese Fragen anzugehen.

Geht man davon aus, dass sich 60 bis 70 Prozent impfen sollten, braucht es wohl noch einen Effort.
Ja. Wenn man das nun mit den vorgesehenen Prioritäten durchzieht, sollte das aber möglich sein. Bis Ende Februar werden alle Risikogruppen und Betreuungspersonen geimpft. Wichtig sind alle, die in der Betreuungskette sind. Deshalb wird auch diskutiert, ob man Lehrerinnen und Lehrer so behandeln sollte wie Ärzte und Pflegepersonal.

Werden Sie sich daran noch beteiligen ausserhalb der Taskforce?
Da ich einige Erfahrung beim Impfen habe, mache ich in dieser Frage weiterhin gezielt mit bei der Taskforce. Was man begonnen hat, macht man fertig.

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