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Saudiarabien riskiert einen Wirtschaftskrieg mit der Türkei

Unter Erdogan strebt die Türkei eine Führungsrolle in der islamischen Welt an. Das saudische Königshaus sieht sich dadurch zunehmend bedroht. Nun reagiert Riad mit einem Boykott türkischer Produkte.

Bereits vor einem Jahr gab es Berichte über Schikanen und Verzögerungen bei der Zollabfertigung türkischer Importprodukte in Saudiarabien.

Bereits vor einem Jahr gab es Berichte über Schikanen und Verzögerungen bei der Zollabfertigung türkischer Importprodukte in Saudiarabien.

Burak Kara / Getty

Saudiarabien und seinen arabischen Verbündeten ist die expansive türkische Aussenpolitik schon lange ein Dorn im Auge. Doch nun wird die Tonlage immer schriller. Im September verurteilte die Arabische Liga die türkische «Einmischung» in Syrien, Libyen und dem Irak. Ankaras «provokatives Handeln» sei eine Gefahr für die regionale Sicherheit, hiess es in der Schlusserklärung des Gipfeltreffens.

Neben der Rhetorik scheint Riad nun auch einen bereits latenten Wirtschaftskrieg gegen die Türkei verschärfen zu wollen. Bereits vor einem Jahr gab es Berichte über Schikanen und Verzögerungen bei der Zollabfertigung türkischer Importprodukte in Saudiarabien. Nun läuft in sozialen Netzwerken seit kurzer Zeit eine «Kampagne des Volkes für den Boykott türkischer Produkte». In mit dramatischer Musik vertonten Videos wird gezeigt, welche Güter, Kleidergeschäfte oder Möbelhäuser es zu meiden gilt. In Karikaturen zieht eine übergrosse saudische Hand dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan die Ohren lang oder stösst ihn von einer Klippe. Eine andere Zeichnung zeigt ihn als schwarz maskierten IS-Terroristen.

Auch historische Ressentiments, die auf die jahrhundertelange Herrschaft der Osmanen über die arabische Welt zurückgehen, werden geschürt. So schreibt etwa ein User auf Twitter: «Wie viele Massaker haben die Osmanen an den Arabern verübt? Es ist Zeit, die Türken für ihre Verbrechen zur Rechenschaft zu ziehen.»

Frischwaren verderben an der Grenze

Obwohl es sich bis jetzt nicht um einen offiziellen Wirtschaftsboykott durch die saudische Regierung handelt, dürfte die Kampagne von den Behörden gesteuert sein. Sie verfügen über die technischen Möglichkeiten, um Debatten im Internet zu kontrollieren. Und sie nutzen diese auch rigoros. Kürzlich rief zudem auch Ajlan al-Ajlan, der Vorsitzende der saudischen Handelskammer, dazu auf, «alles Türkische» zu boykottieren. Ajlan ist kein Regierungsvertreter, aber ohne vorgängige Billigung von oben hätte er es kaum gewagt, sich derart zu exponieren.

Auch wenn es sich bisher um eine inoffizielle Kampagne im Internet handelt, hat sie bereits handfeste Folgen. Vier saudische Supermarktketten erklärten in den vergangenen Tagen, sie würden keine türkischen Produkte mehr im Sortiment führen, wenn die Lagerbestände aufgebraucht seien.

In der Türkei macht sich der steigende Druck schon seit einiger Zeit bemerkbar. Aus der Provinz Hatay im Südosten des Landes etwa gab es Berichte über lange Wartezeiten an der saudischen Grenze für türkische Lastwagen, die zu hohen Verlusten führten, weil die Ware verdarb. Aus Hatay, einer wichtigen landwirtschaftlichen Anbauregion, werden vor allem Frischwaren exportiert.

Melik Rupen Mihicyan vom Verband der jungen Unternehmer in der Türkei erklärt im Gespräch, dass Mitgliedsfirmen, die mit dem Golf Geschäfte betrieben, seit längerem einen starken Rückgang an Offertenanfragen feststellten, etwa in der wichtigen Bauindustrie. Textilien, Lebensmittel und Baustoffe sind die bedeutsamsten türkischen Exportgüter für Saudiarabien.

Arbeiter legen Teppiche zum Trocknen aus. Aufgenommen am 19. August 2019 in Dosemealti, Türkei.

Arbeiter legen Teppiche zum Trocknen aus. Aufgenommen am 19. August 2019 in Dosemealti, Türkei.

Burak Kara / Getty

Boykott trifft globale Lieferketten

Am 10. Oktober erklärten acht türkische Wirtschaftsverbände in einer gemeinsamen Stellungnahme, dass die Blockade beiden Staaten schade, sich aber auch zu einem Problem für globale Lieferketten entwickle. Vom Boykott sind auch internationale Marken betroffen, die in der Türkei für den globalen Markt produzieren, etwa in der Textilindustrie.

Die spanische Modekette Mango erklärte gegenüber der «Financial Times», dass angesichts der Schwierigkeiten beim Export aus der Türkei nach Saudiarabien Alternativen geprüft würden. Man rechne aber mit keinen grossen Problemen für den Konzern, da die Produktion diversifiziert sei und man sich den veränderten Umständen anpassen könne. Diese Möglichkeit haben türkische Produzenten nicht.

Dennoch zeigt sich Ankara demonstrativ unbeeindruckt. In der bisher einzigen offiziellen Reaktion sagte der stellvertretende Vorsitzende der Regierungspartei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP), Numan Kurtulmus, eine Woche nach der Erklärung der Wirtschaftsverbände: «Wir lachen über diesen Boykott.» Hinter geschlossenen Türen scheint man aber durchaus besorgt zu sein über die sich drastisch verschlechternden Beziehungen mit Saudiarabien.

Eine grosse Sorge ist, dass Riad in einem nächsten Schritt über die Quoten für die Pilgerfahrt nach Mekka (Hajj) Druck auf Ankara ausüben könnte. Für die AKP ist die Vergabe von Pilgerplätzen ein wichtiges Instrument zur Bindung der religiös-konservativen Basis, aber auch ein einträgliches Geschäft. Dass der nicht zu diplomatischer Zurückhaltung neigende Präsident Erdogan den saudischen Boykott bisher nicht öffentlich verurteilt hat, wird vor allem in diesem Zusammenhang gesehen.

Saudiarabien braucht arabische Solidarität

Saudiarabien ist mit Einfuhren im Wert von 2 Mrd. $ zwar nur der fünfzehntgrösste Markt der Türkei. Der gesamte arabische Raum nimmt aber etwa einen Fünftel aller türkischen Exporte ab. Der Löwenanteil entfällt dabei neben Saudiarabien auf den Irak, die Emirate und Ägypten – alles Staaten mit einem zerrütteten Verhältnis zu Ankara. Auch bei den so wichtigen Direktinvestitionen kommt etwa jeder fünfte Dollar aus der arabischen Welt. Hier ist allerdings der mit Abstand wichtigste Investor Katar. Das mit Riad verfeindete Emirat wird sich kaum einem saudischen Boykott anschliessen.

Grundsätzlich ist die türkische Wirtschaft stark nach Westen ausgerichtet. Wie die amerikanischen Strafzölle gezeigt haben, die vor zwei Jahren eine Währungskrise auslösten, wären westliche Sanktionen für die Türkei weit gefährlicher als ein Handelskrieg mit Saudiarabien. Allerdings kann die türkische Wirtschaft, die mit einem Wertverlust der Lira gegenüber dem Dollar von 37% in den letzten zwölf Monaten und drastisch sinkenden Fremdwährungsreserven stark angeschlagen ist, auch kleinere Schocks nicht auf die leichte Schulter nehmen.

Zudem scheint es Riad zu gelingen, erste andere arabische Staaten an Bord zu holen. Marokko hat vergangene Woche die Importzölle auf türkische Produkte angehoben und das bestehende Freihandelsabkommen infrage gestellt. Laut der «Financial Times» haben die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) zudem ihre Flugverbindungen mit der Türkei vorerst auf Eis gelegt.

Entscheidend für die Schlagkraft des Boykotts dürfte jedoch sein, ob sich ihm auch Kairo anschliesst. Mit rund 100 Mio. potenziellen Konsumenten ist Ägypten der grösste Markt in der arabischen Welt. Und ägyptische Politiker haben in den vergangenen Jahren immer wieder zu einem Wirtschaftskrieg gegen Ankara aufgerufen. So etwa auch im Sommer 2017, nachdem Erdogan der Regierung in Kairo vorgeworfen hatte, den ehemaligen ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi ermordet zu haben, der vor Gericht zusammengebrochen war.

Machtkampf um die islamische Führungsrolle

Mursis Schicksal zeigt beispielhaft, worum es bei der Konfrontation mit der Türkei wirklich geht. Der Sturz des Mubarak-Regimes und die demokratische Wahl des Muslimbruders Mursi im Zuge des Arabischen Frühlings waren ein Schock für die Monarchien am Persischen Golf. Saudiarabien und die VAE intervenierten danach überall, wo sie die Muslimbrüder am Werk sahen. In Ägypten unterstützten sie 2013 den Militärputsch gegen Mursi, in Libyen lieferten die Emirate Waffen an Khalifa Haftar, und gegen Katar verhängten sie 2017 eine Wirtschaftsblockade.

Erdogans Türkei hingegen eilte Katar zu Hilfe und baute ihre dortige Militärbasis aus. In Libyen stand Haftar zu Jahresbeginn kurz vor der Einnahme der Hauptstadt Tripolis. Doch die militärische Intervention Ankaras zwang Haftars Truppen zum Rückzug. In Syrien ist die Türkei mittlerweile der alleinige Unterstützer der bewaffneten Opposition, während die Golfstaaten eine Annäherung an das Asad-Regime suchen. Gleichzeitig versucht sich Erdogan in der islamischen Welt als kompromissloser Verfechter der palästinensischen Sache zu profilieren, während die Golfmonarchien aus Angst vor Iran immer offener mit Israel kooperieren. Der türkische Präsident wirft den arabischen Regimen deshalb ganz offen «Verrat» vor.

Da das saudische Königshaus seine führende Rolle in der arabischen und islamischen Welt durch die Türkei gefährdet sieht, versucht es Ankara nicht nur wirtschaftlich zu schaden, sondern die öffentliche Meinung durch den «Boykott des Volkes» gegen Ankara aufzubringen.

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