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Sätze, die man nie vergisst: Was geschieht, wenn aus Sprache Literatur wird – und warum sich Schlangen auch einmal im Wolfspelz räkeln dürfen

Was guter Stil ist, kann niemand genau definieren. Aber keiner beschreibt es so schön wie Michael Maar.

«Ein Schriftsteller ist ein Mensch, dem das Schreiben schwerer fällt als allen anderen Leuten», hat Thomas Mann einmal gesagt. Vielleicht hatte er recht. Das Bild zeigt ihn an seinem Schreibtisch im Arbeitszimmer an der Poschingerstrasse in München im Sommer 1930.

«Ein Schriftsteller ist ein Mensch, dem das Schreiben schwerer fällt als allen anderen Leuten», hat Thomas Mann einmal gesagt. Vielleicht hatte er recht. Das Bild zeigt ihn an seinem Schreibtisch im Arbeitszimmer an der Poschingerstrasse in München im Sommer 1930.

Thomas-Mann-Archiv, Zürich

Es gibt Sätze, die vergisst man nie. Sie setzen sich im Kopf fest und sind nicht mehr daraus zu vertreiben, auch wenn man sie nur einmal gelesen hat. Weil mehr in ihnen steckt, als man auf den ersten Blick erkennt. Weil etwas mitschwingt, was nicht gesagt wird und doch gegenwärtig ist. «Er stand vor dem Tor des Tegeler Gefängnisses und war frei» ist so ein Satz. Um wen auch immer es da gehen mag, eines ist auf Anhieb klar: Mit der Freiheit, die so trotzig betont wird, kann es nicht weit her sein.

Und wenn der nächste Satz dann lautet: «Gestern hatte er noch hinten auf den Äckern Kartoffeln geharkt mit den andern, in Sträflingskleidung, jetzt ging er im gelben Sommermantel, sie harkten hinten, und er war frei», dann bestätigt das nicht nur die Ahnung, die der erste Satz aufgebaut hat. Es wird auch auf fast unheimliche Weise deutlich: Frei sein bedeutet mehr, als nicht Kartoffeln harken zu müssen. Mehr, als einen gelben Sommermantel zu besitzen, statt Sträflingskleidung tragen zu müssen. Und: Freiheit kann bedrohlich sein.

In Sätzen wie diesen steckt etwas vom Geheimnis grosser Literatur. Also etwas, was sich nicht leicht beschreiben und noch viel weniger gut nachmachen lässt. Natürlich wissen wir, was Literatur ist, und würden uns auch zutrauen, gute von schlechter Literatur zu unterscheiden. Aber worin liegt denn eigentlich der Unterschied? Lässt er sich benennen? Wie genau? Was geschieht, wenn aus Sprache Literatur wird?

Den guten Stil gibt es nicht

Ein Text ist gut, wenn er gut geschrieben ist. Aber was heisst das? Zum Beispiel, dass die Sprache ihrem Gegenstand angemessen ist; dass sie aufgeht in dem, was sie erzählen will, und sich weder mit abgegriffenen Wendungen begnügt noch sich in gekünsteltem Firlefanz verliert. Das zeichnet guten Stil aus. Nur, den guten Stil gibt es wahrscheinlich nicht. Weil Sprache nichts Statisches ist. Sie ist nicht zu trennen vom Gegenstand, den sie beschreiben soll. Und der Stil nicht vom Menschen, der ihn schreibt.

«Schlechten Stil zu beschreiben, ist relativ leicht», sagt Michael Maar, «man kann den Finger darauf legen, was platt ist, wo es holpert und schief ist, wo grau und abgenutzt.» Wenn einer das weiss, dann Michael Maar. Aber er weiss auch: Es lohnt sich nicht, sich mit schlechtem Stil zu befassen. Obwohl man mit ihm leichter zurande kommt als mit dem guten Stil, dessen Geheimnisse sich vielleicht nie ganz erschliessen. Und am Ende wird man sich eingestehen müssen: Dafür, was gute Literatur ist, gibt es keine einfachen Regeln. Grosse Texte überraschen uns immer wieder auch damit, dass ihre Autorinnen und Autoren genau gegen das verstossen, worauf wir in der Schule am meisten gedrillt wurden.

Michael Maar hat ein feines Gefühl für Sprachstile. Der deutsche Schriftsteller und Literaturkritiker schreibt selber glänzend, man folgt ihm über Hunderte von Seiten bereitwillig, wenn er uns durch die Schatzkammern seines literarischen Kabinetts führt. Er versteht zu lesen, schaut genau hin, wie die Texte gemacht sind, die er bewundert – und versucht zu verstehen, warum sie so gut sind, wie sie sind. Das ist erhellend, weil Maar nie belehrend vorgeht, sondern immer mit leichter Hand. Kritisch, aber nie dogmatisch. Und mit der Begabung, zu bewundern.

Fontanes Thron

In seinem neuen Buch, «Die Schlange im Wolfspelz. Das Geheimnis grosser Literatur», nimmt sich Maar seine Lieblinge vor, von Goethe und Keller über Kleist und Rahel Varnhagen bis Wolfgang Herrndorf, von Johann Peter Hebel und Marieluise Fleisser bis zu Ulrich Becher und Hildegard Knef, von den Brüdern Grimm über Franz Kafka und Leo Perutz bis zu Brigitte Kronauer und Undine Gruenter. Wo er bekannte Texte analysiert, liest man sie, als lese man sie zum ersten Mal, und wo er Vergessenes ans Licht holt, wird man sich bisweilen leise ärgern: Was hat man sich bisher nicht alles entgehen lassen! Wilhelm Raabe zum Beispiel.

Maar weist auf Monumente hin, die mehr gelobt als gelesen werden, wie Heimito von Doderer und Marie von Ebner-Eschenbach. Er lässt eine Autorin wie Marie-Luise Scherer zu ihrem Recht kommen, die mit ihren für den «Spiegel» verfassten Texten eine eigene, mit dem Begriff Reportage nur unzureichend bezeichnete Kunstform begründet hat. Und er rüttelt an Theodor Fontanes Thron. Sanft, aber bestimmt – und nicht ohne nachdrücklich darauf hinzuweisen, dass es in seinen Werken neben dem manchmal unerträglich vor sich hin plätschernden Geplauder genug gebe, das Bewunderung verdiene.

Natürlich kommt auch Alfred Döblin zu Ehren, der seinen traurigen Helden Franz Biberkopf am Anfang von «Berlin Alexanderplatz» aus dem Gefängnis entlässt, in eine Freiheit, in der man nirgends hinkommt, auch wenn man sich noch so sehr vornimmt, anständig zu sein. Als Leser fühlt man sich fast so unwohl wie der frisch Entlassene, der vor dem Tor der Haftanstalt steht und sich nicht vom Fleck rührt. «Er stand an der Haltestelle», schliesst der erste Abschnitt. Und dann: «Die Strafe beginnt.»

Kein Wort zu viel

Da ist kein Wort zu viel. Und es ist gerade deshalb so zwingend, weil es so schlicht ist. Döblin inszeniert sich nicht selbst, sondern ordnet die Sprache der Sache unter. Mätzchen erlaubt er sich keine. «Wer einen eigenen Stil hat», schrieb er einmal, «ist zu bedauern; wir sehen schon wenig genug; mit dem eigenen Stil können wir noch weniger sagen.» Der Stoff verlangt nach seiner Sprache. Stil ist kein Zuckerguss, den man ohne Unterschied über alles giessen darf.

Alfred Döblin sei der Autor, «durch dessen Schreibtisch wir alle unseren ersten Meridian zu ziehen haben», hat Arno Schmidt einmal gesagt. Ausgerechnet Schmidt, der alles und jedes seiner genialisch-verschrobenen Kraftmeier-Sprache unterwarf. Auch das kann grossartig sein. Am Ende ist ein Text ja dann gut, wenn er in sich stimmig ist. Und Michael Maar geht es nicht darum, nach Verstössen zu suchen, sondern zu zeigen: In der Literatur ist fast alles möglich, wenn es gut gemacht wird.

Nicht Fehler sind schlimm, lautet Maars Credo, sondern Phrasen. Fehler können sogar reizvoll sein. Vor allem natürlich die bewussten. Bei Eva Menasse zum Beispiel, deren wunderbarem Roman «Vienna» Maars Buch den Titel verdankt. Da wird mit der Kirche ins Dorf gefallen, die Schlangen räkeln sich im Wolfspelz, und wenn der Bankdirektor Königsberger zu Protokoll gibt: «Drei Wochen hab ich mich kastriert und trotzdem kein Deka abgenommen», dann freut man sich umso mehr, wenn es ein paar Seiten weiter heisst: «Das hab ich verbal schon immer gesagt, und alles andere ist letztlich primär.» Auch so ein Satz, den man nie vergisst.

Michael Maar: Die Schlange im Wolfspelz. Das Geheimnis grosser Literatur. Rowohlt-Verlag, Hamburg 2020. 655 S., Fr. 51.90.

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