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Satiriker Andreas Thiel: «Momo war meine grosse Heldin»

Welchen Buchtitel würden Sie über Ihre Autobiografie setzen?

«Im nächsten Leben herrscht dann wohl wieder Krieg» oder «Vermutlich war mein letztes Leben schlechter». Meine Tochter empfahl mir allerdings den Titel: «Ein Ritt auf dem Tiger übers Wasser». Ich fragte sie, wie der Tiger heisst, und sie antwortete: «Regenbogenwolke».

Welcher Autor soll sie schreiben?

Robert Musil, Johann Wolfgang von Goethe und Joanne K. Rowling. Musil könnte Goethe erklären, dass sein «Faust» beim Rezitieren so holprig klingt, weil Goethe statt des germanischen Stabreims den lateinischen Endreim verwendet, der in der deutschen Sprache gar nichts zu suchen hat. Goethe würde Musil fragen, ob er, wenn er nicht so früh gestorben wäre, auch einen Roman geschrieben hätte, in welchem neben den Dialogen noch eine Handlung vorkommt. Rowling könnte Goethe darauf hinweisen, dass man tieferen Sinn auch in Geschichten verpacken kann, die jeder versteht. Natürlich müsste der alte Johann der bezaubernden Joanne seinen «Zauberlehrling» vortragen, worauf Robert begeistert ausrufen würde: «Welch wunderbare Stabreime!»

Was möchten Sie Ihren Lieblingsschriftsteller fragen?

Origenes? Ihn würde ich fragen, in welcher levantinischen Höhle wohl noch Schriftrollen von ihm verborgen sein könnten, welche die Kirche nicht gefunden und verbrannt hat.

In welche Romanfigur haben Sie sich verliebt?

Als Jugendlicher bewunderte ich Michael Endes Momo für ihren Mut und ihre Gelassenheit. Sie war meine Heldin. Aber verliebt habe ich mich dann in Ronja Räubertochter. Sie ist zwar nicht besonders gebildet oder charakterfest, aber in meiner Vorstellung sah sie einfach besser aus. Ich merke gerade, wie furchtbar oberflächlich ich in meiner Jugend beim Rezipieren von weiblichen Romanfiguren war.

Gibt es ein Jugendbuch, das Sie als Erwachsener nochmals gelesen haben?

Alle sieben Bände von Harry Potter habe ich mehrmals gelesen. Das ist Weltliteratur.

Mit welchem Ergebnis?

Mit dem Ergebnis, dass ich alle sieben Bände mindestens noch einmal lesen werde. Ich verstehe nicht, weshalb Joanne K. Rowling dafür nicht längst den Literaturnobelpreis erhalten hat.

Welche Romanfigur hätten Sie selbst sein wollen?

Mowgli! Wenn ich Wölfe als Familie, einen Panther als Freund, einen Bären als Kumpel und Elefanten in meinem Bekanntenkreis gehabt hätte, von Affen entführt, von Schlangen bedroht und von einem Tiger verfolgt und gejagt worden wäre, hätte mein Leben ganz anders verlaufen können, als in Solothurn auf ein Gymnasium zu gehen, das von einem Architekten erbaut worden war, der auf Gefängnisbauten spezialisiert gewesen sein muss, was das Wintersemester fröhlicher hat erscheinen lassen als das Sommersemester, weil im Winter der triste Betonbau vom Nebel bedeckt war.

Lesen Sie historische Romane?

Ich liebe historische Romane! Die Realität übertrifft jede Fiktion. Aber nichts macht die Realität so erlebbar wie die Fiktion.

Finden Sie dort Antworten, die Sie in Sachbüchern nicht gefunden haben?

Hätte Hitler Tolstois «Krieg und Frieden» gelesen gehabt, hätte er gewusst, dass das mit dem Russlandfeldzug nichts werden würde.

Welcher Klassiker hat Sie am meisten gelangweilt?

«Das Kapital» von Karl Marx. Die zahllosen zitierten Berichte über das Elend der Fabrikarbeiter sind zwar dramatisch, aber die Wortfülle, mit welcher Karl Marx dazwischen seine Erkenntnisarmut ausbreitet, ist peinlich.

Haben Sie schon Freunde verloren im Streit über Literatur?

Eine Bekannte hat mal behauptet, Harry Potter sei keine Weltliteratur ...