Switzerland

Russisches Geldversprechen für die Grasshoppers

Investoren um den früheren Präsidenten Stephan Rietiker wollen GC kaufen und auch der einstige Chef Romano Spadaro hatte Interesse. Der Klub äussert sich nicht zu den Offerten, doch bis Anfang März muss er nachweisen, wie er sich künftig finanzieren will.

Stephan Rietiker in einer Aufnahme als GC-Präsident Ende März 2019.

Stephan Rietiker in einer Aufnahme als GC-Präsident Ende März 2019. 

Melanie Duchene / Keystone

Seit ein paar Monaten hat der Zürcher Wirtschaftsanwalt und GC-Interimspräsident Andras Gurovits den Auftrag, die Grasshoppers zu verkaufen. Peter Stüber und Stephan Anliker sind seit einem Jahr gemeinsam Besitzer des Klubs und nicht mehr bereit, GC auch in der nächsten Saison zu finanzieren. Spätestens am 2. März muss der Verein bei der Schweizer Fussballliga nachweisen, woher künftig das Geld kommen soll. Gurovits bestätigte Anfang Jahr, mit einem halben Dutzend Interessengruppen Verkaufsgespräche zu führen. Zu einem Abschluss ist es bis jetzt nicht gekommen, und auch die Identität der möglichen Geldgeber war bisher geheim.

Nun wird bekannt, dass der Arzt und frühere GC-Präsident Stephan Rietiker mit einer Investorengruppe ein Übernahmeangebot unterbreitet hat. Auf Anfrage sagt Rietiker, er sei aufgrund der gegenseitig unterzeichneten Vertraulichkeitserklärung überrascht, dass diese Information an die Medien gelangt sei. Aber er räumt ein: «Ich kann bestätigen, dass wir mit GC im Gespräch sind und ein formelles Angebot gemacht haben.» Mehr könne er im Moment nicht sagen.

Geld aus Russland

Wie Recherchen zeigen, ist Rietiker an einem Projekt beteiligt, das er schon seit einiger Zeit verfolgt. Konkret geht es um einen Fünfjahresplan für GC, für den Rietikers Investorengruppe rund 100 Millionen Franken aufwerfen möchte. Ausserdem soll sie bereit sein, Anliker und Stüber für ihre letzten finanziellen Aufwendungen mit mehreren Millionen zu entschädigen. Verschiedene Quellen bestätigen, dass hinter Rietikers Gruppe ein russischer Investor steht, dessen Name den Grasshoppers bis jetzt nicht bekannt ist. Wie seriös und nachhaltig das alles ist, ist schwer abzuschätzen. Mehrere Schweizer Fussballklubs wie Xamax, Wil oder Lugano hatten in den letzten Jahren schmerzvolle Erfahrungen mit ausländischem Geld machen müssen.

Die Gespräche zwischen Rietiker und GC begannen bereits vor mehreren Monaten, sind nun aber ins Stocken geraten. Offenbar stösst Rietikers Gruppe bei Gurovits und GC auf Widerstand und auf wenig Gehör. Gurovits sagt dazu: «Ich gebe zu Angeboten keine Auskunft. Bei eingereichten Angeboten sind die Parteien an eine Geheimhaltungsverpflichtung gebunden.» Warum die Grasshoppers zurückhaltend auf Rietikers Angebot reagieren, bleibt also unklar.

Rietikers Geschichte

Rietiker war im März 2019 aus dem Nichts Präsident der Grasshoppers geworden. Er konnte den Abstieg nicht verhindern und blieb nur 70 Tage im Amt. GC sollte nach dem Absturz so schnell wie möglich in den Spitzenfussball zurückkehren. Unter dieser Bedingung hatte Rietiker das Präsidium damals übernommen. Und vor diesem Hintergrund hatte er den Trainer Uli Forte verpflichtet und die Basler Berater Bernhard Heusler und Georg Heitz engagiert. Als Rietiker erfuhr, dass in der Challenge League anstatt der in Aussicht gestellten 20 Millionen Franken nur 13,6 Millionen Franken zur Verfügung stehen, trat er zurück. In einem Communiqué schrieb er damals: «Den jetzt beschlossenen Plan könnte ich nicht glaubwürdig vertreten.»

Seither gilt er in der Öffentlichkeit als Präsident, der viel Geld ausgegeben und wenig bewirkt hat. Er war es auch, der Forte einen mit mehr als 400 000 Franken dotierten Vertrag gegeben hatte. Rietiker hatte sein Handeln immer damit gerechtfertigt, unter anderen Voraussetzungen angetreten zu sein. Eigentlich hatte er nach seinem Rücktritt im Juni 2019 mit den Grasshoppers abgeschlossen. Doch schon kurz nach seinem Ausscheiden wurde er von Investoren angesprochen, die Interesse an den Grasshoppers bekundeten.

Spadaros Angebot

Und Rietiker ist auch nicht der einzige frühere GC-Präsident, der sich an einer Übernahme der Grasshoppers interessiert zeigt. Romano Spadaro, erfolgreicher Präsident der Grasshoppers Mitte der neunziger Jahre, gab gemeinsam mit Schweizer Partnern ebenfalls ein Angebot zur Klub-Übernahme ab. Er hat es im Januar allerdings wieder zurückgezogen. Auf Anfrage möchte sich Spadaro nicht zu den Gründen äussern. 

Dreimal wurde er mit den Grasshoppers Meister, zweimal Cup-Sieger, zweimal spielte GC unter ihm in der Champions League. Lange Zeit hatte sich Spadaro aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. In letzter Zeit war er wieder häufiger an den Spielen anzutreffen. Schliesslich soll er von verschiedener Seite dazu gedrängt worden sein, wieder mehr Einfluss bei GC zu nehmen. Nach dem Abstieg sagte Spadaro gegenüber der NZZ am Sonntag über seine frühere Rolle bei GC: «Ich wurde für einen Phantasten gehalten. Aber wenn man heute nach Basel oder nach Bern schaut, lag ich schon damals richtig.» GC hat ihn seither nie mehr ganz losgelassen. Ob Spadaro nach dem Rückzug des Angebots noch einmal darauf zurückkommt, falls keine andere Lösung gefunden werden sollte, ist offen.

Erfahrungen im Fussball

In den nächsten Wochen werden sich die GC-Besitzer Stüber und Anliker entscheiden müssen, an wen sie den Klub verkaufen möchten – und ob sie überhaupt ein Angebot für geeignet halten. Im Umfeld des Vereins kursiert seit längerem schon das Gerücht, dass auch chinesische Investoren unter den Kandidaten sind. Gemäss mehreren Quellen soll es sich dabei um den Mischkonzern Fosun handeln. Es ist das grösste in Privatbesitz befindliche Konglomerat in der Volksrepublik China. Gemäss eigenen Angaben verfolgt die Investmentfirma vor allem drei Geschäftslinien – in den Bereichen «Gesundheit, Glück und Vermögensbildung». Zum Portfolio von Fosun gehören unter anderem eine portugiesische Spitalgruppe, Versicherungen, Banken, ein indisches Pharmaunternehmen, Modefirmen oder das Tourismusunternehmen Club Med. In Europa ist Fosun im Zusammenhang mit dem Konkurs des britischen Reiseveranstalters Thomas Cook in die Schlagzeilen geraten. Und auch im europäischen Fussball engagieren sich die Chinesen.

Im Juli 2016 erwarb Fosun den englischen Fussballverein Wolverhampton Wanderers für rund 60 Millionen Euro. Zuletzt stiess der 20-jährige Stürmer Boubacar Hanne von Wolverhampton leihweise zu den Grasshoppers.