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Russischer Extremkünstler verhaftet: Macron-Kandidat in der Falle der «Pornopolitik»

Am Samstag hat die Polizei vor einem Pariser Hotel ein Paar festgenommen, das den Sturz des zentralen Macron-Kandidaten für die französischen Gemeindewahlen von März verursacht haben soll. Es handelt sich um den russischen Extremkünstler Piotr Pavlenski und eine 29-jährige Französin. Die beiden sollen den Kandidaten der Macron-Partei «La République En Marche» für den Posten des Pariser Bürgermeisters, Benjamin Griveaux, in eine Internetfalle gelockt haben. Am Freitag ist der enge Macron-Vertraute zurückgetreten.

Als Regierungssprecher in Frankreich ein bekanntes Gesicht, hatte Griveaux der Frau offenbar im Jahr 2018 eindeutige SMS-Texte und Sexfotos geschickt. Die Polizei ermittelt, ob die Empfängerin Pavlenski damals schon kannte; das wäre ein Indiz, dass es sich um eine abgekartete Sache handelte. Laut Pariser Medien sind der Russe und die Französin indes erst seit 2019 zusammen. Am Wochenende erklärte Pavlenski gegenüber Medien, er habe die Sextapes publik gemacht, um Griveaux’ «Heuchelei» blosszulegen; dieser spiele nur zum Schein den perfekten Familienvater.

Pavlenski erhielt politisches Asyl

Für die Franzosen ist das noch lange kein Grund zur Offenlegung. Viele befürchten, dass die sozialen Medien zu einer «Amerikanisierung der Sitten» führen und die in Frankreich sakrosankte Privatsphäre unterhöhlen. Entsprechend heftig wird Pavlenski angegriffen. Der Macron-Abgeordnete Bruno Questel verlangte schlicht: «Werft diesen Kerl raus!» Der 35-jährige Russe hatte in Frankreich politisches Asyl erhalten, nachdem er in Moskau mit Hardcore-Aktionen Aufsehen erregt und dafür mehrere Monate in Haft verbracht hatte. Einmal nähte er sich den Mund zu, um für die Punkband Pussy Riot einzutreten, ein anderes Mal nagelte er sein Gemächt auf den Roten Platz.

In Paris wurde Pavlenski wegen Brandstiftung an der Banque de France zu einer dreijährigen Haftstrafe verurteilt. Am 31. Dezember verletzte er bei einer Neujahrsparty zwei Personen leicht mit einem Messer. Die Polizei erliess am 2. Januar einen Haftbefehl, vollzog ihn aber nicht. Erst jetzt wurde er zusammen mit seiner Gefährtin festgenommen – wegen der Messerattacke, nicht wegen der Griveaux-Affäre. Seine Internetseite «Pornopolitic» wurde am Wochenende geschlossen.

Pariser Medien spekulieren darüber, ob nicht auch der linksextreme Pavlenski-Anwalt Juan Branco zur Verbreitung der Griveaux-SMS beitragen habe. Die Operation war zweifellos wohl überlegt, bringt doch allein schon der Zeitpunkt den Staatschef in die Bredouille. Paris ist der mit Abstand wichtigste Urnengang der Lokalwahlen, und die Macronisten müssen nun in aller Hast eine Ersatzlösung suchen. Gerade jetzt, da der Präsident wegen seiner umstrittenen Rentenreform unter Hochdruck steht, wäre ein Wahldebakel für Macron ein böses Omen.

Viele Pariser Stimmen fragen sich mehr oder weniger offen, warum Griveaux überhaupt zurückgetreten sei. «Er hätte mit dem guten Beispiel vorausgehen und sich vor die Opfer des Rachepornos stellen sollen», meinte etwa die Feministin Eloïse Becht, genannt Ovidie.

Der Amazon-Gründer Jeff Bezos hatte vor einem Jahr Sexbilder, mit denen er offenbar von Kreisen um den US-Präsidenten und aus Saudiarabien politisch erpresst werden sollte, selber veröffentlicht und sie damit umgehend entschärft. Die Griveaux-Affäre scheint politisch weniger vertrackt zu sein. Macron beklagte sich im Präsidentschaftswahlkampf 2017 wohl über russische Hackerangriffe. Sie gingen allerdings eher auf Konto kremlnaher Stellen, mit denen Pavlenski nichts gemein haben dürfte. Abgesehen von der Hinterhältigkeit.