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Rumäniens verkaufte Roma-Kinder

Einem der grössten Kinderhändlerringe Europas gelingt es, Tausende von Roma-Kindern aus Rumänien in andere europäische Länder zu bringen. Dort müssen sie betteln und stehlen, auch Babys sind nicht verschont. Doch ein Prozess in Rumänien gegen die mutmasslichen Täter endet mit Freisprüchen. Warum?

Ein Mann hält auf einem Jahrmarkt in der rumänischen Stadt Ţandarei sein Kind im Arm.

Ein Mann hält auf einem Jahrmarkt in der rumänischen Stadt Ţandarei sein Kind im Arm.

Andrei Pungovschi

An einem milden Frühlingsmorgen betritt ein grossväterlich wirkender Mann in der zentralrumänischen Stadt Targu Mures den Saal 52 des Berufungsgerichts. Die Absätze seiner Halbschuhe klappern über das Parkett. Er trägt einen marineblauen karierten Blazer und eine crèmefarbene Hose. Die weisse Baskenmütze hält er in der Hand. Der Mann nimmt auf einer leeren Bank im hinteren Teil des Saals Platz. Während er auf den Beginn seiner Verhandlung wartet, streicht er sich über das Kinn und mustert die beiden Richter vor ihm.

Sein Name ist Constantin Radu, aber jeder nennt ihn Titi.

Dem 66-Jährigen und 25 anderen Männern wird vorgeworfen, unzählige Roma-Kinder nach Westeuropa verschleppt zu haben, wo man sie zu kriminellen Aktivitäten gezwungen habe. Zwei der Angeklagten sind seine Söhne.

Langsam füllt sich der Gerichtssaal mit den Beschuldigten und ihren Anwälten. Erst als alle anderen Plätze bereits besetzt sind, setzt sich jemand in die hintere Bank zu Titi. Unterdessen überfliegt dieser eine Handvoll zerknitterter Papiere, auch wenn er den Inhalt bereits in- und auswendig kennt. Seit neun Jahren steht darin, was seine Verteidigungsstrategie ist.

«Er ist der eigentliche Drahtzieher», meinte Bernie Gravett, ein ehemaliger Kommissar der Londoner Metropolitan Police, der die Ermittlungen leitete, die die Männer vor Gericht brachten. «Die Spitze der Pyramide.»

Laut Staatsanwaltschaft ist Titi – selbst ein Rom – die Nummer eins einer berüchtigten Bande aus Tandarei, einer Kleinstadt im Südosten Rumäniens, wo pompöse, vor Wohlstand strotzende Villen direkt neben schäbigen Baracken stehen.

Bernie Gravett, ehemaliger Kommissar der Londoner Metropolitan Police.

Bernie Gravett, ehemaliger Kommissar der Londoner Metropolitan Police. 

Ani Sandu

«Es ist wie eine Militäroperation», so beschrieb Gravett den mutmasslichen Einsatz einer Armee von Kindern zum Betteln und Stehlen. Sogar ein acht Wochen altes Baby wurde in den Dienst der Sache gestellt – als Requisit beim Betteln, mit Drogen ruhiggestellt.

Laut den Ermittlern erstreckte sich Titis Imperium über weite Teile Europas: Spanien, Italien, Frankreich und sogar bis nach Norwegen – in erster Linie aber Grossbritannien. Nach einer noch nie da gewesenen gemeinsamen Ermittlung, die vier Jahre dauerte, wurden Dutzende von Personen rumänischer Nationalität in Grossbritannien und Rumänien verhaftet. Doch die Mühlen der Justiz mahlen von Land zu Land anders.

In Grossbritannien wurden rund 100 Personen wegen Verbrechen verurteilt, die von Menschenhandel und Geldwäsche bis hin zu Sozialbetrug, Urkundenfälschung und Kindesvernachlässigung reichten.

In Rumänien lautete das schockierende Urteil im Februar 2019 für alle 26 Angeklagten Freispruch – nach einem neunjährigen Prozess, der immer wieder ins Stocken geraten war.

Während die Staatsanwaltschaft Berufung einlegte, sahen viele das Urteil als Beweis dafür, dass Rumäniens Rechtssystem zu schwach – oder zu mangelhaft – ist, um den Gangstern und der Korruption, die diesen zum Erfolg verhilft, die Stirn bieten zu können.

«Das zur Bekämpfung transnationaler organisierter Netzwerke eingerichtete Strafrechtssystem steht in Rumänien offenbar vor dem Kollaps», erklärten 25 Menschenrechtsgruppen nach dem Urteil in einer Petition, mit der sie an internationale Gremien appellierten, Rumänien für die Bekämpfung des Menschenhandels «zur Verantwortung zu ziehen».

In einem Land, in dem wegen Korruption verurteilte Politiker dafür bekannt sind, das Recht zu ihren Gunsten beugen zu wollen, hat der Fall einen Nerv getroffen. Er erregte in Rumänien auch bei jenen Aufmerksamkeit, die die erbärmliche Bilanz des Staates, was den Schutz seiner schwachen Bürgerinnen und Bürger betrifft, satthatten.

Aus den Daten der Europäischen Kommission geht hervor, dass knapp drei Viertel der in EU-Staaten identifizierten Opfer von Menschenhandel aus Rumänien stammen – das sind mehr als 1500 im Zweijahreszeitraum 2015/16.

Das amerikanische Aussenministerium stufte Rumänien in seinem jüngsten Bericht über Menschenhandel herab und bezeichnete 2018 als das schlimmste Jahr seit mehr als einem Jahrzehnt, was die Verurteilung von Menschenhändlern oder die Identifizierung von Opfern in dem Land betrifft.

Als im Frühjahr 2019 das Berufungsverfahren gegen Titi und seine Mitangeklagten begann, ackerte sich die BIRN-Journalistin* monatelang durch Gerichtsakten und befragte Personen, die mit dem Fall zu tun hatten, um das Ausmass und die Komplexität der mutmasslichen kriminellen Organisation in Tandarei zu verstehen.

Wie sich herausstellte, gibt es eine in sich geschlossene und marginalisierte Roma-Gemeinschaft unter der Kontrolle der lokalen Mafia, die es auf arme Familien abgesehen hat und deren Kinder durch eine abscheuliche Form der Schuldknechtschaft versklavt.

Die Gerichtsakten und Befragungen von Fachleuten zeigen auch auf, wie ein Prozess scheitern konnte, der gemeinhin als Test für Rumäniens Engagement im Kampf gegen moderne Sklaverei verstanden wurde.

Für Anthony Steen, einen ehemaligen britischen Abgeordneten, der den Prozess verfolgte, handelte es sich um einen «sehr tragischen Fall von Justizirrtum». «Es gab weder vonseiten der Politik noch vonseiten des Gerichts Druck, die Angelegenheit zu klären», erklärte er gegenüber BIRN.

Goldbarren und Kalaschnikows

An einem normalen Schultag spielen Kinder in den staubigen Strassen von Tandarei mittags Fussball. Auf dem alljährlichen, nahe dem Stadtzentrum stattfindenden Jahrmarkt fahren sie Autoscooter und schiessen mit Spielzeuggewehren.

Die 13 000 Einwohner zählende Stadt liegt inmitten einer Tiefebene, auf halbem Weg zwischen der Hauptstadt Bukarest und dem Schwarzen Meer im Osten. Die höchsten Gebäude sind die vierstöckigen Wohnblocks aus der Zeit des Kommunismus. Was jedoch hervorsticht, sind die Luxusvillen mit ausladenden Balkonen und kunstvollen schmiedeeisernen Toren – viele davon aus den Erlösen krimineller Aktivitäten finanziert, wie Ermittler sagen.

Ein BMW parkiert auf einer unbefestigten Strasse in Tandarei neben einem imposanten Haus mit kunstvollem schmiedeeisernem Zaun.

Ein BMW parkiert auf einer unbefestigten Strasse in Tandarei neben einem imposanten Haus mit kunstvollem schmiedeeisernem Zaun.

Andrei Pungovschi

Kommt man von der Hauptstrasse ab, läuft man Gefahr, in einem Schlagloch zu landen oder im Schlamm stecken zu bleiben. Das schreckt die Fahrer der Luxuskarossen, die überall in der Stadt zu sehen sind, nicht ab: BMWs, Mercedes, sogar ein Porsche ist darunter. Bei einigen Fahrzeugen befindet sich das Lenkrad wie in Grossbritannien auf der rechten Seite.

Die Menschen haben Angst, mit den Medien zu sprechen. Sie hüten sich davor, fotografiert zu werden, selbst bei öffentlichen Veranstaltungen wie dem alljährlichen Jahrmarkt, wo einem auch damit gedroht werden kann, «die Fresse poliert zu bekommen», wenn man die Bilder nicht lösche.

Mit der zuvor herrschenden Ruhe in Tandarei war es am 8. April 2010 vorbei, als etwa 300 vermummte rumänische und britische Polizeibeamte 34 Villen stürmten, während über ihnen die Helikopter kreisten.

Die örtlichen Behörden waren nicht vorab alarmiert worden. Die frühmorgendliche Razzia, die auf einem von der rumänischen Polizei veröffentlichten Video festgehalten wurde, förderte Geldbündel, Goldbarren, Geburtsurkunden und Waffen – darunter auch Kalaschnikows – zutage, die unter dem Fussboden versteckt waren.

Die Polizei holte einige Verdächtige – alle Roma – direkt aus dem Bett. 18 wurden sofort festgenommen, unter ihnen auch Titi.

Neben dem Handel mit Minderjährigen, für den bis zu zwölf Jahre Haft drohen, wurden die Männer wegen Bildung einer organisierten kriminellen Vereinigung, Geldwäsche und Verstössen gegen das Waffengesetz angeklagt. Alle bestreiten die Vorwürfe.

Die Staatsanwaltschaft entschied, die mutmasslichen Menschenhändler in dem 350 Kilometer von Tandarei entfernten Kreis Harghita vor Gericht zu stellen, um die Bande davon abzuhalten, auf den Prozess Einfluss zu nehmen.

Die Razzia und das anschliessende Gerichtsverfahren waren das Ergebnis einer beispiellosen Ermittlung, die 2006 aufgenommen worden war, nachdem eine Tschechin mit drei Roma-Kindern aus Tandarei in Grossbritannien gelandet war.

Die Einwanderungsbehörden am Londoner Flughafen Stansted waren misstrauisch geworden, als sie bemerkten, dass sich die Kinder nicht mit der Frau verständigen konnten. Sie wurde später für den Versuch, die Kinder illegal ins Land zu bringen, zu drei Jahren Haft verurteilt.

Kommissar Gravett von der Londoner Metropolitan Police übernahm den Fall, nachdem er Hunderte von rumänischen Roma-Kindern beim Laden- und Taschendiebstahl im Zentrum Londons erwischt hatte. Laut seinen Aussagen sind von rumänischen Staatsbürgern verübte Straftaten nach dem EU-Beitritt Rumäniens in nur drei Monaten um beinahe 800 Prozent gestiegen.

In den meisten Fällen handelte es sich um von Roma-Kindern verübte Diebstähle. Gravett erinnerte sich an ein 13-jähriges Mädchen, das mehr als zehnmal unter verschiedenen Namen und Geburtsdaten verhaftet wurde. «Da wurde uns klar, dass man uns zum Narren hielt», erzählt er BIRN während eines Interviews in einem Café in der südostenglischen Stadt Brighton.

Er nimmt einen Laptop heraus und öffnet eine Powerpoint-Präsentation über den Fall Tandarei. Gravett, der nach 31 Jahren bei der Polizei mittlerweile im Ruhestand ist, arbeitet nun als Berater und bringt Polizeibeamten am Beispiel dieses Falls den Umgang mit Menschenhandel näher.

Dann bittet er um eine Serviette – «ich zeichne gern auf weisse Servietten», sagt er – und kritzelt Kreise, Pfeile und Pyramiden darauf, um die Zirkulation von Personen und Geld zu veranschaulichen.

Kurz nach dem EU-Beitritt Rumäniens erfuhr Gravett, dass die Polizei des Beitrittskandidaten der Europol, der Strafverfolgungsbehörde der EU, eine Liste mit 1087 Namen von Kindern und 67 mutmasslichen Bandenmitgliedern übermittelt hatte, die überwacht werden sollten. Nach Einschätzungen der Europol handelte es sich dabei um einen der grössten Menschenhändlerringe Europas.

Bei der Überprüfung der Liste stellte Gravett fest, dass etwa 200 der minderjährigen Personen in London wegen Bagatelldelikten festgenommen worden waren. Er bemühte sich um EU-Mittel, um weiter ermitteln zu können. So kam es zur Operation Golf – die erste von zwei Ländern gemeinsam geführte EU-Ermittlung in Sachen Menschenhandel. 2008 stellte die Europäische Kommission der britischen und der rumänischen Polizei zusammen eine Million Euro zur Verfügung, um der kriminellen Vereinigung ein Ende zu setzen.

Die Ermittler fanden heraus, dass Bandenchefs arme Roma-Familien in Rumänien kontaktierten und ihnen vorschlugen, ihre Kinder ins Ausland zu bringen, damit sie dort Geld verdienen konnten. Den Eltern wurden dafür pro Kind 1000 Euro verrechnet, so Gravett.

Die Bande gab ihnen das Geld in Form eines verzinsten Kredits, wodurch sich die Familie dauerhaft verschuldete. Also schickte sie ein weiteres Kind und noch eines, bis die ganze Familie im Ausland gelandet war und für die Bande arbeitete. «Es gab einen Vater, der versuchte, sein acht Wochen altes Kind der Bande anzubieten», erzählte Gravett. «Er versuchte es dreimal.»

Die Bande vermittelte die Kinder dann an Familien weiter, die unter ihrer Kontrolle standen. Gravett nannte den Fall einer 13-Jährigen, die nach Slough nahe London gebracht wurde. Wenn man sie nicht gerade zum Betteln zwang, wurde sie als Haussklavin gehalten.

Ihr Vater wurde schliesslich zu fünf Jahren Freiheitsstrafe in einem britischen Gefängnis verurteilt, weil er seine eigene Tochter verkauft hatte. Die Ermittlungen ergaben, dass er auch noch andere Mädchen im Auftrag der Bande unter seiner Kontrolle hatte, sogar in Spanien.

Während einer Razzia in Slough wurden von der Polizei 211 Personen in 16 Häusern aufgegriffen, in denen entsetzliche Zustände herrschten. Die Roma-Kinder schliefen zusammengepfercht auf dem Fussboden. Die Kühlschränke waren grösstenteils leer. Die meisten der zwischen 10 und 17 Jahre alten Kinder und Jugendlichen hatten ein «enormes Vorstrafenregister», so Gravett.

Laut den Ermittlern wurde Grossbritannien aufgrund seines relativ grosszügigen Sozialsystems von der Bande bevorzugt. Mit gefälschten Dokumenten kassierte sie Sozialhilfechecks, wobei ihr zuweilen so eklatante Fehler wie «30. Februar» unterliefen.

Reichtum und Macht

Laut Gravetts Schätzungen könnte die Bande seit 2002 bis zu 10 000 Kinder ins Ausland verschleppt haben – weit mehr als bei den gemeinsamen Ermittlungen festgestellt wurde –, wobei jedes Kind etwa 160 000 Euro pro Jahr einbringt.

Ein Grossteil der Profite sei an Titi geflossen; das Geld wurde per Moneygram und Western Union überwiesen oder von Schlägertypen bündelweise nach Rumänien gebracht.

Titi wollte sich nicht dazu äussern, als er von BIRN nach einer seiner Berufungsverhandlungen im Gerichtsgebäude darauf angesprochen wurde. Seine Verteidigungsstrategie ist jedoch nach wie vor dieselbe: Er behauptet, Opfer einer Verwechslung zu sein.

Laut Anklageschrift spielte Titi bei der Rekrutierung der Kinder eine federführende Rolle und bestimmte auch, wer sie ins Ausland bringen sollte. In der Anklageschrift aufgeführte Telefonmitschnitte zeigen, dass Titi in regelmässigem Kontakt mit der örtlichen Polizei stand, die ihn warnte, wenn es Probleme gab. Aus abgehörten Gesprächen geht ausserdem hervor, dass er einem Mann, der mit dem Gesetz in Konflikt geraten war, gegen Geld versprach, ihn vor dem Gefängnis zu bewahren.

Dem Vernehmen nach wird Titi in Tandarei respektiert und gefürchtet. Ein rumänischer Polizeibeamter, der an dem Fall arbeitete und anonym bleiben wollte, meinte, dass Titi bei den Roma als «oberster Richter» gilt.

Vor Gericht bestritt Titi im November 2018 sämtliche Vorwürfe: Er habe weder Minderjährige rekrutiert noch Geld verliehen, noch sei er vor Ort als Anführer bekannt. «Ich habe auf niemanden in unserer Gemeinschaft Einfluss», erklärte er. Er habe auch keine Kenntnis über die in der Anklageschrift erwähnten Telefonate und besitze einen Waffenschein für die in seinem Haus sichergestellten Waffen, die er für die Jagd benutze.

«Jemand hat den gleichen Namen wie ich», sagte er, «und ich bin wahrscheinlich an seiner Stelle hier, und das Geld, das man mir angeblich geschickt hat, wurde in Wirklichkeit im Namen dieser anderen Person versandt.»

Ins Roma-Viertel von Tandarei nur mit Erlaubnis

Tandarei ist von massiver Abwanderung betroffen. Etwa 80 Prozent seiner Einwohner arbeiten aufgrund der Arbeitsplatzknappheit im Ausland. Fast alle Fabriken, die während des Kommunismus florierten, wurden geschlossen.

Rund ein Viertel der Bevölkerung Tandareis sind Roma, die nach Ungarinnen und Ungarn zweitgrösste ethnische Minderheit in Rumänien. Wie auch anderswo leben viele Roma-Familien in extremer Armut, grundlegende Leistungen wie Bildung und Gesundheitsversorgung bleiben ihnen verwehrt. Diskriminierung ist weit verbreitet.

Ein Mann bearbeitet auf dem alljährlichen Jahrmarkt von Tandarei einen Boxsack.

Ein Mann bearbeitet auf dem alljährlichen Jahrmarkt von Tandarei einen Boxsack.

Andrei Pungovschi

Das grösste Roma-Viertel in Tandarei heisst Strachina. Aussenstehende dürfen dort nur mit Erlaubnis der Roma-Ältesten hinein.

Laut Nicusor Lefter, einem Rom aus Tandarei, der mit Nichtregierungsorganisationen zusammenarbeitet, um die Gemeinschaft zu unterstützen, sind die Villen der Stadt mit dem im Ausland verdienten Geld erbaut worden und nicht von heute auf morgen entstanden. «Alles, was Sie hier sehen, wurde von den Roma finanziert», erklärte er. «Ohne die Roma gäbe es hier keine Geschäfte, weil viele Rumänen ausgewandert sind.»

In Strachina betrachtet man die Bandenmitglieder laut Experten häufig als «moderne Robin Hoods», die Geld von den Reichen im Ausland nehmen, um es den Armen zu Hause zu geben.

«Das Traurige daran ist, dass wir verstehen müssen, dass es die Roma in der Vergangenheit schwer hatten, aber es sich hier um organisierte Kriminalität handelt von Roma, die niedrigere Clans, andere Roma und mittellose Familien aus ihrer eigenen Gemeinschaft ausnutzen», erklärte der Ex-Kommissar Gravett. «Ich war schon oft in Tandarei; die Gangster werden reich, und die Armen bleiben verschuldet und am untersten Rand der Gesellschaft. Sie verraten die Bande sicher nicht.»

Einer hat 13 Kinder und bezieht 230 Euro Sozialleistungen pro Kind

Titi und die anderen Angeklagten wurden nach zehn Monaten Untersuchungshaft freigelassen – lange vor Beginn des Prozesses im Februar 2013.

Alle Angeklagten beteuerten vor Gericht ihre Unschuld. Manche behaupteten, hereingelegt worden zu sein. Andere gaben vor, sich an die Geschehnisse nicht erinnern zu können. Bei den Überweisungen aus Grossbritannien habe es sich um ehrlich verdientes Geld von Verwandten gehandelt.

Ein Cousin Titis sagte aus, er habe sein Haus und sein Auto in Tandarei mit dem Verkauf von Fahrzeugen, Zeitungen und Lebensmitteln in Spanien, Grossbritannien, Italien und Frankreich finanziert. «Meine Kinder wurden noch nie von der Polizei verhaftet.»

Ein anderer erklärte, er habe 13 Kinder in Grossbritannien und erhalte Sozialleistungen im Wert von etwa 200 Pfund (230 Euro) pro Kind. «Ich wusste nicht und es ist mir auch nie in den Sinn gekommen, dass Kinder aus Tandarei rekrutiert werden, damit sie im Ausland betteln gehen.»

Titi engagierte einen der berühmtesten Anwälte Rumäniens, Catalin Dancu, der Spitzenpolitiker und Geschäftsleute verteidigt und sich den Beinamen «Staranwalt» erworben hatte.

Der Prozess hat sich von Anfang an immer wieder verzögert. Es gab ein Problem mit der Anklage, die neu erhoben werden musste. Anhörungen wurden verschoben, da die Angeklagten ihre Anwälte wechselten.

Einmal bat die Verteidigung um einen Aufschub, weil es schneite. Ein anderes Mal musste sich Titi einen neuen Rechtsbeistand suchen, nachdem sein Anwalt zum Leiter des rumänischen Generalkonsulats in New York ernannt worden war.

Das grösste Problem bestand aber darin, Zeugen zu finden, die bereit waren, auszusagen. Manche konnten nicht vorgeladen werden, weil sie gestorben waren. Viele gingen ins Ausland oder konnten nicht ausfindig gemacht werden. Ein Richter verhängte sogar eine Geldstrafe von rund 230 Euro gegen die örtliche Polizei wegen mangelnder Bemühungen, den Aufenthaltsort dieser Personen zu ermitteln.

Immer wieder entschlugen sich Zeugen ihrer Aussage, weil sie mit dem Angeklagten verwandt oder verschwägert waren. BIRN zählte rund zwanzig solcher Ausnahmen.

Dazu kam die Tatsache, dass es in diesem Prozess keine geschädigte Partei gab. Wenn die Ermittler mutmasslich verschleppte Kinder oder ihre Familien befragten, wurden sie als Zeugen geführt und nicht als Opfer. Das lag daran, dass sich die Kinder nicht als Opfer sahen, wie der rumänische Ermittlungsbeamte erklärte. Zunächst einmal bedeutete das Leben in Grossbritannien eine Verbesserung im Vergleich zu ihrer Existenz in Tandarei. «Jetzt lebten sie in einem Haus», erklärte er. «Sie hatten einen Fernseher in diesem Haus. Die Strassen waren gepflastert. Sie sahen dies als grossen Vorteil.»

Im Laufe des Prozesses widersprachen die Zeugen ihren ursprünglichen Aussagen gegenüber der britischen Polizei. Sie behaupteten, freiwillig nach Grossbritannien gekommen zu sein, um für sich selbst zu betteln.

Für die Ermittler besteht kein Zweifel daran, dass viele aus Angst gelogen haben. «Oft wird ihnen auch gedroht: ‹Wir bringen deine Familie um›», meint Gravett.

«Fahrlässigkeit oder vorsätzliche Täuschung»

Als das Gericht in Harghita im Februar 2019 zu einem Urteil kam, zählte der Prozess bereits 53 Verhandlungstage.

Der Richter stellte fest, dass mit Dezember 2018 einige der Anklagepunkte verjährt waren. Dazu zählten Verstösse gegen das Waffengesetz und die Bildung einer organisierten kriminellen Vereinigung. Im Zuge der 2014 vorgenommenen Änderungen des Strafgesetzbuches war die Verjährungsfrist verkürzt und das Strafmass für bestimmte Delikte reduziert worden.

Was die Anklagepunkte Menschenhandel und Geldwäsche betraf, so entschied der Richter, dass die Beweise für eine Verurteilung nicht ausreichten. In seiner Urteilsbegründung führte er aus, dass die Klärung der Sachverhalte «in Ermangelung von geschädigten, während der strafrechtlichen Ermittlung identifizierten Parteien verhindert wurde» – ein Verweis auf das Fehlen offizieller Opfer.

Über Titi heisst es: «Aus den Beweisen in diesem Fall und unter Berücksichtigung insbesondere der Zeugenaussagen geht nicht hervor, dass er mit falschen Versprechungen an der Rekrutierung, Unterbringung und Beförderung einiger Minderjähriger beteiligt war.» Der Richter fügte hinzu, dass Aufzeichnungen von Telefongesprächen zwischen Titi und der örtlichen Polizei «auf andere Straftaten hindeuten, jedoch nicht auf jene, die dem Angeklagten zur Last gelegt wurden».

Silvia Tabusca, Professorin der Rechtswissenschaften und Koordinatorin des Human Security Program am European Center for Legal Education and Research, einer in Bukarest ansässigen Menschenrechtsgruppe, sagte, sie finde es seltsam, dass das Urteil unmittelbar nach Ablauf der Verjährungsfrist ergangen sei.

Sie warf dem Staatsanwalt ausserdem vor, nicht konsequent genug gearbeitet zu haben. «Es handelt sich entweder um grobe Fahrlässigkeit oder vorsätzliche Täuschung», erklärte sie.

Auf eine Anfrage von rumänischen Abgeordneten, das Urteil betreffend, gab der damalige Generalstaatsanwalt Augustin Lazar eine Erklärung zur Verteidigung des Staatsanwalts ab. Er hielt fest, dass der Staatsanwalt rechtlich nicht in der Lage gewesen sei, ein schnelleres Verfahren zu beantragen, und bis zuletzt auf Verurteilungen wegen Menschenhandels und Geldwäsche gedrängt habe.

Madalina Mocan vom Zentrum für Demokratieforschung, einem Think-Tank in Cluj Napoca im Nordwesten Rumäniens, ist der Ansicht, dass sich Fälle von Menschenhandel in Rumänien viel zu sehr auf Aussagen von Opfern stützen – eine schwierige Anforderung angesichts der Tatsache, dass Prozesse Jahre dauern können und es an psychologischer Beratung fehlt, bevor man den Zeugenstand betritt.

«Ohne eindeutige Zeugenaussagen steht der Fall auf wackeligen Beinen», meinte sie. «Ich interessiere mich [mehr] für das lukrierte Geld, das beweist, dass beispielsweise ein Jaguar mit Gewinnen aus dem Menschenhandel finanziert wurde.»

Bei Menschenrechtsfällen in Grossbritannien können Urteile allein auf der Grundlage solcher Beweise gefällt werden.

Nach einem Aufschrei gegen das Urteil wies das Gericht von Harghita in einer Erklärung darauf hin, dass man über zu wenige Richter verfüge und überfordert sei. Es wurde auf die Dimension des Tandarei-Falls verwiesen, an dem – die Angeklagten und Zeugen mit eingerechnet – mehr als 200 Personen beteiligt waren. Die Anklageschrift allein füllte 600 Seiten.

Letztlich konnte die Justizaufsichtsbehörde, deren Aufgabe es ist, die Arbeit von Richterinnen und Richtern zu überprüfen, und die laut Kritikern unter politischer Kontrolle steht, nach vier Prüfungen des Falls keine Mängel an dem Verfahren feststellen.

In einer Erklärung an BIRN hielt die Behörde fest, dass die Dauer des Verfahrens auf die Komplexität des Falls und die Menge der Beweise zurückzuführen sei. Der Richter sei mit einem «beträchtlichen Arbeitsvolumen» konfrontiert gewesen, und es habe von Mai 2017 bis Februar 2019 keine ungerechtfertigten Verzögerungen gegeben.

Der an der Untersuchung beteiligte rumänische Ermittlungsbeamte meinte, es wäre wahrscheinlich besser gewesen, den Fall auf kleinere, leichter zu bewältigende Brocken aufzuteilen. Der einzige Erfolg habe darin bestanden, dass «diese Gruppe aus Tandarei viel Geld für Anwälte ausgegeben hat».

Anthony Steen, ehemaliger britischer Abgeordneter und derzeitiger Leiter der Human Trafficking Foundation.

Anthony Steen, ehemaliger britischer Abgeordneter und derzeitiger Leiter der Human Trafficking Foundation.

Ani Sandu

Der ehemalige britische Abgeordnete Steen, der die Londoner Human Trafficking Foundation leitet und die Polizei auf einigen der britischen Razzien begleitete, meinte, der Fall wäre in Grossbritannien niemals gescheitert, solange es stichhaltige Beweise gegeben hätte.

«Ich weiss nicht, ob es sich um Korruption, Mangelhaftigkeit oder Unfähigkeit handelt oder – was ich eher vermute – um eine Verbindung zu jemandem, der sehr reich ist, oder jemandem bei der Polizei oder in der Politik oder auch eine Mischung aus alldem, der in Wirklichkeit verhindert hat, dass die Dinge vorangehen.»

Der Ex-Kommissar Gravett bedauerte, zugestimmt zu haben, die mutmasslichen Bandenbosse in Rumänien und nicht in Grossbritannien anzuklagen. «Wenn wir das getan hätten, sässen sie alle im Gefängnis», glaubt er.

Ein Versagen des Staates

Der Tandarei-Prozess rückte die Roma-Gemeinschaft in einem Land, in dem die Roma-feindliche Stimmung überwiegt, in ein negatives Licht.

Gelu Duminica, Geschäftsführer der Stiftung Impreuna Agency for Community Development, ist jedoch der Ansicht, dass man den Fall nicht im Hinblick auf die ethnische Zugehörigkeit betrachten sollte, da es in Wirklichkeit um das Versagen des Staates gehe, die Schwachen zu schützen. Zum Beispiel hätten die hiesigen Behörden und die Kinderschutzeinrichtungen feststellen müssen, dass die Roma-Kinder vermisst würden, meinte Duminica, selbst ein Rom.

«Straftäter gehen immer Risiken ein. Es ist die staatliche Institution, die mit dem Straftäter gemeinsame Sache macht, die ihn unantastbar werden lässt.» Die Lösung bestehe darin, den Roma mehr Chancen zu eröffnen, fügte er hinzu.

«Zunächst gilt es, Recht anzuwenden», sagte er. «Staatliche Institutionen müssen ihren Job erledigen.» In Zukunft brauche die Gemeinschaft nachhaltige Alternativen, wie sich, auch ohne «ein Bettler, Menschenhändler oder was auch immer zu sein, Geld verdienen lässt».

Der ehemalige britische Abgeordnete Steen ist derselben Meinung. «Hier werden Menschen missbraucht, die ohne eigenes Verschulden in einer bedauerlichen Lage sind, völlig mittellos, in bitterer Armut leben und dieser Situation entkommen wollen. Und deshalb sind sie für Menschen, die Dinge versprechen, eine leichte Beute.»

Aus Protokollen von Gemeinderatssitzungen geht hervor, dass Bürgermeisterin Toma aus Tandarei eine bereits seit langem geschlossene Schule in Strachina zu einer medizinischen Klinik und einem Bildungszentrum für Roma umbauen will.

«Wir müssen irgendwo anfangen», erklärte sie in einer Ratssitzung im März und wies darauf hin, dass im Viertel nur 10 der 373 Kinder im schulpflichtigen Alter eine Schule besuchen. «Ob es uns gefällt oder nicht, sie sind Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt.»

Wenn nichts für die Kinder getan werde, dann «dürfen wir uns nicht wundern, wenn sie uns auf der Strasse die Köpfe einschlagen», fügte Toma hinzu. Gespräche mit der rumänischen Regierung, der Weltbank und der Stadt Madrid zur Finanzierung des Projekts seien im Gange, meinte sie.

Über dem Gesetz?

Laut Polizeiquellen und Menschenrechtsgruppen ist die Tandarei-Bande nach wie vor in Ländern wie Grossbritannien, Frankreich und Spanien aktiv – oft werden Kinder von einem ins nächste Land gebracht.

Ein Kinderrechtsexperte, der die Aktivitäten der Bande in Frankreich verfolgt, erzählt BIRN, dass seit 2004 im Grossraum Paris zwischen 200 und 300 Kinder aus Tandarei betteln und stehlen.

Der französische Soziologe Olivier Peyroux hat in den vergangenen Jahren im Zuge seiner Recherche für ein Buch über die Ausbeutung von Kindern in Osteuropa rund 50 von ihnen kennengelernt. Darin ist auch ein Kapitel über Tandarei enthalten. Nach den von Grossbritannien und Rumänien gemeinsam geführten Ermittlungen habe die Bande ihre Strategie geändert: Eltern hätten begonnen, ihre Kinder viel öfter zu begleiten, um die Rädelsführer zu schützen.

«Ganz allmählich haben sie die Familien in das Netzwerk integriert», erklärt er BIRN. «Sie passen sich irgendwie den Methoden der Ermittler an und finden einen Weg, um den Eindruck zu erwecken, die Familien nutzten ihre eigenen Kinder aus.»

In Italien gab die Polizei im Mai bekannt, dass sie 40 Roma aus Tandarei und der nahe gelegenen Stadt Fetesti erwischt habe, die der Beteiligung an mehr als 100 Raubüberfällen verdächtigt würden.

In Grossbritannien ist laut Angaben der Heilsarmee, die erwachsenen Opfern moderner Sklaverei beisteht, die Zahl ausgebeuteter Rumäninnen und Rumänen im vergangenen Jahr beträchtlich angestiegen. Noch höher ist die Zahl der Opfer, die um Hilfe suchen, nur unter Menschen albanischer und vietnamesischer Nationalität.

«Sie tun, was sie seit Jahren machen, und scheinen über dem Gesetz zu stehen», meinte Gravett. 

Beim Berufungsverfahren in Targu Mures im Dezember 2019 bestätigte das Gericht alle Freisprüche.

* Ani Sandu ist Nachrichtensprecherin und Redakteurin bei der rumänischen öffentlich-rechtlichen Radiostation und Reporterin für «DoR», eine vierteljährlich erscheinende Sachpublikation. Dieser Artikel entstand im Rahmen der Balkan Fellowship for Journalistic Excellence und wurde mit dem ersten Rang prämiert. Die Fellowship wird unterstützt von der Erste Stiftung, in Kooperation mit dem Balkan Investigative Reporting Network (BIRN).