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Ronald Koeman startet im FC Barcelona als Vertreter der grossen niederländischen Trainertradition – und doch mit einem Stilbruch

Als Spieler ist Ronald Koeman in Barcelona bereits eine Legende. Als Trainer übernimmt er die Mannschaft in einem denkbar schwierigen Augenblick.

Ronald Koeman (links) mit Johan Cruyff: Als Spieler ist der neue Barcelona-Trainer bereits eine Klubikone. Bild aufgenommen 1993 in Bremen.

Ronald Koeman (links) mit Johan Cruyff: Als Spieler ist der neue Barcelona-Trainer bereits eine Klubikone. Bild aufgenommen 1993 in Bremen.

Imago

Ronald Koeman muss diesen Verein schon sehr lieben, um sich das anzutun: Der FC Barcelona kommt von einem 2:8 gegen Bayern München. Die Mannschaft braucht eine Renovierung, aber die Kassen sind leer. Das spielende Denkmal Lionel Messi wollte im Sommer gehen und durfte nicht, seine schlechte Laune ist eine tickende Zeitbombe. Nach einem Jahr des Chaos wagen die Mitglieder den Aufstand. Weil über 20 000 von ihnen ein Rücktrittsgesuch an den Präsidenten Josep Maria Bartomeu unterzeichnet haben, wird – falls mindestens 16 520 dieser Stimmabgaben gültig sind – im Oktober ein Referendum über die sofortige Abwahl des Vorstands fällig. Spätestens im März wird Bartomeu sowieso ausscheiden; und damit der Mann, der Koeman verpflichtet hat. Von den vielen Nachfolgekandidaten wollen einige ihren eigenen Trainer mitbringen.

Die Zügel angezogen

Womöglich ist Koeman, der für die Rückkehr zu seinem früheren Klub den Posten als niederländischer Nationalcoach aufgab, also selbst bei guter Arbeit schon bald wieder Geschichte. Er hat kaum eine Chance und muss doch versuchen, sie zu nutzen. Dafür hat er die Zügel angezogen. Wie bei allen Grossklubs findet auch das Training in Barcelona hinter verschlossenen Türen statt, aber nach aussen dringt die Kunde, dass schon lange nicht mehr so seriös gearbeitet worden sei. Bessere Physis, mehr Stringenz und Intensität, lauten die ersten Ziele.

Am Sonntagabend, beim Liga-Auftakt gegen Villarreal, wird man sehen, wie weit Koeman schon gekommen ist. Bekannte Namen werden dann fehlen. Der Stürmer Luis Suárez wechselte zu Atlético Madrid, die Mittelfeldspieler Ivan Rakitic und Arturo Vidal gingen zu Sevilla und Inter Mailand. Koeman hat sie aussortiert, als Fanal für den Umbruch. Für den nach Wolverhampton verkauften Rechtsverteidiger Nelson Semedo wiederum soll auf Wunsch des Trainers der 19-jährige Sergiño Dest verpflichtet werden. Er kommt von Ajax Amsterdam, und man ist fast geneigt, zu fragen: Woher auch sonst?

Es ist nicht übertrieben, zu behaupten, dass der FC Barcelona, alles in allem wohl der grösste Sportklub der Welt, ohne die Niederländer nicht annähernd derselbe wäre. 20 haben bei Barça gespielt. Aber vor allem sind es niederländische Trainer, die den Verein geprägt haben: Rinus Michels (1971–1975; 1976–1978), Johan Cruyff (1988–1996), Louis van Gaal (1997–2000; 2002/03), Frank Rijkaard (2003–2008). Alle propagierten Offensivfussball, entwickelten Spieler aus der eigenen Jugend, haben Titel gewonnen und grosse Spuren hinterlassen, im Fall von Cruyff sogar äusserst tiefe.

Rinus Michels.

Der 2016 verstorbene Klubheilige stand zwar auch als Spieler schon bei Barcelona unter Vertrag, er hinterliess damals aber mehr kulturelles und gesellschaftliches Erbe als sportliches. Bei seiner Ankunft 1973 regierte in Spanien noch der Diktator Franco. Cruyffs lässiger, moderner Habitus, die Ablehnung eines Angebots des mächtigen Vereins Real Madrid und Gesten wie die Benennung seines Sohnes nach dem katalanischen Schutzpatron Jordi machten ihn zur Symbolfigur der Freiheitssehnsucht. Cruyff schlug auf Anhieb ein mit einem 5:0 bei Real in seinem ersten Clásico und Barças erstem Meistertitel seit 14 Jahren. Doch bei diesem furiosen Beginn sollte es auch bleiben. Trotz baldigem Zukauf des kongenialen Johan Neeskens folgte nur noch ein Cup-Sieg 1978. Als Cruyff zehn Jahre später als Trainer zurückkehrte, wartete der Verein weiter auf die Erfüllung seiner grössten Ziele: die Beendigung der Madrider Dominanz in Spanien und den erstmaligen Gewinn des Europacups der Landesmeister (später: Champions League).

Die Situation, die Cruyff vorfand, konnte es an Turbulenzen mit der heutigen aufnehmen. Die Mannschaft hatte sich in der Vorsaison wegen eines Streits über Zahlungen öffentlich gegen das Präsidium verschworen. Der neue Trainer schritt unerschrocken zur Tat. 14 Profis verliessen den Klub, unter anderem der deutsche Spielmacher Bernd Schuster. Im folgenden Sommer entledigte sich Cruyff auch des englischen Stürmers Gary Lineker. Für einen der zwei erlaubten Ausländerposten erwarb er als damals zweitteuersten Barça-Profi der Geschichte einen verteidigenden Landsmann: Ronald Koeman.

Der passstarke und schussgewaltige Abwehrchef avancierte zu einem verlängerten Arm des Trainers und zu einer Schlüsselfigur des Dream-Teams, das den Verein mit hinreissendem Fussball von den alten Komplexen befreite. Zum bis heute einzigen Mal wurde viermal in Serie die Liga gewonnen. Koeman war Libero in Cruyffs tollkühnem 3-4-3-System und Experte für Standards aller Art. Seine Tore laufen dieser Tage im Klub-TV wieder rauf und runter: 102 in 345 Partien schoss er allein für Barça, darunter das wichtigste der Klubgeschichte – einen fulminanten Freistoss zum 1:0-Sieg gegen Sampdoria Genua in der Verlängerung des Europacup-Finals der Landesmeister 1992. Schon bei seinem ekstatischen Jubellauf kamen Koeman die Tränen, später erinnerte er sich: «In der folgenden Nacht wachte ich jede Stunde auf und sagte mir: ‹Wow, wie glücklich ich bin!›» Sein Glück war das von Millionen, und was immer in den nächsten Monaten passieren mag: Kein Barça-Fan über 35 wird je vergessen, wer ihm den ersehnten ersten Europacup der Landesmeister gebracht hat.

Als festes Mitglied des Klub-Pantheons kann Koeman ganz anders auftreten als seine Vorgänger Ernesto Valverde und Quique Setién. Die quasimoralische Autorität seines Legendenstatus legitimiert ihn, Leute wie Suárez auszusortieren: Der drittbeste Torschütze der Klubgeschichte ging bei einer Abschiedsmatinee am Donnerstag unter Tränen, doch ohne böse Worte gegen Koeman. Dieser habe ihn vielmehr respektiert, als er ihm gestattete, während der Suche nach einem neuen Verein noch mit der Mannschaft zu trainieren.

Ein Chaos verursacht

Koemans bisheriges Auftreten in Barcelona zeigt einen Reifeprozess. Bei seiner ersten Spanien-Station in Valencia hatte er während der Saison 2007/08 noch drei etablierte Führungsspieler über Nacht von der Mannschaft ausgeschlossen und damit ein epochales Durcheinander ausgelöst. «In fünf Monaten zerstörte er das Team», sagte der Angreifer Joaquín Sánchez. Demgegenüber wirkt Koeman inzwischen sachlicher und empathischer. Zuvor hatte er bereits den Umbruch in der niederländischen Nationalelf erfolgreich und ohne grosse Nebengeräusche moderiert.

Das Charisma von Cruyff hat er trotzdem nicht – aber wer hat das schon? Koeman ist vom Typ her direkter, unverspielter, aus mediterraner Sicht: nordeuropäischer. Also insofern eher wie van Gaal, als dessen Barça-Assistent er 1998 auf der Trainerbank begann.
Koeman verleihen seine inzwischen 57 Jahre und seine grosse Klubvergangenheit eine fast schon grandseigneurale Erhabenheit (die Testspiele coachte er barfuss in Mokassins). Van Gaal war nach imposanten Jahren bei Ajax zwar als führender Trainer seiner Zeit zu Barcelona gestossen, konnte aber mit seinem schroffen Spanisch und seiner sturen Art emotional nie andocken. In der populären Puppen-Satire «Guiñoles» wurde sein Kopf als Querschädel aus Ziegelsteinen dargestellt, für Spanien repräsentierte van Gaal nur die rigide Seite der Niederlande, nicht aber die freigeistige, für die Cruyff stand. «Er war einfach kein richtiger Niederländer», schrieb nach seiner Entlassung die katalanische Zeitung «La Vanguardia».

Van Gaal übertrieb es ausserdem mit dem Zukauf von Landsleuten. Kurz zuvor war die Schranke der Ausländerbegrenzung gefallen, und schon in der Saison 1998/99 spielten acht Niederländer für Barça. Leistungsträger wie Patrick Kluivert (jetzt Nachwuchskoordinator im Klub), Phillip Cocu oder Frank de Boer, aber auch Mitläufer wie dessen Bruder Ronald, Michael Reiziger und Winston Bogarde. Nach der desaströsen zweiten Amtszeit van Gaals – als er entlassen wurde, lag Barcelona auf Platz 13 – hätte man alles Niederländische erst einmal für kontaminiert halten können. Dass er gleichzeitig Spieler wie Andrés Iniesta oder Victor Valdés ins Team beförderte (so wie in der ersten Amtszeit bereits Xavi und Carles Puyol), sollte man erst später zu würdigen wissen.

Patrick Kluivert ist nun Nachwuchskoordinator.

Patrick Kluivert ist nun Nachwuchskoordinator.

Gerrit van Keulen / Imago

Und doch ging das Revival der niederländischen Barça-Connection im Sommer 2003 erst so richtig los. Der junge Anwalt Joan Laporta hatte die Präsidentschaftswahlen gewonnen. Seine Referenz hiess Cruyff, dessen Einfluss in den Jahren zuvor auch wegen einer persönlichen Feindschaft zu van Gaal eher unterdrückt worden war. Als informeller Berater Laportas rückte er nun wieder nahe an die Macht. Nachdem unter anderem der schon damals angefragte Koeman abgesagt hatte, empfahl Cruyff mit dem noch recht unerfahrenen Rijkaard einen anderen Landsmann für den vakanten Trainerjob.

Nach schwierigem Start formte der stets diplomatische und entspannte Rijkaard ein Team, das 2006 die zweite Champions League der Klubgeschichte gewann. Die Titel Nummer 3 (2009) und 4 (2011) errang dann Rijkaards Nachfolger Josep Guardiola, früher Spieler unter Cruyff. Guardiola verstand sich immer als dessen Prophet. Spätestens mit ihm, dem Vorzeigekatalanen, rückte das niederländische Erbe unverrückbar ins Zentrum der Barça-DNA. Kein Präsidentschaftskandidat würde dieses – anders als noch 2003 – ernsthaft infrage stellen.

Als Trainer ein Wandervogel

Koeman jedoch lässt sich nicht auf Cruyff oder die Ajax-Schule reduzieren. Er wirkte als Spieler und Trainer auch beim pragmatischeren PSV Eindhoven, mit dem er bereits vor seinem Wechsel als Spieler zu Barça den Europacup der Landesmeister gewonnen hatte. Und die Trainerkarrieren von Koeman und Cruyff könnten nicht unterschiedlicher sein: Wo Cruyff nur seine beiden Lebensvereine – Ajax und Barça – coachte, wechselte Koeman in 20 Jahren scheinbar wahllos zwischen zehn Stationen, von Arnheim bis Southampton, von Benfica bis Everton.

Für den FC Barcelona hat er nun einen veritablen Stilbruch angekündigt: ein 4-2-3-1, das hier immer als zu muskelorientiert verpönt war. Vielleicht sei die Ausrichtung etwas defensiver als in den letzten Jahren, räumt Koeman ein. Aber er hält die Anpassung für nötig, damit Barça nicht wieder wie in den letzten Jahren regelmässig von europäischen Topmannschaften überrollt wird. Zudem avancierte sein Landsmann Frenkie de Jong in der Saison 2018/19 beim inzwischen auch flexibleren Ajax Amsterdam in einem 4-2-3-1 zum brillanten Mittelfeldspieler. In Barcelona aber hatte er sich letzte Saison wie so viele Zuzüge beim Versuch verkrampft, sich in die hauseigenen Automatismen und das System Messi zu integrieren.

Das 4-2-3-1 erklärt auch Koemans bisher unpopulärsten Personalentscheid: die Empfehlung an Eigengewächs Riqui Puig, sich zumindest leihweise einen neuen Verein zu suchen. Die Fans hatten den in Statur und Spielweise an die Klub-Ikonen Xavi und Iniesta erinnernden Mittelfeldspieler als neuen Regisseur eines verjüngten Barça erhofft. Doch er ist in Barças Jugendakademie La Masia als einer der beiden Halbfeldspieler im 4-3-3 ausgebildet worden. Koeman hält ihn nicht für geeignet zu den zwei Positionen vor der Abwehr, und im Angriff sieht er bei Konkurrenten wie Messi, Antoine Griezmann, Ousmane Dembélé, Ansu Fati oder dem aus München zurückgekehrten Philippe Coutinho keine Einsatzchance. Trotzdem will Puig aber offenbar bleiben.

Denn mit Koeman kann es ja schnell wieder vorbei sein. In Krisenzeiten schaut Barça in Richtung Niederlande: Das ist nichts Neues. So war es bei Cruyff, so war es bei Rijkaard. Doch sie wurden für ihren Neuaufbau von oben gedeckt, Koeman hingegen blickt in ein Vakuum. So schwer wie er hatte es von seinen Landsleuten keiner.

Ein Höhepunkt der Klubgeschichte: 1992 gewinnt der FC Barcelona erstmals den Europacup der Landesmeister. Das entscheidende Tor erzielt Ronald Koeman (rechts).

Ein Höhepunkt der Klubgeschichte: 1992 gewinnt der FC Barcelona erstmals den Europacup der Landesmeister. Das entscheidende Tor erzielt Ronald Koeman (rechts).

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