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«Risiko sehr real» – So steht es um Corona in Europa

«Risiko sehr real» – So steht es um Corona in Europa

USA, Lateinamerika, Indien: Nachdem die EU im Frühjahr mit ihren Brandherden Italien und Spanien im Zentrum der Corona-Krise stand, hat sich der grosse Kampf gegen das Virus längst in andere Weltregionen verlagert. Doch auch die EU-Staaten haben in diesem Sommer ein fast kollektives Problem: Die Infektionszahlen steigen nahezu überall wieder an. Sowohl das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) als auch das Europa-Büro der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sprechen bereits von einem Wiedererstarken des Virus in manchen Ländern - und vielerorts herrschen Sorgen vor weiter zunehmenden Zahlen, wie die Reporter der Deutschen Presse-Agentur aus vielen Teilen der Region berichten.

«Das Risiko eines Wiederauflebens von Covid-19 ist sehr real», schrieb EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides zu Wochenbeginn auf Twitter. Sie verwies dabei auf die jüngste ECDC-Risikobewertung für die Länder des Europäischen Wirtschaftsraums (EWR) zuzüglich Grossbritannien. Darin heisst es, viele Staaten testeten jetzt bereits milde Verdachtsfälle ohne Symptome, was zu der Zunahme der Fallzahlen beitrage. In mehreren Ländern gebe es aber auch «ein echtes Wiederaufleben an Fällen», das eine Folge davon sei, dass die Massnahmen zum Abstandhalten gelockert worden seien.

Grossbritannien wurde vom Coronavirus hart getroffen. Hier entnimmt ein Arzt eine Blutprobe. Bild: keystone

Dabei gibt es eine gute und eine schlechte Nachricht im Corona-Kampf. Die gute ist unverkennbar: Die Zahl der Europäer, die im Zusammenhang mit einer Covid-19-Erkrankung sterben, steigt seit langem viel langsamer an als in den heftigen Corona-Monaten März und April. Sie liegt derzeit bei etwa 184'000 Todesfällen für den EWR einschliesslich Grossbritannien, hinzu kommen rund 1700 in der Schweiz. Aus diesen 32 Ländern kamen zu Spitzenzeiten zwei Drittel der Todesfälle weltweit, mittlerweile ist der Anteil auf ein knappes Viertel zurückgegangen.

Beunruhigender ist dagegen die Zahl der täglichen Neuinfektionen. Dieser Wert war in 27 der 32 genannten Länder in den ersten sieben Tagen im August höher als in den ersten sieben Tagen des Julis, darunter auch in Deutschland. Während das einst so coronagebeutelte Italien seit Wochen verhältnismässig gut dasteht und auch die Zunahme etwa in Österreich moderat ausfiel, schossen die Infektionszahlen in Belgien, den Niederlanden und Spanien um ein Vielfaches in die Höhe. Die einst von vergleichsweise vielen Infektionen geplagten Schweden und Portugiesen konnten dagegen einen starken Rückgang vermelden.

Apropos Schweden: Fängt man die Corona-Rundreise durch Europa im hohen Norden der EU an, dann beginnt man in einem Land, das ohnehin gegen den Strom schwimmt. In der Krise sind die Schweden einen Sonderweg gegangen, auf dem sie Schulen ebenso offen liessen wie Restaurants, Kneipen und Geschäfte. Gegner strikter Beschränkungen halten dieses Vorgehen für das bessere, allerdings haben die Schweden einen hohen Preis für diese Strategie gezahlt: Auf die Einwohnerzahl gerechnet starben bis heute etwa fünfmal so viele Infizierte wie in Deutschland oder Dänemark. Auch die Gesamtzahl der Infektionen liegt um ein Vielfaches höher. Nun ist die Infektionszahl auf dem Rückzug, liegt aber immer noch deutlich höher als etwa in Deutschland.

Verantwortlich für den schwedischen Sonderweg: Der staatliche Epidemiologe Anders Tegnell. Bild: keystone

Die weiteren nordischen Länder Dänemark, Norwegen, Finnland und Island kamen dank strikter Massnahmen so gut durch die Corona-Krise wie kaum ein anderes Land in Europa. Nachdem die Beschränkungen stark gelockert wurden, ziehen die Infektionszahlen seit einigen Wochen aber wieder an, was auf Island mit Reisenden und anderswo mit lokalen Ausbrüchen etwa auf einem dänischen Schlachthof oder einem norwegischen Kreuzfahrtschiff zusammenhängt. Die nationalen Experten mahnen deshalb weiter zur Vorsicht. «Es gab vielleicht jemanden, der geglaubt hat, dass Corona nur ein dummer Traum des Frühjahrs war, dass wir in einen Herbst ohne Corona gehen würden», sagte etwa der führende dänische Epidemiologe Kåre Mølbak am Montag in Kopenhagen. «Aber das war kein dummer Traum. Das Virus ist immer noch da.»

Auch in Polen steigt die Zahl der Corona-Fälle wieder, mit einem bisherigen Höchstwert von 809 gemeldeten Neuinfektionen am 7. August. Betroffen sind vor allem Regionen im Süden und Südosten des Landes. Es wurden «rote» und «gelbe» Zonen ausgerufen, in denen die Massnahmen wieder verschärft werden. Weiter südlich in TSCHECHIEN setzt man auf eine regionale «Corona-Ampel» mit lokal begrenzten Massnahmen – die Regierung von Ministerpräsident Andrej Babis hat einen zweiten landesweiten Lockdown bereits ausgeschlossen.

Die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen mussten zuletzt ebenfalls mit mehreren lokalen Ausbrüchen fertig werden. Auch wurden vermehrt neue Fälle importiert – durch Heimkehrer und Besucher aus dem Ausland. «Die Krankheit und das Virus sind in Estland wieder auf dem Vormarsch», klagte Sozialminister Tanel Kiik jüngst. «Leider liegt das Problem nicht in den Einschränkungen oder den Massnahmen, sondern in deren Einhaltung.» Die Litauer sind derweil schon zu strengeren Schutzmassnahmen zurückgekehrt.

Hat die Lage ziemlich im Griff: Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz. Bild: keystone

Eine Rückkehr zu den harten Beschränkungen des Frühjahrs fürchtet Österreich dagegen nicht. Das Land segelt weiter vergleichsweise komfortabel durch die Krise. Der jüngste Anstieg bei den Infektionszahlen hat sich bisher nicht fortgesetzt. Die neuerdings wieder eingeführte Maskenpflicht scheint sich zu bewähren.

Ungarn hat vergleichsweise wenige Neuinfektionen – warum, das lässt sich mit Klarheit nicht beantworten. Tatsache ist: Eine Maskenpflicht gilt in allen öffentlich zugänglichen Räumen und wird weitgehend eingehalten. Hinzu kommt, dass in Ungarn relativ wenig getestet wird – und dass die Regierung von Ministerpräsident Viktor Orban mit den Corona-Daten sehr intransparent umgeht. Es gibt kaum regionalisierte Daten, von lokalen Ausbrüchen erfahren die Bürger nur selektiv.

Bulgarien dagegen verzeichnete schon nach dem orthodoxen Osterfest und einer Reihe von Festtagen im Mai Rückfälle. Seit der Öffnung von Lokalen, Nachtclubs, Fitnessstudios und Fussballstadien steigen die Fallzahlen stark an. Seit dem 22. Juni gilt wieder Maskenpflicht in geschlossenen Räumen wie Geschäften, Banken, Kirchen und nach wie vor in öffentlichen Verkehrsmitteln. Nicht wenige Bulgaren wollen sie demonstrativ nicht einhalten – und wirksame Kontrollen gibt es kaum. Eine Folge davon: Das Auswärtige Amt in Berlin warnt mittlerweile unter anderem vor Reisen in die Schwarzmeerregion Warna, in der auch der als «Bulgariens Ballermann» geltende Goldstrand liegt.

Im EU-Vergleich ist Rumänien mit seiner stark gestiegenen Infektionsrate ein Sorgenkind. Dort sind es jetzt täglich über 1200 neue Fälle, gut fünfmal so viele wie vor den Lockerungen der Massnahmen Mitte Mai. Auch hier wird sich oft nicht an Maskenpflicht und Abstandsregeln gehalten. Hinzu kommt neben dem vereinzelten Gedränge an den Schwarzmeerstränden das körperbetonte religiöse Leben: In der orthodoxen Kirche, zu der sich fast alle Rumänen bekennen, werden Ikonen geküsst und oftmals das Abendmahl mit ein und demselben Löffel an alle Gläubigen ausgeteilt – trotz der Verbote.

Spanien und Italien waren im Frühjahr die zeitweise am stärksten von Corona betroffenen Länder der Welt. Die Wege im Süden Europas gehen nun weit auseinander: Während die Italiener die Pandemie mit einem harten Lockdown unter Kontrolle gebracht haben, sich konsequent an die Schutzregeln halten und stolz auf das Erreichte sind, verzeichnen die Spanier nach den Ende ihres Lockdowns am 21. Juni wieder mehr Infektionen als die meisten anderen Länder Europas. Zwar versichert die Regierung in Madrid, dass die Pandemie im Griff sei. Doch nach offiziellen Angaben gibt es derzeit rund 675 lokale Ausbrüche. Eine Folge davon ist, dass das Auswärtige Amt vor Reisen in fünf spanische Regionen warnt, darunter die Hauptstadt Madrid und Katalonien um die Metropole Barcelona. Das Gesundheitssystem steht dabei unter Druck, aber nicht mehr vor einem Kollaps wie etwa im April.

Spanien war phasenweise weltweiter Spitzenreiter, was Coronavirus-Infektionen betrifft. Bild: keystone

Den weiteren Urlaubsländern Griechenland und Zypern geht es derzeit verhältnismässig gut. Aber auch hier steigen die Zahlen. Ärzte monieren immer wieder, dass die Menschen im Urlaub glaubten, die Epidemie sei längst vorbei. Das ist aber auch in Hellas nicht der Fall: Erstmals seit Pandemie-Beginn wurde zuletzt ein Teil-Lockdown für Urlaubsziele wie Rhodos und Kreta angeordnet. Wichtigste Regel: Alle Tavernen, Tanzbars und Restaurants müssen um 24.00 schliessen.

Auch Frankreich erlebt seit einigen Wochen wieder steigende Fallzahlen – besonders bei jungen Erwachsenen. Seit Ende Juli zählen die Gesundheitsbehörden wieder regelmässig deutlich mehr als 1000 tägliche Neuinfektionen. Die Behörden beklagen, dass gerade im Zusammenhang mit Urlaubsreisen und sommerlichen Festen und Feiern die Abstandsregeln nicht eingehalten werden. In der SCHWEIZ, wo die Entwicklung ebenfalls als besorgniserregend eingestuft wird, monieren Experten derweil die Vielzahl an kantonalen oder lokalen Konzepten: Zum Start des neuen Schuljahres am Montag mussten Schüler wie Lehrer den Durchblick durch einen Flickenteppich an Massnahmen behalten.

Weiter nördlich sind die Zahlen im vergangenen Monat so stark gestiegen wie fast nirgendwo anders in Europa. In Belgien mischt sich zu den Sorgen wegen der Zahlen auch jede Menge Frust: Niemand weiss ganz genau, womit die Entwicklung zu erklären ist. Die Provinz Antwerpen war zunächst besonders stark vom Wiedererstarken des Virus betroffen, nun gilt auch für die Hauptstadtregion Brüssel überall in der Öffentlichkeit Maskenpflicht. Zudem darf jeder Belgier nur noch mit fünf Personen engeren Kontakt haben, die nicht zum eigenen Haushalt zählen. Es geht die Angst vor einem neuen Lockdown um – auch wenn es am Montag nach Vorlage der jüngsten Zahlen hiess, das exponentielle Wachstum scheine vorerst unterbrochen zu sein.

Manche Politiker sorgen sich bereits um Belgiens Ruf, sie verweisen deshalb auf die vergleichsweise hohe Testrate ihres Landes. Dabei sitzt der Test-Europameister – zumindest auf die Einwohnerzahl gerechnet - seit längerem im benachbarten Ministaat Luxemburg. Eine Konsequenz davon: Kein EWR-Land hat pro 100'000 Einwohner höhere Infektionszahlen als Luxemburg.

Die Behörden in den Niederlanden machen derweil gerade junge Leute, die keinen Abstand halten, für die steigenden Zahlen verantwortlich. «Haltet euch an die Regeln, sonst sitzen wir alle bald wieder zu Hause fest», mahnte Ministerpräsident Mark Rutte bereits an. Illegale Partys, volle Kneipen, aber auch Familienfeste: Das sind die grossen Ansteckungsherde vor allem in Amsterdam und Rotterdam.

In Grossbritannien hat man weiter ein Problem, das der Rest Europa weitgehend unter Kontrolle gebracht hat: Die Briten kriegen die hohe Zahl an Todesfällen nicht in den Griff. Das betrifft in erster Linie England, wo im Durchschnitt täglich immer noch mehrere Dutzend Menschen an einer Coronavirus-Infektion sterben. Die Probleme sind weitreichend: Der Regierung wird vorgeworfen, zu spät und falsch auf die Corona-Krise reagiert zu haben. Der staatliche Gesundheitsdienst NHS gilt als marode und chronisch unterfinanziert. Es mangelt nach wie vor an Ärzten und Pflegern, Tests und Schutzausrüstungen sind nicht überall ausreichend vorhanden. Und jeder britische Landesteil entscheidet über seine eigenen Massnahmen im Kampf gegen die Pandemie.

Ein Virus, das die Welt verändert. bild: shutterstock

Die Gründe für die steigenden Corona-Zahlen sind somit vielseitig. Vier davon treten immer wieder auf: die gesteigerten Testkapazitäten, die Lockerung der Beschränkungen, der sommerliche Reiseverkehr – und eine Corona-Müdigkeit, bei der die Menschen die Covid-19-Risiken nach Monaten der Pandemie nicht mehr so stark wahrnehmen.

Zu Letzterem forderte ECDC-Chefforscher Mike Catchpole, dass jeder weiter daran erinnert werden müsse, dass das Virus weiterhin in den Gemeinschaften zirkuliere. Und die WHO Europa, die zur Region neben dem EWR auch Russland und weitere östliche Länder zählt, mahnt nach wie vor zur Vorsicht. Wo neue Ausbruchsherde entstünden, müsse schnell und gezielt eingegriffen werden, sagte ein Sprecher auf dpa-Anfrage. Wenn es die Situation erfordere, könnten auch striktere Massnahmen wieder eingeführt werden. Werde das Virus nicht an seiner Ausbreitung gehindert, werde dies die Gesundheitssysteme in Europa erneut an den Rand des Abgrunds drängen. (sda/dpa)

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