Switzerland

Ringsum sind die Theater zu, auf der wunderbaren Insel Schweiz aber sind sie offen: Im Zürcher Schiffbau feiert man sogar Premiere

Ein Familiendrama nach einem französischen Kultroman ist die Corona-verschärfte Antwort auf Weihnachten.

Benjamin (Lillie) ist zu Hause angekommen. Oder in dem, was er dafür hält. Matze Prällochs am Schlagzeug ist jedenfalls schon einmal da.

Benjamin (Lillie) ist zu Hause angekommen. Oder in dem, was er dafür hält. Matze Prällochs am Schlagzeug ist jedenfalls schon einmal da.

Diana Pfammatter / PD

Wenn gar nichts mehr geht, dann geht Familie. Ein Nest irgendwo, ein Mutterbusen, eine elterliche Hand auf der Schulter: Erinnerung kann falsch sein, doch Kind ist man immer, wo man einmal Kind war. Und schön wäre das alles, wenn es denn tatsächlich so wäre. Doch Familie ist nicht selten ein mythisch überhöhtes Ideal, und spätestens an Weihnachten kracht dann Wunsch gegen Wirklichkeit.

Dieser Abend nun passt wie ein Weihnachtsbaum zu diesem von Familien-Hoffnungen belasteten Dezember und auf die Umstände unter Corona: Christopher Rüping, Mitglied des Leitungsteams, inszeniert in der Schiffbauhalle – das Schauspielhaus öffnet seinen Riesenraum tatsächlich auch für 50 Zuschauer – eine Familientragödie von Tschechowscher Tiefenschärfe.

Ihr zugrunde liegt der Roman des in Frankreich als Kultdramatiker verehrten, jung verstorbenen Jean-Luc Lagarce (1957–1995). Sein Stück «Juste la fin du monde» («Einfach das Ende der Welt») hat es sogar auf die Kinoleinwand geschafft, Stars wie Nathalie Baye und Vincent Cassel gaben sich bei Regisseur Xavier Dolan die Ehre.

Erinnerung ist eine alte Kulisse

«Tach», nuschelt hier auf der Bühne ein in saloppe Geschmacklosigkeiten gekleideter junger Mann aus Lagarce’ Roman. Nils Kahnwalds Blick ist ins Leere gerichtet, die gefühlte Distanz zu seinem Gegenüber: ein Universum. Nach zwölf Jahren steht vor ihm der Bruder, der es geschafft hat, dem es geglückt ist, aus der Familie auszubrechen, von hier wegzukommen, das Idol der Familie und Mamas Liebling. Der Älteste – Benjamin Lillie als Benjamin Lillie, Darsteller und Figur verschwimmen – kehrt dorthin zurück, wo er damals ohne Erklärung Richtung grosse Welt geflüchtet war. Ein Milieuwechsel, ein Ausstieg und Aufstieg, weg aus einfachen Verhältnissen in intellektuelle Zirkel.

Die Brüder treffen sich im leeren Raum. Denn Benjamins altes Zuhause, das er den Zuschauern eben noch vorgeführt hat – von Jonathan Mertz hyperrealistisch und liebevoll im Stil von damals nachgebaut und möbliert –, durfte nur 30 Minuten lang in seiner Erinnerungsherrlichkeit vor ihm bestehen. Dann werden die Kulissen als Kulissen entlarvt und zurückgebaut: Benjamin ist von der Vergangenheit in die Realzeit gelangt, und hier gibt es nur Möglichkeitsräume. Möglichkeiten, sich zu begegnen – oder sich zu verpassen.

Inzwischen lebt er anderswo als Künstler, seine Videokamera soll seinen Besuch aufnehmen, ein Kunstprojekt womöglich, jedenfalls hält er sie wie einen Schild vor der Brust. «Tach», sagt der Jüngere also zum Älteren in die Kamera. Vielleicht gibt’s zur Begrüssung noch einen halb verachtenden, halb schmerzhaften Blick, den Kahnwald so gut kann. Was tust du hier? Was willst du von uns? Doch statt solcher Fragen – Schweigen.

Weshalb der eine damals wegging und weshalb er nun zurückkehrt, das sind nur zwei der Geheimnisse, die hier nicht gelüftet werden dürfen. Denn für Theaterbesucher ist es eine Art Pflicht, sich zum Jahresende diesem ganz und gar anderen, unerbittlichen, zeitgenössischen unheiligen Familienabend zu stellen. Er ist in zweierlei Hinsicht ein Wunder.

Begegnung ist ein Wagnis

Alleine der Umstand, dass rund um die Schweiz die Bühnen dunkel bleiben müssen, hier aber gespielt wird, ist ein wundersames Glück. In Deutschland soll neuerdings bis zum 20. 12. der Vorhang unten bleiben, und Bühnen in Sachsen verlängern den Lockdown sogar bis Ende Februar. In Berlin geht der Kultursenator Klaus Lederer davon aus, dass Kulturveranstaltungen frühestens Mitte Januar stattfinden.

Und das ist Wunder Nummer zwei: Christopher Rüping hat alles andere vor, als liebesdienerisch der Vorlage hinterherzulaufen. Während Lagarce’ Interesse vorab französischen Gesellschaftsthemen wie der Kluft zwischen den sozialen Milieus galt – ihrem unterschiedlichen Sprechen und ihren Vorstellungen über sich selbst –, verfolgt die Zürcher Fassung, in keiner Zeit und in keiner Geografie verortet, ein grundsätzlicheres Interesse. Auf der Grundlage einer Übersetzung von Uli Menke glückt Rüping und seinem Ensemble eine spielerische Untersuchung darüber, wie denn das, was wir im Moment verloren haben, herzustellen wäre: Nähe nämlich. Physische sowie emotionale Nähe, Berührung, Kontakt zwischen Menschen. Das Wagnis einer realen Begegnung.

Denn Einsamkeit ist hier nur ein anderes Wort für Familie. Die manipulative Mutter Ulrike Krumbiegels ist eine hochtraurige Figur, die sich den Kindern nur in inszeniertem Getue mitteilt. Sie schlägt das Rad, heischt nach Bewunderung und bleibt in ihrem Innersten doch allein. Die jüngste Schwester der traumhaft fragilen Wiebke Mollenhauer wiederum widerspiegelt die Skepsis gegenüber den Versprechungen ihres grossen Bruders bereits in ihrem Körper; sie geht auf ihn zu, indem sie sich von ihm abwendet. Und dann natürlich Maja Beckmann: Als Schwägerin trägt sie nicht nur einen Minderwertigkeitskomplex vor sich her, sondern, als Familienfremde, als Einzige auch ihr Herz auf der Zunge. Wie sich hier Rolle und Darstellerin verbinden, macht die Macht der Behauptung gross.

Diese Mittel des Gelingens führen exakt ins Zentrum von Theater. Was immer die Darsteller auf der Bühne behaupten, tun und zeigen – sie zeigen immer sich selbst. Ihre Persönlichkeit ist die Währung, der wir, die Zuschauer, Glauben schenken. Dass man sich diesem Ensemble frei und frank anvertraut, weil sich jeder und jede bedingungslos zur Verfügung stellt, verschenkt, das macht den Abend zu einer realen Begegnung. Mit einzigartigen Menschen.

«Einfach das Ende der Welt» wird im Rahmen der Reihe «Streamy Thursday» am 17. Dezember um 19.30 Uhr live aus der Schiffbau-Halle gestreamt.

Football news:

Phil Neville trainiert jetzt den Beckham Club im sonnigen Miami. Für so etwas hat sich Englands Frauen-Nationalmannschaft vor den Olympischen spielen und Ihren Legenden-Freunden in dieser Zeit in Salford entschieden. Vor wenigen Tagen wurde Phil Neville neuer Cheftrainer von Inter Miami. David Beckhams Klub hat offiziell den zweiten Trainer der Geschichte vorgestellt
Bei Chelsea hofft man, dass Tuchel beim Spiel gegen Wolverhampton am Mittwoch kurz vor der Ernennung zum Cheftrainer des FC Chelsea steht
Antonio Conte:Inter verlor im letzten Derby 0:2. Inter-Trainer Antonio Conte hat die Erwartungen an das italienische Pokalspiel gegen den AC Mailand mit deutlicher Mehrheit geteilt
Pioli über das Derby im italienischen Pokal: Milan will den italienischen Pokal gewinnen, aber wir haben ein schwieriges Netz
PSG könnte Arsenal Draxler für Guendouzi anbieten
Sokratis wechselte zu Olympiakos Piräus. Vertrag beim Ex - Arsenal-Verteidiger bis 2023
Jacko und Fonseca haben den Konflikt nicht beigelegt, edin arbeitet getrennt vom Team. Roma hat keine Angebote