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Rebellen erobern Sarakeb zurück, erneut zwei türkische Soldaten getötet – die neusten Entwicklungen in der Schlacht um Syriens letzte Rebellenbastion Idlib

Neun Jahre nach Beginn des Bürgerkriegs in Syrien kontrollieren die Aufständischen nur noch die Provinz Idlib. Präsident Bashar al-Asad ist entschlossen, auch die Region im Nordwesten zurückzuerobern.

Ulrich von Schwerin

Syrische Soldaten feiern die Eroberung von Maarat al-Numan. Die Aufnahme stammt vom 30. Januar, unmittelbar vor den Toren der Stadt.

Syrische Soldaten feiern die Eroberung von Maarat al-Numan. Die Aufnahme stammt vom 30. Januar, unmittelbar vor den Toren der Stadt.

Omar Sanadiki / Reuters

  • Die Rebellen haben mit Unterstützung der türkischen Armee die strategisch wichtige Stadt Sarakeb zurückerobert. Wie die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Donnerstag (27. 2.) meldete, ging dem Angriff heftiger türkischer Artilleriebeschuss voraus. Die Rebellen schnitten damit erneut die wichtige Autobahn M5 zwischen Damaskus und Aleppo ab. Laut der staatlichen Nachrichtenagentur Sana setzten die «Terroristen» bei dem Angriff auch Selbstmordattentäter ein. Es gebe weiter heftige Kämpfe in der Stadt, bei denen die Angreifer schwere Verluste erlitten hätten. Die Truppen von Machthaber Bashar al-Asad hatten die östlich der Provinzhauptstadt Idlib gelegene Stadt Ende Januar erobert und Mitte Februar auch die Autobahn M5 erstmals seit Jahren wieder komplett unter ihre Kontrolle gebracht.
  • Unterdessen nahmen die Regierungstruppen zahlreiche Dörfer im Südwesten der Provinz Idlib ein. Laut der Beobachtungsstelle eroberten Asads Truppen am Donnerstag von den Rebellen rund 20 Ortschaften in einer ländlichen Gegend an der Grenze zur Provinz Hama. Bei einem Luftangriff der Regierungstruppen zwischen Kansafra und Al-Bara seien auch zwei türkische Soldaten getötet worden. Die Zahl der Toten auf türkischer Seite in Idlib stieg damit auf 19. Laut der Beobachtungsstelle schickte die Türkei weitere Verstärkung nach Idlib, darunter auch mobile Luftabwehrraketen. Seit Anfang Februar überquerten demnach fast 3000 türkische Panzer und andere Militärfahrzeuge die Grenze nach Idlib.
  • Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat ein Ultimatum an Asad zum Rückzug seiner Truppen bekräftigt. Die Türkei werde «nicht den kleinsten Schritt zurückweichen», sagte Erdogan am Mittwoch (26. 2.). Bereits Anfang Februar hatte er gedroht, dass wenn Asad seine Truppen nicht bis Ende Februar von den belagerten türkischen Beobachtungsposten zurückziehe, werde die Türkei selbst dafür sorgen. Die Türkei hatte im Herbst 2018 zwölf Beobachtungsposten rund um Idlib eingerichtet, um eine Waffenruhe zwischen Regierung und Rebellen zu überwachen. Durch den Vorstoss der syrischen Armee gerieten mehrere der Posten inzwischen hinter die Fronten und sind nun von den Regierungstruppen belagert.
  • Die diplomatischen Bemühungen zur Beilegung der Kämpfe in Idlib stecken derweil fest. Der Kreml dementierte am Donnerstag (26. 2.) Pläne der Türkei für einen Vierer-Gipfel am 5. März. Ankara hatte angekündigt, dass an diesem Tag Erdogan mit dem russischen Staatschef Wladimir Putin, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Bundeskanzlerin Angela Merkel zusammenkommen würde. Sie hatten sich in dieser Runde zuletzt im Herbst 2018 in Istanbul getroffen. Gespräche zwischen Moskau und Ankara zur Deeskalation des Konflikts brachten bisher kein Ergebnis. Obwohl Russland und die Türkei auf unterschiedlichen Seiten stehen, setzen sie sich seit Jahren für eine politische Lösung in Syrien ein.
  • Durch die Kämpfe sind mehr als eine Million Menschen in Idlib aus ihren Häusern vertrieben worden. Hunderttausende flohen aus dem Süden von Idlib in Richtung der geschlossenen türkischen Grenze im Norden, nachdem die syrischen Regierungstruppen Anfang Dezember mit Unterstützung der russischen Luftwaffe eine neue Offensive gegen die Rebellen in Idlib starteten. Entlang der Grenze zur Türkei haben sich in den vergangenen Jahren riesige Flüchtlingslager gebildet, da sich die Zivilisten Schutz von der Türkei erhoffen. Zudem bieten türkische Hilfsorganisationen ein Mindestmass an humanitärer Unterstützung für die Vertriebenen. Ankara will unbedingt verhindern, dass noch mehr Flüchtlinge ins Land gelangen, wo bereits 3,6 Millionen Syrer leben.

Die Provinz Idlib und angrenzende Teile der Provinzen Aleppo, Latakia und Hama sind das letzte grosse Gebiet Syriens unter Kontrolle der Aufständischen. Die Einwohner der mehrheitlich arabisch-sunnitischen Region im Nordwesten des Landes waren unter den Ersten, die sich im Frühjahr 2011 gegen die autoritäre Herrschaft von Präsident Bashar al-Asad erhoben. Die Opposition profitierte dabei auch von der Unterstützung der Türkei, die direkt an die Provinz grenzt.

Kampf um Idlib

Wie in anderen Teilen Syriens gewannen in Idlib über die Jahre islamistische und jihadistische Milizen die Oberhand über moderate und säkulare Oppositionsgruppen. Als mächtigste Gruppe erwies sich die radikale Nusra-Front, die als syrischer Ableger von al-Kaida firmierte, bevor sie sich offiziell von dem internationalen Terrornetzwerk lossagte. Seit einem Zusammenschluss mit ähnlichen Gruppen im Januar 2017 nennt sie sich Hayat Tahrir al-Sham (HTS).

Nach einem blutigen Machtkampf mit protürkischen Islamistengruppen übernahm die HTS Anfang 2019 die Kontrolle über den Grossteil der Region. Die Bemühungen der Türkei, ihren Einfluss einzudämmen, scheiterten. Neben der HTS sind auch die Islamische Partei Turkestans und der Al-Kaida-Ableger Hurras al-Din mit einigen tausend Kämpfern in Idlib präsent. Die von der Türkei unterstützte Nationale Befreiungsfront ist dagegen weitgehend marginalisiert.

Der syrische Machthaber Bashar al-Asad hat wiederholt seine Absicht erklärt, jeden Zentimeter syrischen Bodens wieder unter seine Kontrolle zu bringen. Dies gilt für die kurdischen Gebiete im Nordosten, aber ganz besonders für die letzte Rebellenbastion Idlib. Unterstützt werden Asads Truppen im Kampf um die Region von der russischen Luftwaffe, die gezielt Angriffe auf zivile Einrichtungen wie Märkte und Spitäler fliegt. Seit Januar beteiligen sich auch proiranische Milizen an den Kämpfen.

Freiwillige der syrischen Zivilschutzorganisation Weisshelme löschen Anfang Januar ein brennendes Auto nach einem Luftangriff in Idlib. Die Provinz ist seit Jahren Ziel syrischer und russischer Bombenangriffe.

Freiwillige der syrischen Zivilschutzorganisation Weisshelme löschen Anfang Januar ein brennendes Auto nach einem Luftangriff in Idlib. Die Provinz ist seit Jahren Ziel syrischer und russischer Bombenangriffe.

AP

Im Fall einer Grossoffensive auf Idlib wird eine humanitäre Katastrophe erster Ordnung befürchtet. In der Provinz sind einige der härtesten Rebellenkämpfer versammelt. Nach dem Verlust ihrer Hochburgen in Aleppo, Daraa und Ost-Ghuta bleibt ihnen kein Ort, wohin sie fliehen könnten ausser die Türkei. Diese hat aber ihre Grenzen dichtgemacht und will unbedingt verhindern, dass Hunderttausende Flüchtlinge und Jihadisten ins Land kommen.

Die Türkei war lange die führende Schutzmacht der Opposition. Die Jihadisten-Allianz HTS gilt aber auch in Ankara als Terrororganisation. Die Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdogan will eine Offensive auf Idlib vor allem verhindern, um eine neue Massenflucht in Richtung der türkischen Grenze zu vermeiden. Schon jetzt leben 3,6 Millionen Syrer in der Türkei. Hunderttausende weitere haben in Lagern entlang der Grenze zur Türkei Zuflucht gesucht.

Nach monatelangen Kämpfen vereinbarte Erdogan im September 2018 mit Russland eine Waffenruhe und die Schaffung einer demilitarisierten Pufferzone um Idlib. Um die Einhaltung der Waffenruhe zu überwachen, richtete Ankara zwölf Beobachtungsposten rund um Idlib ein, in denen es Tausende Soldaten stationierte. Allerdings konnten sie weder den Abzug der Jihadisten aus der Pufferzone erreichen noch im April 2019 die Wiederaufnahme der Kämpfe verhindern.

Nach der Einnahme von Städten wie Khan Sheikhun und Maarat al-Numan durch Asads Truppen wurden mehrere Beobachtungsposten eingekreist, doch lehnt Ankara es ab, sie zu räumen.

Russland gibt sich in dem Konflikt als neutraler Vermittler, doch spielen seine Kampfflugzeuge eine Schlüsselrolle in der Schlacht um Idlib. Der russische Präsident Wladimir Putin vereinbarte wiederholt Waffenruhen mit der Türkei – letztmals Anfang Januar –, doch wurden sie nicht lange eingehalten. Meist rechtfertigte Moskau die Fortsetzung der Offensive mit dem Kampf gegen «Terroristen» – ein dehnbarer Begriff, der auch viele Rebellen umfassen kann.

Zivilisten fliehen Ende 2019 vor den Kämpfen um Maarat al-Numan: Allein seit Anfang Dezember ergriffen nach Uno-Angaben fast 350 000 Menschen die Flucht vor den Kämpfen im Süden von Idlib.

Zivilisten fliehen Ende 2019 vor den Kämpfen um Maarat al-Numan: Allein seit Anfang Dezember ergriffen nach Uno-Angaben fast 350 000 Menschen die Flucht vor den Kämpfen im Süden von Idlib.

Mahmoud Hassano / X03306

Die russische Armee hat auch ein konkretes Interesse am Kampf gegen die Jihadisten in Idlib. Denn diese fliegen regelmässig Drohnenangriffe auf die russische Luftwaffenbasis Hmeimim an der Mittelmeerküste. Zudem kämpfen in Idlib zahlreiche tschetschenische Islamisten. Moskau möchte ihre Rückkehr in die südrussische Teilrepublik verhindern, da sie sonst die frühere Unruheregion erneut destabilisieren könnten.

In Idlib leben mehr als drei Millionen Menschen unter höchst prekären Bedingungen. Rund die Hälfte von ihnen sind Vertriebene aus anderen Regionen des Landes. Seit 2014 wurden Zehntausende Rebellenkämpfer und ihre Familien nach der Eroberung von Oppositionshochburgen wie Homs, Daraa und Ost-Ghuta nach Idlib gebracht. Die erneuten Kämpfe im Süden und im Osten Idlibs zwangen seit April 2019 Hunderttausende erneut zur Flucht an die türkische Grenze im Norden.

Menschenrechtsaktivisten werfen Damaskus und Russland vor, gezielt zivile Einrichtungen wie Märkte, Schulen, Spitäler und Bäckereien zu bombardieren, um die Bevölkerung zu demoralisieren und zur Flucht zu zwingen. Auch in anderen Regionen verfolgten sie bereits diese Taktik. Besonders gefürchtet ist der Einsatz von Fassbomben – mit Sprengstoff gefüllten Fässern, die grossflächige Zerstörung anrichten. Wiederholt setzte Asad auch Giftgas ein, wie im April 2017 in Khan Sheikhun.