Switzerland

Putin sucht Erdogans Achillesferse

Im Kräftemessen mit der Türkei ist Russland in Libyen und im Kaukasus in Rücklage geraten. Mit einem blutigen Angriff auf ein Ausbildungslager protürkischer Rebellen in Syrien schlägt Moskau nun zurück.

Der russische Präsident Putin und sein türkischer Amtskollege Erdogan liefern sich ein Kräftemessen von Libyen bis in den Kaukasus.

Der russische Präsident Putin und sein türkischer Amtskollege Erdogan liefern sich ein Kräftemessen von Libyen bis in den Kaukasus.

Pool / Reuters

Der russische Luftangriff auf ein Ausbildungscamp der syrischen Islamistengruppe Faylak al-Sham am Montag war einer der tödlichsten der vergangenen Jahre. Angeblich fand zum Zeitpunkt der Attacke nahe dem Ort Harim gerade eine Abschlusszeremonie für frisch geschulte Kämpfer statt. Rund 80 Personen wurden nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte getötet und über 130 verletzt. «Der Luftangriff ereignete sich in einem dichtbesiedelten Gebiet nahe der syrisch-türkischen Grenze, in dem es normalerweise keine aktiven Kampfhandlungen gibt», erklärte die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen, die Spitäler im aufständischen Nordwesten Syriens unterstützt.

Erdogans liebste Kampftruppe

Faylak al-Sham ist nicht irgendeine der zahlreichen bewaffneten Gruppen der syrischen Opposition. Sie ging 2014 aus der syrischen Muslimbruderschaft hervor, galt jedoch als gemässigt genug, um auch von den USA unterstützt zu werden. Heute gilt sie als eine der grössten und am besten ausgebildeten Rebellengruppen im Solde der Türkei. Sie sei «der Favorit» des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, sagte der Nahost-Experte Nicholas Heras der Nachrichtenagentur AFP.

Faylak al-Sham nahm unter dem Befehl der Türkei von 2018 bis 2019 an verschiedenen Offensiven gegen die Kurden in Nordsyrien teil. Gleichzeitig sei die Gruppierung für Ankara eines der wichtigsten Reservoire zur Rekrutierung von Söldnern für die Konflikte in Libyen und im Kaukasus, sagt Heras. Gemäss unterschiedlichen Schätzungen hat die Türkei seit Beginn dieses Jahres zwischen 5000 und 16 000 syrische Söldner nach Libyen geflogen, damit diese dort gegen die mit Russland verbündeten Truppen von Khalifa Haftar kämpfen. Obwohl es Erdogan vehement abstreitet, geht Moskau davon aus, dass seit September auch Hunderte syrische Söldner auf der Seite Aserbaidschans an der Front in Nagorni Karabach gegen Armenien kämpfen.

Nach dem russischen Luftangriff mit rund 80 Toten am Montag fand am Dienstag die Beerdigung in Idlib statt.

Nach dem russischen Luftangriff mit rund 80 Toten am Montag fand am Dienstag die Beerdigung in Idlib statt.

AP

Erdogan hat dem russischen Präsidenten Wladimir Putin in den vergangenen Monaten gleich mehrmals einen Strich durch seine aussenpolitischen Ambitionen gemacht. Nach monatelangen russischen Bombardements brachen im Januar und Februar die Verteidigungslinien der syrischen Rebellen in Idlib zusammen, die Truppen des Asad-Regimes erzielten schnelle Geländegewinne. Doch Ankara griff mit eigenen Soldaten, schwerer Artillerie und Kampfdrohnen ein. Moskau und Damaskus wurden zu einem Waffenstillstand gezwungen. Sie verfehlten vorerst ihr Ziel, endgültig mit den Aufständischen in Nordwestsyrien aufzuräumen.

Ankara zündelt in Putins Hinterhof

Fast gleichzeitig stand Khalifa Haftar in Libyen kurz vor der Einnahme der Hauptstadt Tripolis. Doch die militärische Intervention der Türkei mit syrischen Söldnern und Kampfdrohnen wendete das Blatt in Libyen. Haftar und die russischen Söldner mussten sich nach Osten zurückziehen. Ende September begann Erdogan schliesslich auch im Südkaukasus – in Putins Hinterhof – zu zündeln. Mit türkischer Unterstützung, darunter wohl auch syrische Söldner, durchbrachen die aserbaidschanischen Truppen die seit 30 Jahren standfesten Verteidigungslinien der von Armenien besetzten Gebiete rund um die Enklave Nagorni Karabach.

Putins wiederholte Versuche, einen Waffenstillstand zwischen den beiden ehemaligen Sowjetrepubliken zu vermitteln, scheiterten jeweils nach kurzer Zeit. Der Kreml wirkt hilflos. Russland verfügt zwar über eine Militärbasis in Armenien und könnte seinem Verbündeten gegen die aserbaidschanische Übermacht zu Hilfe eilen. Aber weil der Kreml seinen Einfluss in Aserbaidschan nicht gänzlich an die Türkei verlieren will, bevorzugt er bis anhin eine neutrale Haltung.

Womöglich ist es dafür aber schon zu spät: Vergangene Woche forderte Erdogan, bei den Friedensverhandlungen um Nagorni Karabach in der ersten Reihe zu sitzen. Seit den neunziger Jahren wurden diese Verhandlungen von Russland, Frankreich und den USA geführt. «Die Türkei sollte in die Friedensverhandlungen mit Russland involviert werden», verlangte Erdogan.

Geiseln der Grossmächte

Der russische Angriff vom Montag auf Faylak al-Sham fernab der Frontlinie scheint deshalb auch eine Warnung an Erdogan zu sein, den Bogen insbesondere im Kaukasus nicht zu überspannen. «Die drei Millionen Bewohner von Idlib sind zu Geiseln der russisch-türkischen Kalkulationen geworden, die oft über Syrien hinausgehen», erklärt Dareen Khalifa, Syrien-Expertin der International Crisis Group. «Das Gebiet wurde ebenso als Verhandlungspfand wie auch als Spielfeld für Machtprojektionen genutzt.»

Bereits im Juni, als die Türkei in Libyen auf dem Vormarsch war, verstärkte Russland zeitweise seine Luftangriffe in Idlib. Und auch jetzt nehmen die Attacken der russischen und der syrischen Luftwaffe wieder zu. Der Grund dafür dürfte jedoch auch in Syrien selbst liegen. Die Türkei hat bisher zentrale Bausteine des Waffenstillstands nicht erfüllt: zum einen die Entwaffnung extremistischer Rebellengruppen, zum anderen die Absicherung der M-4-Schnellstrasse zwischen Latakia und Aleppo durch gemeinsame russisch-türkische Patrouillen. Dass Ankara diese Bedingungen kaum umsetzen würde, war ebenso erwartbar wie eine neue Eskalation des Konflikts: «Die Waffenruhe vom 5. März hat länger als erwartet gehalten, aber sie bröckelt», meint Khalifa. Als Vergeltung beschiessen Rebellengruppen in Idlib seit Montagabend die Stellungen des syrischen Regimes mit Artillerie und Raketen.

Eine russische Eskalation in Idlib ist umso leichter vorstellbar, als Moskau hier im Gegensatz zu Libyen oder Aserbaidschan am längeren Hebel zu sitzen scheint. Eine neuerliche Offensive könnte womöglich eine neue Welle von Hunderttausenden syrischen Flüchtlingen in die Türkei auslösen – ein abschreckendes Horrorszenario für Erdogan.

Football news:

Griezmann über das Spiel gegen Argentinien bei der WM 2018: Bot Deschamps ein 4-4-2 und die persönliche Betreuung von Messi an. Er hörte dem FC Barcelona Und dem französischen Nationalspieler Antoine Griezmann die Erinnerungen an die WM 2018 und die Euro 2016 zu
Ex-Verteidiger Inter Maicon kann aus der Serie D nach Sona wechseln
IFAB über das Handspiel: Nicht jede Berührung des Balls ist eine Verletzung. Die endgültige Entscheidung liegt bei dem Schiedsrichter
Griezmann über den Abgang von Atlético: Ich brauchte Veränderungen. Die Entscheidung war sehr schwer
Barcelona rief Maxerano zur Auswechslung des Verletzten Piqué auf. Der FC Barcelona sucht nach einem Weg, den wegen einer Bänderverletzung im Knie ausgeschiedenen Verteidiger Gerard Piqué zu ersetzen
Inter will Giroud im Januar Unterschreiben. Inter behält Interesse an Chelsea-Stürmer Olivier Giroud. Der 34 - jährige Stürmer ist das transferziel von Nerazzurri für Januar, berichtet Insider Nicolo Skira. Der Franzose lobt Milans Trainer Antonio Conte
Agent Isco: er will versuchen, in einer anderen Liga zu spielen