Switzerland

«Pflanzen haben ein unterirdisches Internet»

Wenn Tomaten ein Problem haben – besprechen sie es dann miteinander, Florianne Köchlin?
Besprechen ist vielleicht etwas übertrieben. Aber sie kommunizieren tatsächlich miteinander, und zwar via Duftstoffe. Wird eine Tomate von einer Raupe angegriffen, wehrt sie sich. Sie produziert Solanin und andere Stoffe, um der Raupe den Appetit zu verderben. Gleichzeitig produziert sie einen Duftstoff, der auch ihre Nachbarinnen warnt. Der Duftstoff besteht aus Methyljasmonaten und bedeutet: «Achtung, hier kommt ein Feind.»

Auch wenn die Nachbarin selber noch nicht angefressen wurde, weiss sie nun, dass ein Feind in der Nähe ist?
Genau, und sie beginnt sich ebenfalls zu schützen. Übrigens: Wie andere Pflanzen auch weiss die Tomate, von wem sie ­angegriffen wird.

Wie geht das?
Der Speichel des Insektes verrät ihr, um wen es sich handelt. Dann holt sie sich den ­geeigneten Bodyguard. Wird sie von Spinnmilben angegriffen, produziert sie einen Duftstoff, der Raub­milben anzieht, die dann die Spinnmilben fressen.

Kommunizieren alle Pflanzenarten miteinander?
Ja. Man kennt über 1000 Duftstoffvariationen, die Pflanzen einsetzen, um mit ihrer Umgebung zu kommunizieren. Sie warnen sich gegenseitig, senden SOS-Signale aus, locken Nützlinge an, vertreiben Schädlinge oder koordinieren ihr Verhalten.

Hat jede Pflanzenart ihre eigene Sprache? Oder bloss jede Gattung?
So genau weiss man es nicht. Klar ist hingegen, dass sich auch unterschiedliche Arten verstehen, dass zum Beispiel der ­Tabak die Warnduftstoffe des Salbeis interpretieren kann und sich zu wehren beginnt.

Findet die Kommunikation auch unterirdisch statt?
Ja. Die meisten Wurzeln bilden zusammen mit Pilzfäden ein Gewebe, ein sogenanntes Mykhorriza-Netz. Die Pflanze gibt dem Pilz Zuckerverbindungen, und er besorgt ihr dafür Nährstoffe und Wasser aus dem Boden. Seit ­einigen Jahren weiss man, dass über dieses Netzwerk auch Informationen ausgetauscht und Nährstoffe nicht nur von Pilz zu Pflanze, sondern auch von Pflanze zu Pflanze transportiert werden. Oder die Tagetes beispielsweise nutzt das Netz auch, um Pflanzen in ihrer Umgebung am Keimen zu hindern. Ein Forscher verglich das Mykorrhiza-Netz mit einem unterirdischen «dynamischen Marktplatz», ein anderer mit einem unterirdischen Internet.

Wie hat man das herausgefunden?
An der Universität Basel haben Forscher um Andres Wiemken in einem Versuch eine Hirse- und eine Flachspflanze gemeinsam in Töpfe gesetzt. Einmal mit einem Mykorrhiza-Netz, einmal ohne. Mit den Pilzfäden wurde der Flachs mehr als doppelt so gross wie ohne. Mit neusten ­Methoden fanden die Wissenschaftler heraus, dass die Hirse viel von ihren selber produzierten Zuckerverbindungen in dieses Mykorrhiza-Netz einspeist und dieses mehr Nährstoffe an den Flachs liefert. Der Flachs profitiert davon. Die Hirse, die mit dem Flachs in ­keiner Weise verwandt ist, füttert also den Flachs. Das ist doch unglaublich!

Wie kann man im eigenen Garten diese Beziehungs­geflechte ausnützen?
Indem man eine möglichst vielfältige Mischkultur hat. Eine grosse Artenvielfalt hilft ebenfalls. Und selber experimentieren ist ganz wichtig. Den Boden nicht zu tief umarbeiten, denn dabei werden die Mykorrhiza-Netze beschädigt, und sie müssen wieder mühsam aufgebaut werden. Keine synthetischen Pestizide verwenden. Es gibt ­erste Untersuchungen, die zeigen, dass in Bio-Böden mit Mischkultur die Mykorrhiza-Netze bis zu 40 Prozent grösser sind als in herkömmlich bewirtschafteten Monokulturen.

Hat es für Gartenleute sonst noch Vorteile, wenn man von diesen Vorgängen weiss?
Ich kann nur von mir sprechen. Meine Haltung gegenüber den Pflanzen hat sich verändert. Je mehr wir wissen, desto mehr verschwindet das Bild von der Pflanze als Bio-Automat, die in ihrem Leben bloss ihr genetisches Programm abspult. Eine Pflanze kann mehr, als wir je ­gedacht hätten. Sie ist ein Lebewesen, das in Beziehungsnetze eingebunden ist wie wir selber auch. Ich fühle mich ihnen mehr verbunden.

Weshalb ist in den letzten Jahren das Interesse an den Fähigkeiten der Pflanzen so stark gestiegen?
Noch vor 30 Jahren gehörte es in den Bereich der Esoterik, wenn man sagte, Pflanzen kommunizieren miteinander. Erst als Mitte der Neunzigerjahre die ersten wissenschaftlich fundierten Resultate publiziert wurden, bildeten sich weltweit immer mehr Arbeitsgruppen, die sich mit dem Thema Pflanzenkommunikation beschäftigen.

Sie verfolgen dieses Thema als Autorin seit vielen Jahren – was hat Sie von all den Resultaten der Forschung am meisten zum Staunen gebracht?
Es ist die Gesamtheit dieser Erkenntnisse. Ich staune jedes Mal von neuem, wenn ich in einer wissenschaftlichen Publikation von neuen Resultaten lese. Zum Beispiel, dass man herausgefunden hat, dass Erbsenwurzeln das Rauschen von Wasser wirklich hören oder Birken sich auch vier Jahre später noch an einen Raupenangriff erinnern können.

BuchtippFlorianne Koechlin, Denise Battaglia: Was Erbsen hören und wofür Kühe um die Wette laufen. Lenos 2018. 250 S., ca. 28 Fr.