Switzerland

Peter Stamm ist der Philosoph unter den Schweizer Schriftstellern

In seinen Erzählungen schreibt Peter Stamm über Menschen, die sich plötzlich in neuen Aggregatzuständen wiederfinden.

Wer durch den Schnee wandert, landet auch bei Peter Stamm in einer Parallelwelt. (St. Margrethenberg, 26. Oktober 2020)

Wer durch den Schnee wandert, landet auch bei Peter Stamm in einer Parallelwelt. (St. Margrethenberg, 26. Oktober 2020)

Gian Ehrenzeller / KEYSTONE

Dass die Selbstfindung manchmal mit dem Verschwinden beginnt, weiss man aus vielen Geschichten. Aus Erzählungen über Menschen, die angeblich nur Zigaretten holen wollten, aber nicht mehr zurückgekommen sind. Wahrscheinlich gibt es mittlerweile Gruppen anonymer Zigarettenholer, die alles hinter sich gelassen haben, aber doch keine Zukunft vor sich sehen. Die Figuren in Peter Stamms neuem Erzählband «Wenn es dunkel wird» würden hierhin passen. Sie sind dabei, der Welt abhandenzukommen. Sie leben in Zwischenwelten. In träumerischem Grössenwahn oder albtraumhafter Verkleinerung.

Beim Schweizer Schriftsteller braucht es für das Existenzielle nicht immer eine bedeutungsschwere literarische Antwort, und das erweist sich auch in den neuen Geschichten als Glück. Peter Stamms einfache Sätze sind klar genug, ohne zu viel zu erklären. Nicht über den jungen Mann, der mit einer Eichhörnchenmaske über dem Kopf eine Bank überfallen möchte, ohne wirklich zu wissen, warum. Nicht über eine Frau im grünen Kleid, die mit immer neuen Verletzungen und seltsamen Erkrankungen durch die Abteilungen eines Krankenhauses zieht. Nicht über das Paar, das eine Amour fou per E-Mail auslebt.

Die verschwundene Familie

Elf Erzählungen sind es, in denen die Menschen aus dem Alltag ausbrechen. Oder auch anders: Etwas bricht in ihren Alltag ein. Am eindrücklichsten geschieht das in «Der erste Schnee». Eine Familie fährt in die Skiferien. Während der Vater auf der Raststätte noch etwas erledigt, verschwindet seine Frau mit den Kindern. Er weiss nicht weiter und geht über einen Pfad durch den Wald und den Schnee, bis er in ein Dorf kommt. Im Schulhaus wird er unter einer resoluten Lehrerin wieder zum Schüler. Er muss ein Bild zeichnen. Als der Mann dann doch noch ins Ferienhaus der Familie kommt, hat er das wie von Kinderhand gemalte Bild in der Hand, die Schule aber ist nirgends mehr zu finden.

Ist alles nur erfunden oder geträumt? Kommt die Wirklichkeit des gezeichneten Bildes aus einer parallelen Realität? Der Suspense dieser Story hält sich in praktikablen Grenzen. Peter Stamm geht in der existenziellen Frage, was sich hinter dem Sichtbaren verbirgt, keinen Schritt zu weit in Richtung Philosophie. Vielleicht ist er deshalb der Philosoph unter den Schweizer Schriftstellern, weil er die Klugheit des Schweigens ebenso beherrscht wie die Kunst der kurzen Sätze.

Dass das Ich womöglich ein anderer ist, macht Peter Stamm in seinen Erzählungen zum Thema. Seine Figuren stehen am Kipppunkt ihrer beruflichen Karrieren oder vor privaten Entscheidungen. In «Supermond» ist es ein kurz vor der Pensionierung stehender Angestellter einer Flugzeugwartungsfirma, dem das Leben plötzlich aus den Fugen gerät. Nicht er zieht sich zurück, sondern der Alltag selbst scheint sich von ihm zu verabschieden. Er wird übergangen.

Die Kollegen hören ihn kaum noch. Er muss sich immer erst bemerkbar machen. Die Frau an der Supermarktkasse übersieht ihn, und wenn er mit dem unbezahlten Einkauf nach Hause kommt, ist er für seine Frau Hedwig wie gestorben. Allein sitzt sie am Tisch beim Abendessen. Ein Bild der Trauer, beschienen von einem Supermond, der die irdisch tickende Zeit in unirdische Gezeiten verwandelt. Der Fast-Rentner fühlt sich in seinem Wohnzimmer plötzlich leicht werden. Er fühlt sich hinaufgezogen in einen Kosmos, der so viel grösser ist als er selbst.

Transzendenz zwischen Brot und Mond

Manche der Texte in «Wenn es dunkel wird» sind allerdings kleiner, als sie sein müssten. Die Geschichte der Frau, die Modell steht für eine lebensgrosse Aluminiumskulptur und sich dann mit diesem Kunstobjekt über alle Massen identifiziert, ist nicht viel mehr als ein Einfall. Auch die Dame im «schönsten Kleid» leidet unter einer fadenscheinigen Pointe. Sie trägt das schönste Kleid, weil sie bei einer Feier unter Archäologenkollegen skandalöserweise splitternackt auftaucht.

In seinen Erzählungen schreibt Peter Stamm über Menschen, die sich plötzlich in neuen Aggregatzuständen wiederfinden. Wenn die bekannten Aggregatzustände der Literatur damit auch nicht überschritten sind, ist doch für ausreichend Transzendenz gesorgt. Zwischen einer am Abendbrot kauenden Hedwig und dem Supermond liegen schliesslich ganze Welten.

Peter Stamm: Wenn es dunkel wird. Erzählungen. S.-Fischer-Verlag, Frankfurt am Main. 192 S., Fr. 29.90.

Football news:

22 Mannschaften werden am FIFA-Pokal teilnehmen. Das Turnier wird 2021 stattfinden
Ronaldinho über Maradona: Ruhe in Frieden, mein Idol. Zauberer der Zauberer!
Liverpool zum ersten mal seit 17 Jahren hat in einem Heimspiel der Champions League noch nie ein Tor geschossen
Marseille-Trainer André Villas-Boas schlug vor, die Erinnerung an den Verstorbenen Ex-Nationalspieler Diego Maradona zu verewigen
Vatikan über Maradona: der Papst gedenkt ihm im Gebet und erinnert liebevoll an seine treffen in der offiziellen Residenz von Papst Franziskus im Vatikan auf den Tod des ehemaligen argentinischen Fußball-Nationalspielers Diego Maradona
Flick über das 3:1 gegen Salzburg: sehr zufrieden mit der Leistung der Bayern. Neuer ist ein Weltklasse-Torhüter
Tyson über Maradona: wir wurden oft verglichen. Er war einer meiner Helden und Freund