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Penetrante Lockvögel: Rom sucht Rezept gegen «Reinschmeisser»

Penetrante LockvögelRom sucht Rezept gegen «Reinschmeisser»

Wie die Trattorien Gäste ködern, nervt die Römerinnen und Römer und ihre Stadtregierung. Sie sehen die Kultur in Gefahr.

Ist die kulinarische Kultur in Gefahr? Die Stad will die Marke «Typisch römisches Restaurant» besser schützen.

Ist die kulinarische Kultur in Gefahr? Die Stad will die Marke «Typisch römisches Restaurant» besser schützen.

Foto: Gregorio Borgia (AP)

Es gab Zeiten, da flanierte man recht unbehelligt durch Rom, über die schönen Piazze, im Schatten von Kirchen und Palästen, vorbei an Bars und Trattorien. Flanieren im alten Gemäuer, das war überhaupt die halbe Geschichte.

Nun wird man alle paar Meter von jungen Menschen angehauen, nicht selten mit derselben Masche: «Hello! Hola! Hallo! Where are you from?» Den Römern unter den Passanten geht es dermassen auf die Nerven, in ihrer eigenen Stadt für Touristen gehalten zu werden, dass sie auch mal richtig unwirsch reagieren.

Der «buttadentro» ist das Gegenstück zum etablierteren Rausschmeisser, dem «buttafuori», als Rollenmodell aber ähnlich ärgerlich.

Die jungen Herrschaften mit der Masche nennt man «buttadentro», wörtlich Reinschmeisser. Die Enzyklopädie Treccani führt den Begriff als Neuschöpfung. Der «buttadentro» ist das Gegenstück zum etablierteren Rausschmeisser, dem «buttafuori», als Rollenmodell aber ähnlich ärgerlich, vielleicht noch ärgerlicher. Die Reinschmeisser sollen für höchstens mittelmässige bis sehr unterdurchschnittliche Restaurants mit rot-weiss-karierten Tischdecken Kunden anlocken, die sonst eher nicht auf die Idee kommen würden, da einzukehren. Auch Bars stellen «buttadentro» an, für den orangenen Aperitif zur blauen Stunde und weit darüber hinaus.

Am Campo de’ Fiori etwa stehen die «buttadentro» mittlerweile auf beiden Seiten des Platzes, in zwei Reihen, mit Speisekarten in der Hand. Man entkommt ihnen nur, wenn man den Campo genau in der Mitte durchmisst und dabei um die Statue von Giordano Bruno schleicht. Das Phänomen ist schnell gewachsen, auch in Venedig und Florenz, es ist heute verbreiteter als auf den Ramblas in Barcelona, die das Genre einst in Europa eingeführt haben.

Von 2000 Lokalen im historischen Zentrum Roms haben schon 600 Reinschmeisser. Die meisten von ihnen kommen aus Albanien, Mazedonien oder Rumänien. Sie werden nicht so gut bezahlt wie Kellner – ausser denen, die wahnsinnig viele Kunden reinschmeissen und auf Kommission arbeiten. Sprechen sie Italienisch, gehen sie als Italiener durch. Zumindest bei den Touristen, und die gilt es ja zu überzeugen. Römer essen selten in Touristenfallen.

«Sie schaden dem Image der Stadt»

Aber es gibt Hoffnung. Roms neue Stadtregierung findet, die «buttadentro» seien ein Auswuchs der massentouristischen Dekadenz und der damit unweigerlich einhergehenden kulturellen Verhunzung. Und da die Touristen nun zurück sind, in wahren Massen, sind auch die Lockvögel wieder da. «Sie schaden dem Image der Stadt», sagt Monica Lucarelli, zuständig für Handel und Gewerbe. Man werde sie verbieten – basta!  – notfalls per polizeilicher Verfügung.

Zunächst versucht man es auf die sanfte Tour: Die Stadt schafft die Marke «Ristorante tipico romanesco», «Typisch römisches Restaurant». Die Auszeichnung erhält nur, wer eine Mindestanzahl von wirklich römischen Gerichten auf seiner Karte führt, keine vorgekochte Pasta aus der Mikrowelle serviert und, eben, wer keine «buttadentro» vors Lokal stellt.

Manchmal aber besäuselt der Lockvogel das Herz so charmant, dass man ihm beinahe erliegen könnte. Neulich etwa, im ruhigeren Teil von Trastevere, bei der Piazza del Drago. «Das Wasser kocht schon», flüsterte der Kellner im weissen Hemd und wies mit ausgestrecktem Arm in die Trattoria.

Oliver Meiler ist Italienkorrespondent. Er hat in Genf Politikwissenschaften studiert. Autor des Buches «Agromafia» (dtv, 2021).

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@OliverMeiler

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