Switzerland

Pascal Mercier lässt einen Romanhelden aus der Zeit fallen – und fällt selbst aus der Zeit

Der Roman «Das Gewicht der Worte» macht sich wichtiger, als ihm guttut. Das Lesevergnügen schmälert das erheblich.

Auch wenn es manche anders sehen: Das Adjektiv «langweilig» ist vermutlich kein ästhetisch überzeugendes Kriterium, um einem literarischen Werk seine Qualität abzusprechen. Denn die Weltliteratur wäre ärmer, wenn alles, was den Eindruck von Langeweile erweckt, sofort auf die Strafbank käme. Prousts «Auf der Suche nach der verlorenen Zeit» zum Beispiel, in dem zu Anfang auf vielen Seiten spannungsarme Einschlafschwierigkeiten beschrieben werden, oder Adalbert Stifters Mittelalterroman «Witiko» wären dann erledigte Fälle.

Der Philosoph Peter Bieri, der seit 1995 unter dem ambitionierten Pseudonym Pascal Mercier Prosa veröffentlicht und 2004 mit «Nachtzug nach Lissabon» einen veritablen Weltbestseller landete, scheint nun noch einmal anzutreten, um mit einem knapp sechshundert Seiten starken Roman der Langeweile, diesem – so Immanuel Kant – «Zustand der Erlebnisarmut», breiten Raum zu schenken. «Das Gewicht der Worte» gibt sich dabei keine grosse Mühe, diesen Eindruck zu zerstreuen. In wiederkehrenden Schleifen und zahllosen Motivreprisen schleppt sich der Roman mühsam voran, vorgetragen in einem Stil, der mit «gravitätisch» höflich umschrieben ist.

Der Schriftsteller Pascal Mercier in einer Aufnahme aus dem Jahr 2013.

Der Schriftsteller Pascal Mercier in einer Aufnahme aus dem Jahr 2013.

Giorgia Müller / NZZ

Was in diesem Buch «passiert» – um eine ihm gänzlich unangemessene Vokabel zu verwenden –, ist schnell berichtet. Der 61-jährige Simon Leyland, ein verstörter Einzelgänger und Übersetzer, der ein Vierteljahrhundert in Triest lebte und nach dem überraschenden Tod seiner Frau Livia deren Verlag übernahm, kehrt nach England zurück, in den Londoner Stadtteil Hampstead.

Dort hat er von seinem hochgelehrten Onkel Warren ein stattliches Haus geerbt und versucht nun mit einer entscheidenden Zäsur seines Lebens zurechtzukommen. Leichtfertige Ärzte, Vertreter der verhassten «weissen Kaste», haben einen schweren Fehler begangen, Röntgenaufnahmen verwechselt und eine verheerende Diagnose gestellt: Leyland leide unter einem bösartigen Hirntumor und habe nur noch wenige Monate zu leben.

Das Missvergnügen an der Gegenwart 

Elf Wochen dauert es, bis der medizinische Irrtum auffällt, elf Wochen, in denen Leyland alles infrage stellt, zwangsläufig sein Leben vom Ende her zu denken beginnt und seinen geliebten Verlag kurzerhand verkauft. Von diesem Albtraum befreit, schickt sich Leyland an, in London heimisch zu werden, schreibt seiner toten Frau Briefe, die oftmals weitschweifig das wiederholen, was im Erzähltext bereits verhandelt wurde, findet reichlich Musse, über die Kunst des Übersetzens, die Kraft der Poesie und das Wesen von Zeit und Zeitlichkeit zu reflektieren, und will endlich seine ihn allein ausmachende Sprache finden – als Verfasser eigener Prosa.

Ein Dreivierteljahr lang begleiten wir Leyland durch Gegenwart und Vergangenheit, gehen mit ihm zurück nach Oxford, wo er sich als junger Mensch in den «absoluten Ablativ» und in die «ausgefallensten Formen des griechischen Aorist» verliebte, und werden an seinen Wunschtraum erinnert, die Sprachen aller Länder zu beherrschen, «die ans Mittelmeer grenzten».

Diese ungewöhnlichen Begierden zeigen es bereits: Nichts in Merciers Roman hat mit den Niederungen des Alltags zu tun; alles ist von prätentiöser Erlesenheit und angefüllt mit sprachwissenschaftlich-philosophischen, vom Missvergnügen an der Gegenwart getränkten Betrachtungen, die sich vor allem an ebenso missvergnügte Gleichgesinnte richten.

Sobald ein Elend naht – wenn etwa ein russischer Antiquar wegen Totschlags im Gefängnis sitzt –, braucht dem Leser, der Leserin nicht bange zu werden: Der mit sehr viel Geld ausgestattete Leyland wird garantiert eine Lösung finden. So tummeln sich in diesem humorfreien Roman allenthalben Menschen, die um das – vermeintlich zeitlose – Gute und Schöne wissen. Dass er in unserer Gegenwart spielt, stört nicht weiter.

Die Arbeit in einem Verlag wird, obwohl sogar ein «Experte für Elektronik» einen Alibikurzauftritt hat, so beschrieben, als würden Ernst Rowohlt und Peter Suhrkamp noch leben – was dem Roman bisweilen eine unfreiwillig komische Note gibt. Leylands Londoner Nachbar Kenneth nämlich, ein Cello spielender, auf edle Weise im Unglück gelandeter Apotheker, gestaltet aus heiterem Himmel ein Buchcover, wird vom Verlag angeheuert und von diesem sofort mit «neuen Geräten und neuen Programmen» ausgestattet. Im Hanser-Verlag, der Merciers Werke veröffentlicht, wird man sich insgeheim seinen Teil gedacht haben.

Aufgeplusterte Erhabenheit

Die künstliche Erhabenheit dieses Romans verdankt sich nicht nur seinen betont noblen Themen und Charakteren (abgesehen von einem «Giftzwerg», der als Literaturkritiker arbeitet und Leylands Übersetzungen geringschätzt). Sie hat nicht zuletzt mit seiner Sprache zu tun, die Originalität meidet. Wenn – ausnahmsweise – Figuren genötigt sind, eine Behörde zu betreten, sind deren Flure natürlich «endlos», und wenn Leyland seinen Fuss in ein vornehmes Mailänder Haus setzt, sind die Brokatvorhänge unvermeidlicherweise «schwer» und die Teppiche «dick».

Nein, um an Pascal Merciers neuem Roman keine Freude zu finden, braucht es des Vorwurfs der Langeweile nicht. Man kann es anders sagen: «Das Gewicht der Worte» kreiert eine aufgeplusterte ästhetisierte Kunstwelt, die vorgibt, eine immense philosophische Tiefe in sich zu bergen. Literarisch allerdings ist das nicht von Belang.

Pascal Mercier: Das Gewicht der Worte. Roman. Carl-Hanser-Verlag, München 2020. 573 S., Fr. 39.90.