Switzerland

Partnerschaft: Psychische Gewalt kommt häufiger vor, als man denkt

Ende Januar sagte Selena Gomez einem Interview mit dem "National Public Radio": "Wenn ich auf meine Beziehung mit Justin zurückschaue, habe ich das Gefühl, dass ich auf gewisse Weise ein Missbrauchsopfer bin." Als die Journalistin nachhakte, ob sie emotionalen Missbrauch meine, antwortete die Sängerin: "Ja. Ich musste das als Erwachsene erst einmal verstehen."

Es gibt keine Zahlen

Doch was ist emotionaler Missbrauch – oder auch: psychische Gewalt – überhaupt? Und wie oft kommt das vor? Die Antwort des Bundesamts für Statistik ist ernüchternd: Weil die Erfassung "mit Schwierigkeiten behaftet" sei, könnten keine Statistiken erstellt werden. Unter anderem sei die klare Abgrenzung zur physischen Gewalt nicht möglich, ausserdem sei es "relativ subjektiv", wo psychische Gewalt beginne.

Pia Altorfer, die bei der Opferhilfe Bern arbeitet, weiss mehr.

Die Opferhilfe Bern berät und begleitet kostenlos Betroffene von Straftaten. Sie leistet oder vermittelt juristische, psychologische, soziale, materielle oder medizinische Hilfe. Betroffene und / oder Angehörige werden ausserdem über ihre Rechte im Strafverfahren und über die zustehenden Entschädigungen und Genugtuungen gemäss Opferhilfegesetz informiert. Auf opferhilfe-schweiz.ch sind alle Opferhilfestellen der Schweiz aufgelistet.

Frau Altorfer, wie oft kommen zu Ihnen Menschen, die in ihrer Partnerschaft psychische Gewalt erleben? Sicher wöchentlich. Betroffene Frauen erleben in ihrer Beziehung oft beides – psychische und körperliche Gewalt. Männliche Betroffene wiederum berichten uns meist von rein psychischer Gewalt, die von ihren Partnerinnen ausgeht. Vielleicht gibts mal eine Ohrfeige, aber schwerwiegend verletzt werden Männer eher selten.

Was versteht man unter psychischer Gewalt genau? Wir sprechen von psychischer Gewalt, wenn jemand immer wieder erniedrigt, bedroht oder beschimpft wird. Aber auch Kontrolle gehört dazu: Wo bist du, was machst du, mit wem bist du unterwegs? Aus juristischer Sicht ist das Ganze jedoch schwierig. Wenn es Zeugen oder schriftliche Beweise – wie beispielsweise Arztberichte oder Whatsapp-Verläufe – gibt, stehen die Chancen besser, dass die psychische Gewalt als Körperverletzung anerkannt wird und strafrechtlich verfolgt werden kann.

Könnte man solche Demütigungen auch aufzeichnen – heimlich, mit dem Handy? Wenn er oder sie davon nichts weiss, ist die Aufnahme als Beweismaterial ungültig. So ist das Gesetz.

Wie finden Sie es, dass Promis wie Selena Gomez öffentlich über emotionalen Missbrauch sprechen? Gut – so wird das Thema in den Köpfen präsenter. Psychische Gewalt ist ein Tabuthema. Sie kommt häufig vor, aber kaum jemand spricht darüber.

Woran liegt das? Wahrscheinlich hat es unter anderem damit zu tun, dass psychische Gewalt keine sichtbaren Verletzungen hinterlässt. Es gibt keine blauen Flecken, keine Schrammen, keine Platzwunden – das macht das Thema für die Medien schlichtweg weniger attraktiv.

Wird psychische Gewalt unterschätzt? Ja. Die Auswirkungen psychischer Gewalt sind enorm. Viele, die in die Opferstelle kommen, berichten, dass sie Schläge besser wegstecken können als die andauernden Beschimpfungen und Erniedrigungen.

Was macht psychische Gewalt mit den Betroffenen? Psychosomatische Beschwerden wie chronische Kopfschmerzen oder Magenprobleme sind sehr häufig. Viele Betroffenen gehen wegen ihrer Leiden ständig zum Arzt und nehmen Medikamente. Psychische Gewalt kann körperlich wirklich krank machen. Die meisten Menschen, die emotionalen Missbrauch erleben, ziehen sich ausserdem immer mehr zurück und beginnen, an sich selbst zu zweifeln. Mit der Zeit verlieren sie ihr Selbstbewusstsein – sie glauben irgendwann, was ihnen dauernd eingeredet wird.

Ist das auch der Grund, warum sich manche jahrelang nicht von ihrem Partner trennen? Das kann ein Grund sein, ja. Irgendwann ist man wie gelähmt und hat schlicht keine Kraft mehr, an der eigenen Lebenssituation etwas zu ändern. Deshalb ist es wichtig, nach so einer Erfahrung mit psychologischer Hilfe die eigene Persönlichkeit zu stärken.

Gibt es Menschen, die besonders anfällig für destruktive Beziehungen sind? Wer in der Kindheit Abwertungen und Demütigungen erfahren hat, lässt sich im Erwachsenenalter auch eher auf eine gewalttätige Person ein. Das sind Muster, die ganz unbewusst ablaufen.

Und was sind das für Menschen, die anderen psychische Gewalt antun? Schweizer, Migrantinnen – das zieht sich durch alle Schichten. Wenn viel Alkohol oder illegale Drogen im Spiel sind, ist das Risiko, dass Grenzen überschritten werden, umso höher. Psychische Gewalt ist eine Machtdemonstration mit sadistischen Zügen: Je mehr ich die andere Person psychisch kaputt mache, desto mehr wird sie sich meinen Wünschen fügen. Und in Partnerschaften klappt das Fertigmachen besonders gut, weil man die Schwächen des anderen in- und auswendig kennt.

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