Switzerland

Papst Franziskus will den Zölibat für Priester nicht lockern

Auch für abgelegene Regionen, wo wegen Priestermangels kaum Messen stattfinden, soll es keine Ausnahme geben. Doch soll sich die katholische Kirche mehr in Richtung Laienkirche weiterentwickeln.

Papst Franziskus bei der Generalaudienz am Mittwoch.

Papst Franziskus bei der Generalaudienz am Mittwoch.

Gregorio Borgia / AP

In der katholischen Kirche können weiterhin nur unverheiratete Männer Priester werden. Doch sollen Laien, «reife Männer» ebenso wie «starke und engagierte» Frauen, stärker im Betrieb und in der Organisation der Kirche mitwirken, auch in verantwortungsvollen Positionen. Sie können, mit Ausnahme von Eucharistie und Sakramenten, fast alle Aufgaben eines Priesters ausüben. Das hält Papst Franziskus in einem Schreiben fest, mit dem er auf die Vorschläge der Amazonas-Synode vom Oktober antwortet. Das Schreiben, eine «apostolische Exhortation», wurde am Mittwoch im Vatikan vorgestellt.

Der Papst reagiert mit der Öffnung kirchlicher Funktionen für Laien auf das Problem des Priestermangels, das sich im Amazonas-Gebiet besonders stark bemerkbar macht. Hier tauchen katholische Priester an entlegenen Orten nur äusserst selten auf. Sie stossen dann auf Konkurrenz durch evangelikale Prediger; diese können die Rituale durchführen, die sich die Leute wünschen. Folglich wandern getaufte Katholiken zu Pfingstkirchen oder Charismatikern ab. Diese Tendenz will man stoppen. «Die Ärmsten sollen nicht ausserhalb der Kirche nach einer Spiritualität suchen müssen», heisst es in dem päpstlichen Schreiben.

Die Kirche soll volksnäher werden

Generell soll die katholische Kirche mit flexiblen statt starren Strukturen näher an die Leute heranrücken. Etwa sollen «Gruppen von Wandermissionaren» die Leute begleiten, die bei der Suche nach Arbeit zwischen dem Urwald und den Städten pendeln. Ausdrucksweisen der Volksfrömmigkeit sollen zudem nicht schroff abgelehnt werden. Was auf den ersten Blick als Götzendienst erscheinen könne, müsse «nicht immer als heidnischer Irrtum» betrachtet werden, sondern damit müsse man sich befassen, um es zu verstehen. Franziskus schliesst sich an dieser Stelle einer langen synkretistischen Tradition in Lateinamerika an.

Für Papst Franziskus geht es aber bei der Amazonas-Problematik keineswegs nur um Fragen von Doktrin und Organisation. Für ihn geht es um das «gute Leben». Fragen des menschlichen Zusammenlebens und der Schutz der natürlichen Grundlagen stehen im Vordergrund, wobei er beides in enger Verknüpfung sieht. Er spricht von einem «Hilfeschrei Amazoniens an den Schöpfer», er verurteilt den Raubbau an den Wäldern und die Versklavung und Vertreibung von deren Bewohnern, er geisselt Zerstörung und Gewalt, Ungerechtigkeit und Verbrechen.

Die globalisierte Wirtschaft beschädige den menschlichen, sozialen und kulturellen Reichtum der Amazonas-Region «schamlos», erklärt Franziskus, und die Mächtigsten gäben sich niemals mit dem erzielten Profit zufrieden. Um den Raubbau zu bremsen, müsse die lokale Bevölkerung bei allen Projekten ein Mitwirkungs- und Vetorecht erhalten, fordert er. Wie das konkret geschehen soll, bleibt allerdings im Ungefähren.

Das Schreiben von Papst Franziskus umfasst 111 Artikel. Es beruht in wesentlichen Teilen auf dem Schlussdokument der Amazonas-Synode vom Oktober, an der vorwiegend Bischöfe aus dem Amazonas-Gebiet teilnahmen. Stimmberechtigt waren dort 185 Personen, 100 Experten nahmen in beratender Funktion teil. Die meisten Artikel des Schlussdokuments wurden mit grosser Mehrheit verabschiedet. Umstritten waren besonders Artikel zu verheirateten Priestern (41 Nein-Stimmen bei 128 Ja-Stimmen) und zum Frauendiakonat (30 Nein-Stimmen bei 137 Ja-Stimmen). Papst Franziskus hat da einen Mittelweg zwischen progressiven und konservativen Strömungen gesucht.