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Paid Post: Der tägliche Gratis-Krimi: Teil 13

Fesselnder Lesespass mit «Hunkeler in der Wildnis». Jeden Tag einen neuen Teil zum Lesen!

Liebe Leserinnen und Leser!

In schwierigen Zeiten wie diesen ist vor allem eines wichtig: Zusammenhalt und das Wissen, nicht alleine zu sein. Und was verbindet mehr, als gemeinsam für kurze Zeit dem Alltag zu entfliehen und auf eine gemeinsame Phantasiereise zu gehen?

Zusammen mit dem Diogenes Verlag schenkt 20 Minuten deswegen allen Menschen in der Schweiz jeden Tag ein Stück spannender Literatur zum gemeinsamen Schmökern. Wir publizieren täglich kostenlos ein Kapitel des fesselnden Krimi-Romans «Hunkeler in der Wildnis» des Aarauer Schriftstellers Hansjörg Schneider.

Lasst euch vom Lesevergnügen packen, teilt es mit euren Liebsten und vergesst nicht auf die kleinen Freuden im Leben. Bleibt gesund und passt auf euch und eure Mitmenschen auf!

Du warst nicht von Anfang an dabei? Kein Problem, hier findest du alle Kapitel.

Teil 13:

Am Nachmittag legte sich Hunkeler mit dem Brief in den Liegestuhl unter der Weide. Er hörte eine Weile dem Zwitschern der Blaumeisen zu, dem Wind, der kaum wahrnehmbar durch das Baumgezweige strich. Kurz fragte er sich, warum er sich dies antun sollte. Weil er ein verwöhnter Schweizer war, der im Elsass unter einer Weide lag? Weil er unschuldig war? Aber das war doch wohl ein schlechter Witz. Denn die Leute in Knoeringue waren alle auch unschuldig gewesen. 1944, das war einmal. Das war jetzt nicht mehr. Vorbei und vergessen.

Aber dann las er doch.

Heute am 15. 8. 1944, an Mariä Himmelfahrt, bin ich zum Tode verurteilt worden. Noch wenige Tage, vielleicht wenige Stunden noch wird mein Herz schlagen, dann werden Kugeln meine junge Brust durchbohren. Mein Leben wird dann zu Ende sein, allzu früh vielleicht. Hoffnungen sinken dahin, das Glück, das ich mir für mein späteres Leben erhofft, Euer Glück entschwindet. Alles war nur ein Traum, ein Märchen, das zerrinnt in weiter Ferne. Eben geht die Sonne unter, die letzten Strahlen des Tages fallen blutrot hernieder. Mein Herz, das schlägt zum Zerspringen in lauter Schlägen voller Sehnsucht nach Euch. Verzeiht mir den Schmerz, den ich Euch bereitet. Ich danke Euch für alles, das Ihr mir in meinem jungen Leben geschenkt. Haltet fest zueinander, noch fester als je zuvor, liebet einander, liebet, das ist der schönste Ausdruck der Menschen bis in den Tod.

Meine Lieben, ich wie mein Kamerad Justin sterben nicht als Verbrecher oder als Mörder, o nein. Ich habe nie jemandem in meiner kurzen Soldatenzeit etwas Unrechtes getan, keinem Menschen bin ich grob entgegengegangen. Im Gegenteil, ich habe die Menschen bedauert. Ich habe das Leid so vieler Menschen, so vieler Mütter, Kinder, Männer und Greise gesehen. Ich habe als Christ mitgefühlt, ja mit ihnen gelitten.

Zum Abschied reich ich Euch die Hände und sage leise auf Wiedersehen. Ein schönes Märchen geht zu Ende, es war so schön.

Grüßt mir mein Dörf‌lein, ein jedes Haus und das Gotteshaus vor allem.

Gruß an Hortense und Therese. Grüßt besonders meine liebe Elise. Mutter, du weißt, dass ich sie geliebt, obwohl noch jung. Betrachtet sie als meine Frau.

Er schloss die Augen, als er zu Ende gelesen hatte, ergriffen von altem, fremdem Unglück. Der Brief glitt ihm aus der Hand hinunter ins Gras.

Was ergriff ihn so an der Botschaft, die er soeben erhalten hatte? Und die keineswegs für ihn bestimmt war, sondern für eine Familie in Knoeringue Ende des Zweiten Weltkriegs? Hatte er überhaupt das Recht, diesen Brief zu lesen? Grenzte das nicht an Voyeurismus?

Es war wohl das Persönliche des Briefes, das Private, das ihn anrührte. Die Übergabe durch Frau Scholler, die Bitte, den Brief aufzubewahren. Und die einfache Sprache, die im kitschigen Schlagertext ihren Höhepunkt fand. Aber was hieß hier Kitsch? Der Schlagertext entsprach offenbar der Verzweiflung des jungen Mannes, der auf seine Exekution wartete. Sonst hätte er ihn nicht zitiert. Folglich war dieser Text für den jungen Mann nicht Kitsch gewesen, sondern Poesie.

Hunkeler hasste sich. Warum konnte er den Brief nicht einfach als das nehmen, was er war? Als eine himmeltraurige Mitteilung aus dem Krieg. Frau Scholler hatte ihn doch als Poeten bezeichnet. Das war ein Vertrauensbeweis, ein großes Lob.

Er griff nach den Briefbögen und betrachtete sie. Die Schrift war gestochen scharf, mit Tintenfeder akkurat aufs Papier gesetzt, verziert mit ausholenden Schlenkern, vor allem bei den Großbuchstaben, wie Guschti es geübt hatte im Schreibunterricht, stundenlang, wochenlang, jahrelang, bis sich sein eigener Stil in den vorgegebenen Formen ausgedrückt hatte. Es war Guschtis Handschrift, ein Unikat, seine letzte Mitteilung an die Welt.

Hunkeler ging mit dem Brief ins Haus und stieg die zwei Treppen hoch auf den Dachboden. Es fiel ihm auf, dass er schon monatelang nicht mehr hier oben gewesen war. Er erinnerte sich, neben dem Kamin einen alten geflochtenen Weidenkoffer gesehen zu haben. Richtig, er stand immer noch dort, ein Relikt eines früheren Hausbewohners, der wohl schon längst tot war. Er hob den Deckel hoch. Unter einer Staub- und Schimmelschicht, die alles, was da lag, überwuchert hatte, erkannte er mit einer Schnur zusammengebundene Briefe, einen Feuerwehrhelm, eine blaue Klarinette und eine blaue Uniform. Eine blaue Klarinette, überlegte er, das gibt es doch nicht. Er wischte Staub und Schimmel weg. Richtig, die Klarinette war schwarz. Es war eine SS-Uniform.

Er hob den Feuerwehrhelm hoch und schob Guschtis Brief darunter. Dann klappte er den Kofferdeckel wieder zu und stieg hinab.

Am Abend fuhr er erneut nach Knoeringue, parkte vor der Wirtschaft Scholler und schlenderte hinüber zur spätgotischen Kirche, die inmitten des von einer hohen Mauer umgebenen Friedhofs stand. Er schritt die Gräber ab auf der Suche nach einem Auguste. Bis ihm einfiel, dass Guschti im fernen Russland verscharrt worden war.

Er betrat die Kirche und setzte sich in eine Bank, hinter sich die kleine Empore mit der Orgel, vor sich, gegen Osten gerichtet, den Chor mit den schlanken, spitzbogigen Fenstern. Ein Hauch von Weihrauch hing in der Luft. Er staunte wieder einmal über die alte Kraft der katholischen Kirche, die es schaffte, hier in diesem abgelegenen Dorf ein so wunderschönes Gotteshaus zu unterhalten.

Er sah vor einem Madonnenbild Kerzen brennen. Eine süße Maid mit blauem Kopf‌tuch, den schmachtenden Blick nach oben gerichtet. Daneben hing eine Tafel mit den Namen der Männer, die das Dorf im Ersten und im Zweiten Weltkrieg verloren hatte. Unter den Verschollenen war ein Auguste Runser aufgelistet, disparu 1944 en Russie, verschollen 1944 in Russland.

Die Fortsetzung folgt morgen. Du findest sämtliche Kapitel hier im Kanal: 20min.ch/diogenes

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