Switzerland

Offener Streit bricht aus: Soll der Bundesrat den Lockdown verlängern?

Das Virus tötet. 60'000 Menschen sind ihm bisher weltweit zum Opfer gefallen, mehr als 600 allein in der Schweiz. Keine Frage: Wir müssen den Erreger bekämpfen. Bloss: Mit welchen Massnahmen? Wie lange? Und um welchen Preis?

Der Streit darüber wird täglich schärfer geführt. Die Zeiten, in denen sich die Reihen automatisch hinter dem Bundesrat schlossen, wenn er neue Massnahmen verordnete, sind offenbar vorbei. Die Kritik am Lockdown wird unüberhörbar.

Am Mittwoch tritt der Bundesrat erneut vors Volk. Dann wird er ­sagen müssen, ob der Lockdown weitergeht, bis wann und in welcher Form. Die SVP fordert schon jetzt: Nach Ostern muss der Stillstand enden! Auf Twitter macht der Hashtag «LockdownRebellion» die Runde. Und immer eindringlicher rechnen Wirtschaftsvertreter die ökonomischen Kosten der Virus-Abwehr vor. Der Druck auf die Regierung steigt.

Höhepunkt nicht erreicht

Das Problem ist nur: Aus medizinischer Sicht kommen diese Rufe viel zu früh. «Wir haben den Höhepunkt der Epidemie noch nicht ­erreicht», warnte Daniel Koch (64) vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) am Donnerstag. Für Karl Klingler (63), der zu den führenden Lungenärzten in der Schweiz gehört, sind die Konsequenzen klar: «Die Situation ist immer noch dramatisch. Die Massnahmen des Bundesrats müssen verlängert werden. Eine voreilige Lockerung wäre fatal.»

Ins gleiche Horn stösst Andreas Cerny (64), Infektiologe an der Moncucco-Klinik in Lugano TI: «Unser Feind ist ein schnelles, unsichtbares Virus. Wir müssen nach wie vor alles auf ein Minimum reduzieren.» Cerny prognostiziert einen Peak frühestens in einer Woche. «Ende Mai dann könnte das Schlimmste überstanden sein.»

Ähnliche Bedenken hat Vania Alleva (50). Die Präsidentin der Gewerkschaft Unia fordert einen kompletten Shutdown: «Die Massnahmen zum Schutz der Gesundheit müssen auch am Arbeitsplatz gelten. Weil das immer noch an vielen Orten nicht der Fall ist, braucht es einen technischen Stopp.»

Erhebliche Gesundheitsfolgen

Nicht nur Mediziner und Gewerkschafter warnen vor einem voreiligen Öffnen der Schleusen. Otfried Höffe (76) gehört zu den renommiertesten Philosophen der Gegenwart. «Gesundheit zuerst!», sagt der emeritierte Professor und Leiter der Forschungsstelle für Politische Philosophie an der Universität Tübingen (D). Das gelte jedoch nicht absolut: «Zum einen resultieren aus extremen Freiheitseinschränkungen erhebliche Gesundheitsfolgen wie Einsamkeit, Depression, weitere psychische Krankheiten, überdies zunehmende häusliche Gewalt. Zum anderen hat die Wirtschaft nicht nur eine ökonomische, sondern auch eine soziale und emotionale Seite.»

Heutige Berufsbilder würden ein hohes Mass an Selbstverwirklichung einschliessen, damit auch Selbstachtung sowie die Achtung durch Mitmenschen. «Den vielen kleinen und mittleren Unternehmen einschliesslich freischaffender Künstler aber drohen Insolvenz und Not.»

Wirtschaftsleistung auf 60 %

Auch Arbeitgeberpräsident Valentin Vogt (59) betont die Vielschichtigkeit des Problems: «Wir müssen ein Gleichgewicht im Dreieck von Gesundheit, Wirtschaft und Gesellschaft finden.» Die Wirtschaftsleistung der Schweiz sei in den letzten drei Wochen auf 60 Prozent heruntergefahren worden. «Die Wirtschaft ist nicht alles», sagt Vogt. «Aber ohne gesunde Wirtschaft ist alles nichts.»

Doch wie lange hält sie durch?

«Die momentane Lage lässt sich maximal bis Ende April beibehalten», sagt ­Tobias Straumann (54), Wirtschaftshistoriker an der Uni Zürich. «Danach wird es dramatisch.» Für Swissmem-Präsident Hans Hess (64) ist deshalb klar: «Nach Ostern muss der Exit eingeleitet werden.» Auch er warnt nicht nur vor wirtschaftlichen Schäden, sondern auch vor den sozialen.

«Der Druck auf die Menschen, die zu Hause eingesperrt sind, wird immer grösser. Irgendwann gehen sie in die Luft.» Hess fordert eine grundsätzliche Umkehr: «Wir sollten nicht mehr in erster Linie die Kranken vor den Gesunden schützen, sondern die Gesunden vor den Kranken.»

Wirtschaft versus Medizin. Zwei Standpunkte stehen sich unversöhnlich gegenüber. «Es ist ein Trade-off», sagt Mathias Binswanger (57), Wirtschaftsprofessor der Fachhochschule Nordwestschweiz. «Auf beiden Seiten werden ex­treme Lösungen gefordert, die jeweils extreme Auswirkungen hätten.»

Wirtschaftliche Probleme in Spitälern

Mittendrin stehen unzählige Spitäler in der Schweiz. Sie sind nicht nur mit medizinischen Schwierigkeiten konfrontiert, sondern auch mit wirtschaft­lichen. Rolf Gilgen (60), CEO im zürcherischen Spital Bülach: «Paradoxerweise stellt die Corona-Krise die Spitäler vor wirtschaftliche Probleme. Viele Operationen wurden verschoben, ganze Abteilungen liegen daher brach. Es ist mit Einbussen in Millionenhöhe zu rechnen.» Die Priorität liege jetzt bei der Bewältigung der Pandemie. Gilgen ergänzt: «Aber es ist wichtig, nach der Krise sinnvolle Wege einzuschlagen, um die finanziellen Engpässe wieder auszugleichen. Sonst müssen viele Spitäler schliessen.»

Doch welche Wege führen aus der Krise? Wie soll der Exit aus dem Lockdown vonstattengehen? «Er muss auf jeden Fall stufenweise erfolgen», sagt Valentin Vogt. «Eine zweite Ansteckungswelle wäre der ­Super-GAU.» Infektiologe Cerny pflichtet bei: «Dieses Szenario gilt es auf jeden Fall zu verhindern!»

Schrittweises Vorgehen

Auch Mathias Binswanger plädiert für ein schrittweises Vorgehen. «Gesunde, getestete Leute sollen zuerst wieder zur Arbeit gehen. Und zwar an Arbeitsplätze, die Sicherheit und ­Distanz gewährleisten können.»

Der Bundesrat sei jetzt gehalten, solche Pläne zu entwickeln. «Es geht auch darum, den Menschen rasch eine Perspektive zu geben.» Vogt nennt das einen «Bethlehem-Stern». Hess formuliert es so: «Wir müssen endlich Licht am Ende des Tunnels sehen.»

In einem Punkt sind sich alle Seiten einig: Entscheiden muss der Bundesrat.

Dem wiederum mangelt es gewiss ebenfalls an ­einem nicht: an guten Ratschlägen.

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