Switzerland

Oberstdorf bleibt leer – das traurige Dorf an der nordischen Ski-WM

Keine Fans, kaum andere Touristen: Oberstdorf während der nordischen Ski-WM 2021. Bild: keystone

Oberstdorf bleibt leer – das traurige Dorf an der nordischen Ski-WM

Die Menschen in Oberstdorf werden durch das Coronavirus um ein Skifest geprellt. Nun sind sie die traurigen Gastgeber einer Geister-WM.

marcel hauck / keystone-sda

Im kleinen Kurpark im Schatten des imposanten Turms der Kirche von Johannes dem Täufer spriessen bereits gelb ein paar Frühlingsblumen und dunkelgrün gucken die ersten Blätter der Tulpen aus der Erde. In der nebenan gelegenen Eisdiele Riviera hatte sich am Sonntag sogar eine kleine Schlange gebildet. Ein paar Wochenend-Ausflügler hatten den Weg nach Oberstdorf gefunden. Sie sind wegen des schönen Wetters und der Wanderwege gekommen, nicht wegen der Ski-WM. Da sind ja keine Zuschauer erlaubt.

Dabei hätte es so schön sein können. 350'000 Besucher hatten bei der letzten WM im Oberallgäu 2005 für Stimmung gesorgt. Am Mittwoch sind die Gassen des Ortskerns aber fast gänzlich verwaist. Wer unterwegs ist, trägt meist die rote Jacke der freiwilligen Helfer, den schwarzen Overall der sehr zahlreich patrouillierenden Polizisten oder zumindest den Akkreditierungs-Badge der zur WM zugelassenen. Die knapp 10'000 Einwohner scheinen sich verzogen zu haben, die normalerweise auch ohne WM Tausenden von Wintersportlern dürfen nicht kommen.

Seit 1495 darf sich die südlichste Gemeinde Deutschlands stolz Marktgemeinde nennen. Verkauft wird derzeit aber fast gar nichts. Der Lockdown ist deutlich strenger als in der Schweiz. Das Café am Kurpark, das Lifestyle- und Modegeschäft Bienenkorb, O'Reilly's Irish Pub, das Moorschwimmbad, Osiander (Bücher seit 1596) und, und, und: alles geschlossen.

Oberstdorf und die Skisprungschanze im Hintergrund. Bild: imago images/MIS

Die Einheimischen sind wohl eher bei den Discountern ausserhalb der Fussgängerzone. Offen haben – warum auch immer – «Bears & Friends» (jawohl, die verkaufen Gummibärchen) oder die Parfümerie, die im Gegensatz zum Kleiderladen auch Schals verkaufen darf. Und eben die Gelateria, die aber ohne die Wochenendausflügler wieder ziemlich leer neben der Kirche steht.

Gyros für Sportler statt Fans

Eine der vielen Bäckereien wirbt mit «Kaffee und Kuchen zum mitnehmen». Die Frage ist bloss, für wen? Einige Restaurants bieten Take Away an. Rechnet sich das? Stelios vom «La Dea» («Ihr Grieche in Oberstdorf seit 1992») blickt etwas traurig und zuckt mit den Schultern: «Ehrlich? Eigentlich nicht.» Auch wenn es während der WM etwas besser läuft als zuvor. Immerhin friert beim Essen auf der Parkbank keiner. Und: «Es gibt schon auch Sportler, die Gyros essen.»

Eigentlich hätten aber die vielen Zuschauer für das grosse Geschäft sorgen sollen, nicht die Sportler. Lange hoffte man wenigstens auf die Hälfte der Fans, dann noch auf ein paar tausend, ehe man am Ende ganz mit leeren Händen dastand. Ausgerechnet der Freistaat Bayern hat die strengsten Lockdown-Vorschriften in ganz Deutschland. Hotels dürfen nur Geschäftsreisende beherbergen, die Bergbahnen und Skilifte sind zu und sogar im Freien muss in der Fussgängerzone die Maske der Kategorie FFP2 getragen werden. Über die Einhaltung wachen die vielen Ordnungshüter.

Statt echten Fans stehen Kartonfiguren auf den Tribünen – und Ordnungshüter in Schutzmasken. Bild: imago images/MIS

Nicht alle im Ort verstehen, dass die WM dennoch durchgeboxt wurde. Am Ende bleibt dem Ort nicht viel. Da und dort sind die Schaufenster noch dekoriert, an ein paar Häusern hängen auch Länderfahnen oder solche mit dem WM-Logo.

Immerhin: Die Befürchtungen eines Massen-Coronaausbruchs bewahrheiteten sich nicht. Rund 4500 Leute sind an der WM beteiligt, 1650 Sportler und Betreuer, 1400 freiwillige Helfer und 800 Medienvertreter, die alle jeden zweiten Tag getestet werden. Von den 17'000 Tests bis Mittwochabend waren gerade mal neun positiv.

Einnahmen wären nötig gewesen

Ein norwegischer Fernsehreporter befragt ein paar der wenigen Passanten, was sie zum schlechten Abschneiden der deutschen Nordischen (nach 18 von 24 Entscheidungen erste eine Gold- und zwei Silbermedaillen) sagen. Es ist den meisten ziemlich egal, sie haben andere Sorgen.

Ein Hotelier verteidigt die Durchführung in der lokalen Tageszeitung mit dem Verweis auf die Werbung durch die TV-Bilder. 40 Millionen Euro kostete die Modernisierung der Sportanlagen, die jedoch mehrheitlich vom Bund und Bayern übernommen wurden. Nach dem Umbau des Busbahnhofs und dem Neubau der Nebelhorn-Bahn (der Name ist übrigens ein Etikettenschwindel, Nebel hatte es zwei Wochen nie) soll die Therme ebenfalls erneuert werden – und die Gemeinde hat bereits 60 Millionen Euro Schulden. Da wären die Einnahmen der WM-Besucher fest eingeplant gewesen.

Die Skispringer fliegen in Oberstdorf in ein leeres Stadion. Bild: imago images/MIS

Der Freundlichkeit der allgegenwärtigen Helfer tut die Trauer über die Geister-WM keinen Abbruch. Sie sind ein kleiner Lichtblick in einer trüben Zeit. Nach der WM wird der Ort erst recht wieder in eine Art Schockstarre verfallen. Einem Schweizer Journalisten beschied sein Hotel schon mal, am Sonntag gebe es kein Essen mehr. Er sei dann der letzte und einzige Gast.

Es hätte so schön sein können. Seit Mittwoch ist sogar die Sonne weg, es ist Regen angesagt. Es passt zu dieser traurigen WM, für die die Oberstdorfer so gar nichts dafür können. (abu/sda)

DANKE FÜR DIE ♥

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren

(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

5 CHF

15 CHF

25 CHF

Anderer

Die letzten Schweizer Sieger im Skiweltcup

Ragettli machts ohne – hier brettert der Freeskier nur in Skischuhen über die Piste

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Schweizer Doppelsieg im Val di Fassa – Gut-Behrami gewinnt erneut, heute vor Suter

Lara Gut-Behrami gewinnt ihr 32. Weltcup-Rennen. Die Tessinerin und Corinne Suter feiern im Val di Fassa einen Schweizer Doppelsieg. Mit ihnen steht als Dritte die Deutsche Kira Weidle auf dem Podest.

Gestern übernahm Lara Gut-Behrami die Führung im Gesamtweltcup, heute baute sie diese mit dem zweiten Sieg in der zweiten Abfahrt von Val di Fassa aus. 107 Punkte beträgt der neue Vorsprung der Tessinerin auf Petra Vlhova aus der Slowakei, die heute auf Rang 12 fuhr. «Ich fühle mich im Moment einfach gut auf den Ski», freute sich Gut-Behrami im SRF.

Morgen folgt mit dem Super-G ein Rennen in jener Disziplin, in welcher Gut-Behrami Weltmeisterin ist und inklusive WM die letzten fünf Rennen für …

Link zum Artikel

Football news:

Courtois über das 2:1 gegen Barça: Real zeigte, dass er kämpfen kann
Messi hat Real seit Mai 2018 nicht mehr getroffen
Zinedine Zidane: Real besiegt Barça verdient. Man kann nicht alles auf den Richter abschreiben
Ronald Koeman: Der Schiedsrichter hätte einen klaren Elfmeter setzen müssen. Aber Barça muss sich wieder abfinden Ich denke, wenn du das Spiel gesehen hast und du aus Barcelona kommst, bist du jetzt am Zug und unzufrieden mit den beiden Entscheidungen des Schiedsrichters
Sergi Roberto über den Fall Braithwaite: Überrascht, dass der Schiedsrichter sofort sagte, es sei nichts passiert. Wir haben bis zum Ende gekämpft. Real spielte sehr geschlossen, vor allem in der ersten Halbzeit. Am Ende hatten wir Pech, wir haben die Latte getroffen. Es ist sehr schade, ein Unentschieden wäre nicht das schlechteste Ergebnis für uns
Ex-Schiedsrichter Iturralde Gonzalez glaubt, dass es einen Elfmeter für Braithwaite gab. Anduhar Oliver glaubt, dass es keine Zwei Ex-Schiedsrichter gibt, die die Episode mit dem Sturz von Barcelona-Stürmer Martin Braithwaite nach einem Kontakt mit Real-Verteidiger Ferlan Mehndi bewertet haben. Nach Ansicht von Andujar Oliver gab es keinen Elfmeter. Iturralde Gonzalez glaubt, dass sich der 11-Meter-Schuss gelohnt hätte: Elfmeter. Der Spieler wird aus dem Gleichgewicht gebracht, wenn er läuft. In dieser Episode wird er aus dem Gleichgewicht gebracht, er bewegt sich in eine Richtung und er wird von der Hand gepackt
Casemiro bekam 2 gelb in einer Minute und verpasst Real Madrid Spiel mit Getafe