Switzerland

Ob Hafenkran, Nagelhaus oder Naegelis Skelette: Christoph Doswald hat sich in Zürich für Kunst im Freien starkgemacht

Seit fünfzehn Jahren leistet sich die Stadt Zürich eine Arbeitsgruppe für Kunst im öffentlichen Raum. Deren langjähriger Leiter tritt nun ab – und rekapituliert im Gespräch Erfolge und Fehlschläge.

Der Hafenkran am Limmatquai war Stadtgespräch des Sommers 2014. Damals war Christof Doswald ein wichtiger Fürsprecher des Kunstprojekts.

Der Hafenkran am Limmatquai war Stadtgespräch des Sommers 2014. Damals war Christof Doswald ein wichtiger Fürsprecher des Kunstprojekts.

Karin Hofer

Christoph Doswald legt sein Mandat als Leiter der AG Kunst im öffentlichen Raum nieder.

Christoph Doswald legt sein Mandat als Leiter der AG Kunst im öffentlichen Raum nieder.

Karin Hofer / NZZ

Vor bald sieben Jahren hat ein stählernes Ungetüm das Kunstverständnis so mancher Zürcherin und so manchen Zürchers in den Grundfesten erschüttert: Ein ausrangierter Hafenkran stieg zum Stadtgespräch des Sommers 2014 auf. Der mit all seinem Rost aus Rostock herangekarrte Koloss schied die Geister, auch auf der NZZ-Redaktion. Touristen und Einheimische diskutierten im «Gran Café Motta» vis-à-vis über Sinn und Zweck dieser Installation am Limmatquai, Parlamentsmitglieder debattierten stundenlang im Gemeinderat.

Die Dadaisten winkten

Die einen priesen die subversiv-poetische Kraft der Aktion, die anderen stellten mit dem künstlerischen Wert auch den Nutzen in Abrede, den so etwas für die Allgemeinheit haben sollte. Hinzu kam der pawlowsche Beissreflex, der bei der SVP verlässlich einsetzt, wenn Kunst die öffentliche Hand einiges kostet – in diesem Fall eine gute halbe Million Franken. Hätte man die temporäre Verpflanzung des dienstuntauglichen Neunzigtönners einfach als Tourismusattraktion deklariert, hätte wohl kaum jemand reklamiert. Aber das Team um den geistigen Vater des Vorhabens, Jan Morgenthaler, erklärte das Ganze unter dem Titel «Zürich – transit – maritim» zur Kunst.

Duchamp, Dadaisten und Surrealisten winkten vergnügt aus ihren Gräbern. Und Christoph Doswald bescherte die Aktion, die auch als Katalysator für eine städtebauliche Debatte dienen sollte, wohl das grösste Aufsehen in seinen elf Jahren als Leiter der städtischen Arbeitsgruppe Kunst im öffentlichen Raum. Er fungierte zwar nur als Leihpate des Projekts, das vor seinem Stellenantritt von 2009 aufgegleist worden war, wurde aber zu einem wichtigen Fürsprecher. Am Ende dankte er dem Präsidenten der SVP-Gemeinderatsfraktion, dem heutigen Nationalrat Mauro Tuena, für den politischen Widerstand, der dieser Aktion erst die hohe Aufmerksamkeit verschafft hatte.

Die Arbeitsgruppe für Kunst im öffentlichen Raum mit dem neckischen Kürzel KiöR, die zuhanden des Stadtrats diesbezüglich Strategien und Konzepte entwickelt, ist vor fünfzehn Jahren geschaffen worden und mit Mitgliedern aus der Stadtverwaltung und externen Fachleuten besetzt. Zunächst hatte Dorothea Strauss den Vorsitz inne, doch gab die damalige Direktorin des Museums Haus Konstruktiv ihn bald wieder ab. Ihr Nachfolger wurde: ihr Lebenspartner Doswald – in regulärem Bewerbungsverfahren, wie er betont. Der Historiker und Kurator, in Wettingen und Baden aufgewachsen und dort vorübergehend zum Punk mutiert, hatte seine kuratorische Tätigkeit länger mit einer journalistischen verbunden und brachte es als Lifestyle-Kolumnist Dr. Kuno zu Bekanntheit. Und als Vorstandsmitglied der Shedhalle in der Roten Fabrik sah er sich Ende der achtziger Jahre auf der Seite des gesellschaftspolitisch engagierten Kulturschaffens, wie er sagt.

Nun verlässt der 59-Jährige die AG KiöR, es zieht ihn zu neuen Ufern, die er noch nicht genau definieren will. Die Arbeitsgruppe selbst nutzt, wie eine Nachfrage bei der Stadt ergibt, seinen Weggang dafür, ihre Ausrichtung neu zu justieren. Erst wenn dieser Prozess in rund einem Jahr abgeschlossen ist, wird laut dem Departementssprecher Pio Sulzer die Leitungsposition wieder besetzt. Bis dahin seien keine Kunstaktionen geplant und werde das bestehende zwölfköpfige Team sozusagen auf Sparflamme weiterwirken.

Das Nagelhaus-Debakel

Doswald selbst hat sich zwar mitunter aufgerieben zwischen den Ämtern, wie er einräumt. Die Angliederung beim Tiefbau- und Entsorgungsdepartement, das sonst Themen wie Abfallbeseitigung oder Randsteinsanierungen behandelt, begrüsst er indes. Kunst im öffentlichen Raum ist geprägt durch viele Auflagen, einen hohen Installationsaufwand und einen entsprechenden Mittelbedarf. Das alles passt für ihn besser ins Umfeld des Strassenbaus als in die Kulturförderung.

Einem kostspieligeren Kunstprojekt der Stadt war indes weit weniger Erfolg beschieden als dem Hafenkran: Ein knapper Volksentscheid besiegelte 2010 das Ende der Nagelhaus-Idee. Die «begehbare soziale Plastik» nach Plänen des deutschen Künstlers Thomas Demand hätte, inspiriert vom berühmten Vorbild in China, langfristig den grauen Escher-Wyss-Platz aufwerten und dabei Kunstwerk, Toilette, Restaurant und Kiosk in einem sein sollen. Die SVP empörte sich in ihrer Nein-Kampagne mit dem Slogan «5,9 Mio. für e Schiissi!» und der Fotomontage einer goldenen WC-Schüssel. Dieses Plakatsujet allerdings erhielt später auf Umwegen paradoxerweise die Weihen der höheren Kunst.

Demand soll nämlich später, vielleicht zur Frustbewältigung, aus dem SVP-Plakat eine Lithografie gefertigt haben. Diese wiederum sah, wie Doswald zu berichten weiss, der italienische Künstler Maurizio Cattelan an der Art Basel – und liess sich davon zu seiner funktionstüchtigen WC-Schüssel aus 24 Karat Gold mit dem Titel «America» inspirieren. Das Guggenheim-Museum in New York hatte den sündhaft teuren Abort sogar rund ein Jahr lang in Betrieb – und brachte ihn in die internationalen Schlagzeilen, indem es dem frisch gewählten Präsidenten Donald Trump ebendieses Objekt vergeblich als Schmuck fürs Weisse Haus anbot.

Für das Scheitern des Nagelhaus-Vorhabens hat Doswald, der erst mitten in der Planungsphase dazustiess, rückblickend eine simple Erklärung: Nicht der Ansatz sei untauglich gewesen, sondern Zürich einfach noch nicht bereit für eine Kunstform, die sich so unverhohlen in den Dienst von Alltagsfunktionen stelle. Heute wäre diese Stadt reif dafür, glaubt er – und führt das auf die Vermittlungstätigkeit der AG KiöR zurück. «Wir haben vieles erreicht, was wir uns vorgenommen hatten», bilanziert er. Es sei gelungen, Zürich als Standort für ausserordentliche Kunst zu etablieren, gemeinsam mit rund vierhundert Kunstschaffenden, die in diesen Jahren ihre Arbeiten im öffentlichen Raum präsentiert hätten. «Die Kraft der Kunst nach Zürich bringen und die Bevölkerung involvieren», so laute die Mission.

«Vor zehn Jahren wäre so etwas undenkbar gewesen, vonseiten der Künstler wie auch des Publikums», sagt er bei einem Glas Sancerre im prächtigen Pop-up-Lokal «Leuehof» an der Bahnhofstrasse. Er meint damit den Umstand, dass die Betreiber in Kooperation mit Galerien hier temporär Kunst installiert haben. Eine Wand etwa ziert der Schriftzug «As long as it lasts» des New Yorkers Lawrence Weiner, der 2018 auf Doswalds Einladung auch eine Unterführung in Zürich Nord gestaltet hat.

Noch immer sei diese Stadt zwar geprägt von Skepsis gegenüber bildlichen Darstellungen, ja gegenüber Kunst und Kultur allgemein, sinniert Doswald. In diesem Land, in dem es so viel Geld gebe, sei nach wie vor die «merkantile Wertschätzung der Kunst» verbreitet. Aber in den letzten Jahren sei ein neues Bewusstsein herangewachsen, gerade für Kunstformen im öffentlichen Raum (der als Begriff damals noch gar nicht präsent gewesen sei). Zum Aushängeschild für die Idee, die Kunst zum Volk zu bringen statt umgekehrt, ist 2012 das Projekt «Art and the City» geworden: Es machte das ehemalige Industriequartier Zürich-West zum Ausstellungsort, wobei die Kosten von über 3 Millionen Franken zeigen, dass Kunst im öffentlichen Raum schnell zur kostspieligen Angelegenheit wird.

Späte Vergeltung

Von ambitiösen Einzelprojekten hat die Stadt seit dem Scheitern des Nagelhauses die Finger gelassen. Wer will, kann aber eine Installation in Oerlikon als späten Vergeltungsschlag für jene Niederlage sehen: Seit zwei Jahren steht auf einem Inselchen bei der offenen Rennbahn, umtost vom Verkehr und umringt von mächtigen Bauten, die akribische Nachbildung eines unscheinbaren Gewerbehauses im Massstab 1:5. Das Werk von Fischli/Weiss mit einem Schätzwert von 2 Millionen Franken ist als Schenkung in den Stadtbesitz gelangt. Und dass dieses geschrumpfte Nagelhaus nicht am stark frequentierten Seeufer, sondern in einem eher als peripher geltenden Stadtteil steht, findet Doswald genau richtig: «Kunst im öffentlichen Raum hängt nicht an irgendeiner Wand, sie lebt auch vom Kontext, hier etwa vom Bezug zu den gesichtslosen Bauten rundherum.»

Kunst könne die Welt nicht verändern, aber als Trainingsfeld den Boden für anderes bereiten, sagt Doswald, und der Dozent in ihm verschafft sich etwas Luft: Die heutige Architektur sei geprägt von ökonomisierten Ansätzen, mit vorfabrizierten Elementen, für die der Beton exemplarisch stehe. Da könne Kunst in ihrer Einzigartigkeit den Unterschied machen und beispielsweise einem öffentlichen Platz eine Identität geben. Also sei ihr Einsatz im öffentlichen Raum eine staatliche Aufgabe – was allerdings ein ständiges Aushandeln auch mit privaten Interessen bedingt. So soll etwa Miquel Barcelós kopfstehender Bronzeelefant, der 2018 auf Einladung der Stadt auf dem Paradeplatz gastierte, einer dort ansässigen Grossbank zunächst nicht als ideale Sujetwahl vorgekommen sein. Der Dickhäuter kam trotzdem zu Besuch.

Dass Kunst gerade im öffentlichen Raum um Akzeptanz zu kämpfen hat, ist nichts Neues. Doswald nennt als Beispiel Tinguelys «Heureka»-Maschine, die heute zum Zürichhorn gehöre wie die Schwäne und der Alpenblick, aber damals nach der Expo 64 kaum von jemandem erwünscht gewesen sei. Auch Max Bills Pavillon-Skulptur an der Bahnhofstrasse sei anfangs als «Villa Durchzug» beschimpft und im Vorfeld derart angefeindet worden, dass der Künstler ein Styropor-Modell zur vorgängigen Begutachtung habe anfertigen müssen. Doch gerade die Reibung sei fruchtbar, sagt Doswald und zitiert die Kunstkennerin Bice Curiger: Man könne in dieser Stadt, in der vieles verhalle oder verpuffe wie im echolosen Raum, gerade mit öffentlich präsenten Kunstwerken erstaunliche Debatten auslösen.

Das zeigt gerade wieder der aufgeflammte Streit um Denkmäler. Wer dabei allerdings an Reiterstandbilder denkt, ahnt wohl nicht, dass die bunten Neonringe im Hauptbahnhof an der Decke über der Rolltreppe zur Europaallee ebenfalls das Andenken an eine historische Figur bewahren sollen: Ein Privatmann wollte ein Denkmal für Altregierungsrat Hans Künzi stiften, den Wegbereiter der Zürcher S-Bahn. Die Stadt lud ausgewählte Künstler zu einem Wettbewerb, den der Deutsche Carsten Höller mit besagtem Projekt gewann.

Geliebter Bronzefrosch

In Vorträgen mit Titeln wie «Kampfzone öffentlicher Raum» hat Doswald über die Jahre hinweg erläutert, wie künstlerische Strategien die rasante Entwicklung der Stadt begleiten können. Mit Zürichs Einwohnerzahl ist in den letzten zehn Jahren allerdings auch die Dichte an Reglementierungen gewachsen, wie er feststellt: «Die Freiräume sind kleiner geworden, auch in diesem Bereich. Die Bodenmalerei von Raphael Hefti auf dem Parkplatz vor dem Theater 11 etwa musste wieder entfernt werden, da die Behörden Bedenken anmeldeten, Passanten könnten über die Millimeter-Erhöhung stolpern.»

Auf zunehmenden Dichtestress könnte auch die Beobachtung hinweisen, dass der Vandalismus gegen Kunstwerke im öffentlichen Raum in den letzten Jahren stark zugenommen hat. Dass man beim Freiluftprojekt «Gasträume» 2020 doppelt so viele solche Fälle verzeichnete wie im Jahr davor, erklärt sich Doswald aber auch mit dem Aggressionspotenzial, das die Einschränkungen rund um die Corona-Krise weckten. Keineswegs als Vandalenakt sieht er indes die Skelette, die während des Lockdowns im letzten Frühling an den Mauern der Innenstadt zu tanzen begannen. Aus eigener Erfahrung als Besitzer eines Betonhauses hat er zwar zu Sprayereien eine dezidierte Haltung: Man könne das Kunstwerk nicht über das Besitztum stellen. Aber in diesem Fall sieht er das lockerer: «Da fand einer eine künstlerische Antwort auf drängende Fragen der Gesellschaft.» Das war Harald Naegeli, und auf Empfehlung der AG KiöR beschloss der Stadtrat schliesslich, einen Teil dieser Gerippe zu erhalten und zu schützen.

Kunst im öffentlichen Raum erhält gerade in Zeiten, da die Museen wegen der Pandemie monatelang geschlossen sind, besondere Bedeutung. Mitunter ist die Arbeitsgemeinschaft aber auch dazu da, Werke wegzuräumen oder zu ersetzen. Und bei den diesbezüglichen Abwägungen gilt es auch einmal emotionale über künstlerische Aspekte zu stellen – wie im Fall des Altstetter Fröschen-Brunnens: 2014 wurde der namengebende Wasserspeier aus Bronze gestohlen, und Kunstsachverständige hätten mit dem Versicherungsgeld lieber frische Kräfte mit einer Neuinterpretation betraut. Doch die Quartierbewohner hingen so am alten Frosch, dass man ihn rekonstruieren liess. So oft er seither aber auch geküsst worden sein mag: Ein Prinz ist daraus nicht geworden.

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