Switzerland

Ob Gentechnik oder Glyphosat: Die Angstmacherei gefährdet unseren Wohlstand

Drei Viertel der Schweizer fürchten sich vor grüner Gentechnik, obwohl es wissenschaftlich dazu keinen Grund gibt. NGO verstehen es, diese Ängste zu bewirtschaften – und Politiker lassen sich von ihnen treiben. Das vertreibt Forscher aus Europa und schadet dem Standort.

In Basel am 21. Mai 2016 demonstrierten Personen gegen die multinationalen Firmen Monsanto und Syngenta.

In Basel am 21. Mai 2016 demonstrierten Personen gegen die multinationalen Firmen Monsanto und Syngenta.

Georgios Kefalas / Keystone

Was denken Sie: Ist eine giftige chemische Substanz immer gefährlich, unabhängig davon, wie stark man ihr ausgesetzt ist? Nur 12 Prozent der befragten Schweizer verneinten dies in einer Umfrage und gaben damit die richtige Antwort. Ob eine Substanz toxisch ist, kommt auf die Dosierung an. Und nur jedem fünften Befragten war bewusst, dass synthetisch hergestelltes Salz chemisch genau gleich aufgebaut ist wie das natürlich im Meer vorhandene Natriumchlorid.

Diese Beispiele einer Umfrage des Lehrstuhls für Konsumentenverhalten an der ETH illustrieren: Wir romantisieren die Natürlichkeit und fürchten alles «Chemische», so dass Forscher dafür den Terminus Chemophobie kreiert haben. Es ist paradox: Wir leben dreimal so lange wie unsere Vorfahren um das Jahr 1800, es geht uns so gut wie noch nie, und dennoch fürchten wir uns vor allem Möglichen. «Natürlichkeit» ist jedoch keineswegs immer ein guter Ratgeber. Um noch einmal die Anfangsfrage aufzunehmen: Auch natürlich vorkommende Stoffe können toxisch wirken.

Monsanto oder das Reich des Bösen

Dies zeigt sich etwa bei der Frage, wie der Bauer sein Feld von Unkraut befreit. Seit einiger Zeit erhitzen sich die Gemüter über den chemischen Unkrautvertilger Glyphosat. Zum Markterfolg geführt wurde er durch den amerikanischen Konzern Monsanto, der mittlerweile zu Bayer gehört. Monsanto dient all jenen als Sündenbock, die finden, die Landwirtschaft habe sich von ihren natürlichen Grundlagen zu weit entfernt. Glyphosat hat für den Bauer indes den grossen Vorteil, dass er weniger pflügen muss. Das hilft der Bodenqualität, verhindert Erosion und ist für das Klima besser als die meisten Alternativen, da weniger CO2 freigesetzt wird.

Ausgerechnet im Biolandbau wird dagegen Kupfer als Bestandteil von Herbiziden gespritzt. Dieses Schwermetall lagert sich über die Zeit im Boden ab. Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung fürchtet deshalb, dass die Grenzwerte bald überschritten werden. Trotzdem hat die EU unlängst Kupferverbindungen in Pflanzenschutzmitteln für weitere sieben Jahre genehmigt. Ist es nicht paradox, dass man Glyphosat Ende 2023 in Deutschland verbieten will, aber beim Schwermetall Kupfer keine Skrupel kennt? Und nicht nur das: Das schon erwähnte Institut für Risikobewertung hat sich über eine massive politische Einflussnahme beklagt, als es galt, Glyphosat zu evaluieren. Das Institut war – wie Zulassungsstellen weltweit auch – zum Schluss gekommen, dass das Produkt nicht krebserregend ist.

Die Kampagnen-Organisation Campact dagegen schreibt: «Glyphosat erzeugt wahrscheinlich Krebs.» Zwar hat die Internationale Krebsagentur das Mittel als «wahrscheinlich krebserregend» eingeordnet. Das bedeutet aber nur, dass eine Krebsgefahr theoretisch möglich ist – in dieselbe Kategorie fallen heisse Getränke oder der Coiffeurberuf. Bei einer praxisnahen Dosierung besteht indes keinerlei Gefahr – doch das wird von Campact geflissentlich ignoriert, denn damit holt man keine Spenden.

Protest siegt über die Vernunft

Den Nichtregierungsorganisationen (NGO) könne man vertrauen, demgegenüber sei von der Chemieindustrie und selbst wissenschaftlichen Instituten nichts Gutes zu erwarten, so die Haltung vieler. Billigt man somit nur den NGO-Aktivisten hehre Absichten zu? Ist es so abwegig zu denken, dass auch die Mitarbeiter von Pharma- und Chemiefirmen an etwas Sinnstiftendem interessiert sind, indem sie etwa die Ernährungssicherheit verbessern?

Auch im Fall der grünen Gentechnologie hat die Lautstärke der Gegner über die Vernunft gesiegt. In der Schweiz gilt seit 2005 ein Anbauverbot für gentechnisch modifizierte Pflanzen. 36 Prozent der Schweizer schätzen diese Technologie laut dem Bundesamt für Statistik als sehr gefährlich ein, weitere 40 Prozent als eher gefährlich.

In den USA werten die National Academies of Sciences, Engineering, and Medicine Berge von Studien aus und liefern so Orientierungswissen. Das haben sie auch für die grüne Gentechnik getan. Dabei fanden sie bisher keinen Effekt auf die menschliche Gesundheit, ob es sich um konventionelle Züchtungen handelt oder um gentechnisch veränderte Pflanzen. Die Farmer hätten dank genmodifiziertem Soja, Baumwolle sowie Mais ihre Erträge gesteigert. Ferner habe der – in Europa verfemte – Bt-Mais mit eingebautem Insektizid die Biodiversität im Vergleich zum konventionellen Anbau mit chemischen Mitteln erhöht und den Bedarf an Insektengift gesenkt. Und was behauptet Greenpeace? Der Anbau genmanipulierter Pflanzen habe zu keinerlei Ertragssteigerungen geführt, wohl aber zum Einsatz von mehr und giftigeren Pestiziden.

Während sich NGO in der Beurteilung des Klimawandels gerne auf Gremien wie das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) berufen, blenden sie wissenschaftliche Erkenntnisse aus, wenn sie ihnen nicht passen. Die Industrie ist daran nicht ganz unschuldig: Zum einen hat es gerade Monsanto den Gegnern mit zweifelhaften Lobbyingmethoden leicht gemacht. So wurde bei Studien zuweilen nicht transparent gemacht, dass sie von dem Konzern mitfinanziert wurden. Zum anderen ist es der Branche in Europa nicht gelungen, den Konsumenten den Nutzen der grünen Gentechnologie zu vermitteln.

Chance dank Pflanzen-Burger?

Aber das muss nicht ewig so bleiben. Viele Menschen haben den Wunsch, weniger Fleisch zu essen. Diesem Bedürfnis kommen Firmen wie Impossible Foods nach. Das Unternehmen nutzt in den USA aus Umweltgründen genmodifiziertes Soja. Es wirbt für seine Burger auf pflanzlicher Basis damit, dass im Vergleich mit einem herkömmlichen Fleisch-Burger 80 Prozent weniger Herbizide eingesetzt werden und der Landverbrauch sogar um 96 Prozent niedriger ist. Wer weiss, vielleicht ergibt sich hier eine zweite Chance für die grüne Gentechnologie in Europa.

NGO machen es sich mit radikalen Forderungen leicht. Sie verlangen «keine Gentechnik», «keine Pestizide» oder «keine Tierversuche». Und was macht die Politik? Sie setzt dem kaum etwas entgegen. Ein beunruhigendes Beispiel hat sich jüngst in Deutschland abgespielt. Der renommierte Hirnforscher Nikos Logothetis war 2014 von Aktivisten wegen seiner Versuche an Makaken, einer Affenart, an den Pranger gestellt worden. Ein kurzer Film mit heimlich gedrehten Sequenzen aus seinem Labor in Tübingen, der ohne weitere Erklärungen verstörend wirkt, hatte massive Proteste ausgelöst. Er und sein Team seien mit perfiden Drohungen, Beleidigungen und Schmähungen eingedeckt worden, schreibt die Max-Planck-Gesellschaft, bei der er arbeitet.

Tierversuche an Primaten sollten die Ausnahme sein, aber um komplexe Prozesse im Hirn zu studieren, sind Forscher darauf angewiesen. Der Hirnspezialist wird nun Ende Jahr Deutschland verlassen und nach Schanghai auswandern, wo man ihn mit offenen Armen empfängt. Bestimmt kann China bei Tier- und Menschenrechten kein Vorbild sein. Dass aber ein Wissenschafter so verzweifelt ist, dass er sich dort mehr Freiheit in der Grundlagenforschung verspricht als in Deutschland, sollte in europäischen Hauptstädten zu denken geben.

Zur Sachlichkeit zwingen

Gewiss, ob man umstrittene Technologien goutiert, ist immer ein Abwägen von Vor- und Nachteilen. Diese Kalkulation wird aber zur Farce, wenn es NGO gelingt, Techniken sogleich mit einem Stigma zu belegen. Geschehen ist das jüngst bei der Genschere Crispr/Cas. Mit ihr lassen sich viel präziser als mit traditioneller Züchtung Sorten gewinnen, die etwa der Trockenheit trotzen. Obwohl man dabei in der Regel keine fremden Gene einschleust, hat der Europäische Gerichtshof ein teures Bewilligungsverfahren verordnet, was die Anwendung der Genschere bremst – die USA haben sich gegen eine strenge Regulierung entschieden.

Die Verklärung von Natürlichkeit hat sich in Europa zur Chemophobie ausgewachsen. Und vor neuen Technologien hat man Angst, weil man etwas zu verlieren fürchtet. Eine Umfrage der PR-Agentur Edelman in diversen Ländern stützt diese These. Die Menschen wurden gefragt, ob sie erwarten, dass es ihnen und ihren Familien in fünf Jahren besser geht als heute. Nur jeder vierte Deutsche (für die Schweiz gibt es keine Zahlen) blickt demnach optimistisch in die Zukunft und sogar nur jeder fünfte Franzose. In den USA ist es immerhin fast jeder Zweite. Ausgeprägt ist die Zuversicht in den Schwellenländern China, Indien oder Indonesien, wo sich 70 bis 80 Prozent auf die Zukunft freuen.

In weniger entwickelten Ländern erhoffen sich die Menschen Wohlstandsgewinne, wenn sie Risiken eingehen. In den westlichen Gesellschaften dominiert dagegen oft eine Abwehrhaltung. Eine Null-Risiko-Mentalität führt aber zu gesellschaftlicher Stagnation – und im Fall der Landwirtschaft lässt man Chancen ungenutzt. Abhilfe zu schaffen, ist nicht einfach. Aber manchmal hülfe es schon, wenn wir uns stärker zur Sachlichkeit zwängen und so das Terrain nicht einfach den lauten NGO überliessen.