Switzerland

Nur einer konnte vom Raubüberfall wissen

«Es galt abzuklären, was erwiesen ist und was nicht, als im Mai 2018 der Volg-Laden in Goldiwil überfallen wurde», sagte Gerichtspräsident Jürg Santschi am Mittwoch bei der Urteilseröffnung. Die Kernfrage sei gewesen, wer wann und was von dem geplanten Überfall gewusst habe.

Unbestritten ist die vorgängige Fahrt von vier Männern mit einem PW von Thun nach Goldi­wil. Den Überfall begangen hatte ein junger Mann, der sich für diese Tat vor dem Jugendgericht verantworten musste.

Der Täter und der ebenfalls des Raubs beschuldigte nordmazedonische Staatsangehörige sassen bei der Fahrt nach Goldiwil auf den Hintersitzen. Sie hantierten mit einer Pistole und machten Videoaufnahmen. Aufgrund der Faktenlage kam der Einzelrichter zum Schluss, dass der Nordmazedonier vom Vorhaben des Raubüberfalls gewusst haben muss.

«Keine günstige Prognose»

Er erklärte ihn schuldig des Raubs und zwölf weiterer Delikte, teilweise mehrfach begangen, und verurteilte ihn zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von 14 Monaten unter Anrechnung der Untersuchungs- und Sicherheitshaft von 53 Tagen, zu einer Geldstrafe von 50 Tagessätzen à 30 Franken, zu einer Übertretungsbusse von 1500 Franken und zu einer Landesverweisung von 5 Jahren. Zudem werden ihm Verfahrenskosten von 5583 Franken überbunden.

Nur unbedingte Strafen

«Mit bestem Willen kann keine günstige Prognose gestellt werden», stellte Gerichtspräsident Jürg Santschi fest. Deswegen kämen nur unbedingte Strafen infrage. Wegen der Gefahr des Untertauchens wird der Mann für vorerst drei Monate in Sicherheitshaft versetzt. Er musste auch für die Strafverhandlung polizeilich vorgeführt werden. Zudem ist er in der Zeit nach seiner Mittäterschaft am Raub im Mai 2018 wiederholt strafrechtlich in Erscheinung getreten und hat sich auch mehrfach Massnahmen entzogen, indem er flüchtete.

«In dubio pro reo»

Anders beurteilte der Gerichtspräsident ein allfälliges Verschulden des Äthiopiers, der als Fahrer fungierte, und des Schweizers, der auf dem Beifahrersitz mitgefahren war. Der Staatsanwalt hatte den beiden Gehilfenschaft zu Raub zur Last gelegt. Nach Ansicht des Richters konnten diese vom Tun der beiden Männer auf den Rücksitzen nichts mitbekommen haben und demzufolge auch nicht auf den geplanten Raubüberfall schliessen. Beide wurden unter Anwendung des Grundsatzes «In dubio pro reo» («Im Zweifel für den Angeklagten») von der Anschuldigung der Gehilfenschaft zu Raub freigesprochen.

Kanton zahlt für Verfahren

Für die wirtschaftlichen Einbussen, die ihnen aus der notwendigen Beteiligung am Strafverfahren entstanden sind, und für die Untersuchungshaft von je zwei Tagen erhalten die beiden Männer Entschädigungen. Die Verfahrenskosten werden dem Kanton Bern überbunden. Der Äthiopier wurde wegen einer unbestrittenen einfachen Verkehrsregelverletzung zu einer Übertretungsbusse und Verfahrenskosten von insgesamt 400 Franken verurteilt.

Anfechten innert 10 Tagen

Die Urteile sind noch nicht rechtskräftig. Sie können von den Parteien innert 10 Tagen angefochten werden.