Switzerland

Nichts ist obsolet: Der Prix Meret Oppenheim geht an den Künstler Marc Bauer, im Bereich Architektur an Barbara Buser und Eric Honegger sowie an die Kuratorin Koyo Kouoh

Zum zwanzigsten Mal verleiht das Bundesamt für Kultur (BAK) den Preis für hervorragendes Schweizer Kulturschaffen. Dieses Jahr würdigt die Jury auch das Arbeiten an der Achtsamkeit.

Alle diesjährigen Träger des renommierten Prix Meret Oppenheim des Bundesamts für Kultur arbeiten mit subtilen Mitteln, mit den Feinheiten der Realität und mit viel Respekt für das Vorhandene. Es sieht so aus, als ob die Jury, die Ende 2019 über die diesjährige Verteilung der Preise entschied, eine Vorahnung der Geschehnisse im Jahr 2020 gehabt hätte. Denn diese unterschiedlichen Arten der Achtsamkeit, welche die Arbeiten der vier Preisträger unter anderem auszeichnen, sind während der Krise der Pandemie umso wertvoller geworden.

Koyo Kouoh ist eine der mit dem Prix Meret Oppenheim 2020 geehrten Kulturschaffenden.

Koyo Kouoh ist eine der mit dem Prix Meret Oppenheim 2020 geehrten Kulturschaffenden.

Mehdi Benkler, BAK

Dieses Jahr erfolgte die Bekanntgabe später als üblich und vorerst nur medial: In der Publikation «Prix Meret Oppenheim 2020» werden die Preisträgerinnen und Preisträger nun porträtiert und in Interviews vorgestellt. Sie werden an einem noch nicht bekannten Datum im Herbst zusammen mit den diesjährigen Trägerinnen und Trägern des Schweizer Grand Prix Design, Ida Gut, Monique Jacot und Kueng Caputo, geehrt.

Geschichten in Zeichnungen

«Skizzenhaftes, Schraffiertes, subtiles Hell-Dunkel, laute Schwarz-Weiss-Kontraste formen Motive, die aufscheinen und Geschichte erahnen lassen.» Die Jury lobt die Präzision in der formalen Setzung und das Umkreisen des Imaginären in den Zeichnungen des 1975 in Genf geborenen Künstlers Marc Bauer.

Marc Bauer eignet sich die Zeitgeschichte an und behandelt ihre Dramen und Auswüchse, um mit den traditionellen Mitteln des Zeichnens die Ideologie der Macht und die menschlichen Verhaltensweisen zu hinterfragen, die sich daraus ergeben. Marc Bauer beschäftigt sich mit diesen Fragen, indem er lückenhafte Erzählstränge schafft, in denen die Leere daran erinnert, dass das Gedächtnis immer selektiv ist. Der Künstler verbindet persönliche und kollektive Geschichte und entwickelt starke Erzählungen, in denen der Text mit den Figuren im Dialog steht. Wandzeichnungen, Animationen, Drucke oder Grafitkompositionen, die an Mauern angebracht werden: Die Kunst von Marc Bauer ist ein entblösstes Theater, in dem sich die Menschheit von ihrer erschreckendsten und tiefsten Seite zeigt.

Gebäude aus schon Dagewesenem

Nicht nur Wiederverwertung, sondern das direkte Wiederverwenden steht auf der Agenda der zwei geehrten Architekten Barbara Buser und Eric Honegger vom «baubüro in situ»: «In der Reaktivierung des Obsoleten und der Aufwertung von Vorhandenem aller Art» findet die Jury eine Pionierleistung, die mit inklusiven und partizipativen Prozessen ökologischen und politischen Überzeugungen folgt.

Die nach Basel umgesiedelten Zürcher Barbara Buser und Eric Honegger befassen sich seit mehr als 20 Jahren mit der Wiederverwendung von Architekturelementen und mit Umbau, Wiederaneignung und Sanierung von Gebäuden. Ihre Vorstellung von Architektur widersetzt sich der «starchitecture». Sie befindet sich ausserhalb der Systeme und kennt bis heute nur wenig Konkurrenz. Barbara Buser und Eric Honegger bauen leerstehende Gebäude zu Lebensräumen um und schaffen neue urbane Strukturen für ganze Quartiere.

Brückenbauerin

Über die 1967 in Douala geborene Ausstellungsmacherin Koyo Kouoh schreibt die Jury, sie habe als Kuratorin, Kritikerin und Gründerin von kulturellen Einrichtungen «neue Wege der Vermittlung aufgezeigt und nachhaltig dazu beigetragen, die Kunst aus dem afrikanischen Kontinent in einen globalen Kontext zu bringen».

Ein «institution builder» sei sie, denn die derzeit in Kapstadt ansässige Koyo Kouoh ist eine international tätige Kulturproduzentin. Zentrales Element ihrer Arbeit ist die Neudefinierung der zeitgenössischen afrikanischen Persönlichkeit. Koyo Kouoh hat ihre kuratorische Tätigkeit ausgeweitet durch eine Reflexion über die Form der Institutionen in afrikanischen Schwellenländern, in denen das Kulturschaffen Gegenstand von Spannungen zwischen privaten Initiativen und Regierungsverhältnissen war und wo Kontexte, Ästhetik und Wissensaneignung oftmals nicht den westlichen Paradigmen entsprechen. In ihrer Tätigkeit als unabhängige Kuratorin befasst sich Koyo Kouoh besonders mit Genderfragen und mit ihrem feministischen Standpunkt. Dieses Engagement spiegelt sich namentlich in Ausstellungen wie «Body Talk», die 2015/16 in Belgien, Frankreich und Schweden gezeigt wurde und in der sie die Arbeit von sechs Künstlerinnen aus Afrika zu Thematiken wie Körper, Feminismus und Sexualität verarbeitet.

Verspätete Würdigung

Letztes Jahr geschah alles früher: Im gewohnten Rhythmus erfolgte im Juni eine feierliche Preisverleihung. Im März 2019 nämlich ging der Prix Meret Oppenheim an die Architekten Marcel Meili und Markus Peter, den Journalisten und Kunstkritiker Samuel Schellenberg und die Künstlerin Shirana Shahbazi. Marcel Meili konnte an der Preisverleihung im Juni nicht mehr teilnehmen, erfuhr aber noch vor seinem Tod von der Würdigung.

Wie es dieses Jahr nun genau ablaufen soll, ist noch nicht bekannt. Klar ist aber, dass der digitale Schub auch das BAK erfasst hat, das die Preisträgerinnen und Preisträger in Videos porträtiert hat, so dass sie nun zumindest im zweidimensionalen Raum des Bildschirms besser kennengelernt werden können. Ihre künstlerischen Arbeiten aber wirken weit über das Digitale hinaus in den Raum der Stadt und in die alltäglichen Handlungen.

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