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Nicht perfekt, aber einmalig – warum Südkoreaner zunehmend analoge Fotostudios besuchen

Nicht perfekt, aber einmalig – warum Südkoreaner zunehmend analoge Fotostudios besuchen

Matthias Sander

Die Bilderflut ist in Südkorea noch grösser als in Europa. Dagegen formiert sich leiser Widerstand. Zu Besuch in einem Fotostudio wie aus dem 19. Jahrhundert.

Immer wenn das Jahr zu Ende geht, pilgern Lim Wan und Bu Jun Seok zu einem kleinen Fotostudio in Seoul. Das Lighthouse Tintype Studio liegt südlich des Yongsan-Bahnhofs, an einem beschaulichen Bahnübergang. Sein grosses Schaufenster leuchtet tatsächlich in der Winterdämmerung, und das schrammelige Gebäude überragt die umliegenden Häuschen.

Sobald die 26-jährige Lim und der 27-jährige Bu durch die Tür treten, lassen sie die Metropole hinter sich, all die Hochhäuser und fünfspurigen Strassen und Autos. Stattdessen findet sich das Paar plötzlich an einem Ort wie aus dem 19. Jahrhundert wieder. Zwischen altmodischen Balgenkameras, Emaillebecken und Flakons mit transparenten Flüssigkeiten.

Der Besuch ist ein Geschenk zum Jahrestag ihrer Beziehung. Lim und Bu verbringen gut und gerne zwei Stunden hier. Sie lauschen dem Fotografen, warten auf ihn, wenn er in der Dunkelkammer verschwindet, flüstern sich ab und an etwas zu. Falls Seoul sie sonst in Hektik treibt, so ist davon nun nichts mehr zu spüren. Sie posieren keck Schulter an Schulter, dann zählt der Fotograf «eins, zwei, drei». Blitz! Plopp! Ein Hitzeschwall wabert Richtung Leinwand.

Die Rache des Analogen

Analoge Fotostudios wie das Lighthouse sind in Südkorea zunehmend beliebt. Sie eröffnen seit wenigen Jahren an fussgängerfreundlichen Orten mit vielen Ausflüglern und Sonntagsbummlern. Etwa in der zweitgrössten Stadt Busan, im einstigen Slum Gamcheon, den Kunststudenten mit gewitzten Skulpturen und bunten Hausanstrichen zum Culture Village aufwerteten. Oder in der südlichen Stadt Suncheon, zwischen dem Bahnhof und einer Halle für junge Imbissbudenbetreiber. Und in der Hafenstadt Mokpo, neben einem hippen Café europäischen Stils.

In Südkorea ist das Genre des Freundschaftsfotos beliebt, wie es diese Soldaten im Lighthouse Tintype Studio haben machen lassen.

In Südkorea ist das Genre des Freundschaftsfotos beliebt, wie es diese Soldaten im Lighthouse Tintype Studio haben machen lassen.

Lee Kyu Yeol

Generell ist Fotografie in Südkorea noch präsenter als andernorts. Alteingesessene Studios scheinen hier öfter zu überleben; sie werben in ihren Schaufenstern mit prächtigen Porträts von Mehr-Generationen-Familien im Stil von goldgerahmten Herrschergemälden. Es gibt nicht nur Fotoautomaten, sondern rund um die Uhr geöffnete Selbstbedienungsstudios mit Requisiten wie schrägen Hüten und Brillen, komplett videoüberwacht. Und es gibt Orte wie das Color Pool Museum in Seoul, dessen einziger Zweck die Instagram-Tauglichkeit zu sein scheint: Die Räume sind gefüllt mit rosa Bällen oder ausgestattet mit einer Schaukel, die aussieht wie eine riesige Scheibe Wassermelone.

Die analogen Studios hingegen sind ein Statement – gegen Selfies, die Bilderflut und endlose Nachbearbeitung. Für den Moment und das Festhalten des Vergänglichen. Die Studios reihen sich ein in einen breiteren Trend zum Analogen, der sich auch in altmodischen Cafés und den grandiosen LP-Bars zum gepflegten Musikhören zeigt. Südkorea insgesamt ist besessen von rasantem Wirtschaftswachstum und digitaler Technologie, alle paar Jahre ändert das Land angeblich sein Gesicht. Aber manchen ist damit nicht wohl, wie auch der Erfolg des Bestsellers «Die Rache des Analogen» des Kanadiers David Sax in Südkorea bezeugt.

Ein Verfahren von 1850

Das Lighthouse Tintype Studio gehört Lee Kyu Yeol, einem freundlichen Mann Ende 40 mit dichtem, graumeliertem Haar. Lee eröffnete den Laden 2016, und glaubt man ihm, ist er sogar der erste kommerzielle Anbieter in Südkorea für das sogenannte Kollodium-Nassplatten-Verfahren. Denn als der Brite Frederick Scott Archer und der Franzose Gustave Le Gray das Verfahren um das Jahr 1850 erfanden, schottete sich Korea unter der Joseon-Dynastie von ausländischen Einflüssen ab.

Lee fotografiert seit 25 Jahren. Lange betrieb er klassische analoge Farbfotografie, dann wechselte er, der Nachfrage folgend, zur digitalen Fotografie, was ihm schon bald widerstrebte. «Ich musste zu viel Zeit mit Photoshopping verbringen, weil die Leute das verlangten», sagt er. «Korea ist ein Land, in dem die Leute sehr darauf achten, wie andere sie sehen.» Insbesondere Frauen machen so häufig Schönheitsoperationen wie sonst nirgendwo auf der Welt. Lee wollte das nicht mehr mitmachen und entschied sich stattdessen für das Gegenteil: die Ursprünge der Fotografie.

Wenn es geblitzt und geploppt hat, nimmt Lee die Weissblechplatte aus der Kamera, eilt zum Tresen mit den Flakons und taucht sie in das Emaillebecken. Mit beiden Händen kippt er das Becken hin und her, so dass die klare Kollodium-Lösung aus Äther, Alkohol und Silbernitrat gleichmässig über die Platte schwappt. Lim und Bu sind zum vierten Mal hier, und noch immer staunen sie; Lim filmt mit ihrem Handy. Im Emaillebecken zeichnen sich langsam ihrer beider Konturen ab, und unter der Flüssigkeit tauchen ihre Gesichter auf. Ein hochästhetisches Bild, schärfer auf den Protagonisten, körniger im Hintergrund. Wo die Flüssigkeit ihren Zauber nicht vollbracht hat, bilden sich helle Flecken. Kein perfektes Bild, aber ein einmaliges.

Bu Jun Seok und Lim Wan zu ihrem vierten Jahrestag als Paar.

Bu Jun Seok und Lim Wan zu ihrem vierten Jahrestag als Paar.

Lee Kyu Yeol

Lee erzählt, dass die meisten seiner Kunden Paare und junge Freunde seien. Für Letztere gibt es in Südkorea ein eigenes Genre, sogenannte Freundschaftsfotos. Am Morgen zum Beispiel hätten sich zwei junge Soldaten fotografieren lassen, beide in Uniform. Generell lasse man sich in Südkorea eigentlich kaum allein fotografieren, erklärt Lee. Das mag man kaum glauben angesichts der Selfie-vernarrten Südkoreanerinnen (ein paar Männer sind es wohl auch). Aber tatsächlich, zumindest auf den Porträts, die Lee in seinem Laden ausstellt, sind die Koreaner überwiegend zu zweit oder zu dritt, die Westler allein.

Etwas aber eine die meisten seiner Kunden, sagt Lee. «Sie lieben sich selbst. So, wie sie sind.» Seine Aufgabe sei es dann, einfach nur aufzunehmen, wer sie seien. Eine vermeintlich reine Abbildung, ohne Schnickschnack. Lim Wan, die junge Frau, die das jährliche Paarbild zum Ritual gemacht hat, bestätigt das. Früher habe sie Fotografen auch um Photoshopping gebeten. «Als ich angefangen habe, diese Bilder hier machen zu lassen, habe ich mich selbst akzeptiert. Das ist, wer ich bin.»

Gehütet wie ein Schatz

Das Beispiel von Lim Wan und Bu Jun Seok verdeutlicht, dass sich das Analoge und das Digitale keineswegs ausschliessen müssen. Vielmehr können sie sich prima ergänzen. «Technologie verändert sich, auf gute und schlechte Weise», sagt Bu, der wie seine Freundin eine Apple-Watch trägt. «Es ist sinnstiftend, die Dinge, die in Vergessenheit geraten, zu bewahren und sich ihrer zu erinnern.»

Bu hat auf seinem Smartphone als Hintergrundbild ein Foto seiner Freundin als Baby. Sie hingegen hat Aufnahmen der beiden aus dem Fotostudio aus den vorherigen drei Jahren. Die Originale auf den Nassplatten sind so lichtempfindlich, dass das Paar sie in einem Schrank aufbewahrt. Nur manchmal holen sie die Platten heraus, wie einen selten präsentierten Schatz. Dann empfänden sie Gefühle, wie sie digitale Fotos nie hervorrufen könnten, sagen Lim und Bu. Eines dominiert: Kostbarkeit.

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