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Never Mind the Markets: EU-Anleihen: Stille Revolution am Bondmarkt

EU-Pakete kümmerten die Öffentlichkeit bisher wenig. Doch die aktuellen Anleihen finden reissenden Absatz und lassen eine neue Ära erahnen.

Wird für Hunderte Milliarden Euro eigene Anleihen ausgeben: Die Europäische Union mit Sitz in Brüssel.

Wird für Hunderte Milliarden Euro eigene Anleihen ausgeben: Die Europäische Union mit Sitz in Brüssel.

Foto: Martin Ruetschi (Keystone)

EU-Pakete haben grundsätzlich zwei Defekte: Ihre Namen sind tendenziell zu lang und sie sind in der Regel technokratisch. Beides führt dazu, dass die Öffentlichkeit sich nicht für sie interessiert. Das gilt zunächst auch für die Anleihe, die die EU diese Woche lanciert hat und die das Arbeitslosenversicherungsprogramm SURE finanzieren soll. Dennoch sollten Sie diesmal weiterlesen. Denn mit ihr wird der Startschuss gegeben für eine Entwicklung, die den europäischen Bondmarkt von Grund auf verwandeln wird.

SURE steht für Support to mitigate Unemployment Risks in an Emergency. Es handelt sich um einen neuen Topf, der EU-Mitgliedstaaten bereitsteht, um daheim ihre Arbeitslosenversicherungen aufzustocken oder Kurzarbeitsgelder zu bezahlen. Sie ist für Krisen gedacht wie die aktuelle Pandemie. Ein Akt der Solidarität aber auch der Realpolitik, um das Sozialversicherungsgefälle innerhalb der EU möglichst gering zu halten und letztlich Wanderungsbewegungen zwischen den Ländern – um vom besten Schutz zu profitieren – zu verhindern. Aktuell sind 88 Milliarden Euro vorgesehen. Nicht alle 27 Staaten kommen in ihren Genuss, sondern nur 17. Hier ein Überblick:

Rettungstopf für künftige Krisen: So soll das SURE-Kapital auf die EU-Mitgliedstaaten verteilt werden.

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Grafik: Europäische Kommission

Um die 88 Milliarden Euro zu finanzieren, vergibt die EU Anleihen. Am Dienstag begann die Europäische Kommission damit. Sie verkaufte ein zehnjähriges und ein zwanzigjähriges Schuldpapier am Bondmarkt. Insgesamt sammelte sie 17 Milliarden Euro ein, geplant waren maximal 15 Milliarden Euro. Sie hätte locker auch ein Vielfaches dessen platzieren können. Denn die eigentliche Sensation waren die Gebote: Es trafen Angebote für 233 Milliarden Euro aus aller Welt ein!

Rege Nachfrage, aber kein Zins

Wer davon spricht, dass Anleihen als Anlage ausgedient haben, muss seine Aussage wohl nochmal überdenken. Die magere Rendite schreckt offenbar niemanden ab. Die zwanzigjährige SURE-Anleihe wird nur zu 0,13 Prozent pro Jahr verzinst, die zehnjährige kostet den Investor sogar Geld: die Rendite beträgt -0,24 Prozent pro Jahr. Die SURE-Anleihe trifft die globale Anlegergemeinschaft an einem Nerv – der Bedarf an sicheren Anlagen. Die vergangenen Finanzkrisen haben dazu geführt, dass immer mehr Regulierungen geschaffen wurden, die verlangen, dass Banken, Versicherungen und andere Marktteilnehmer zusätzliche Sicherheitspuffer anlegen. Die Regulierungen reichen weit, bis hin zum Derivatehandel, wo zusätzliche Einschussverpflichtungen eingerichtet wurden mit demselben Ziel. Sie alle haben den gleichen Effekt: Sie erhöhen den Bedarf an erstklassigen Staatsanleihen unabhängig von der niedrigen Rendite.

In den vergangenen Jahren kam es sogar zu einem Engpass bei europäischen Staatsanleihen mit Top-Bonität. Denn die Europäische Zentralbank kauft diese Titel ebenfalls in grossem Umfang auf, um der Wirtschaft Liquidität zuzuführen und die zu tiefe Inflation zu bekämpfen. Deutsche Bundesanleihen, die international besonders beliebt sind, und von denen die deutsche Regierung dank Schuldenabbau weniger neu auflegte, sind knapp geworden. Ihr Preis stieg kräftig und spiegelbildlich dazu fiel ihre Marktverzinsung ausserordentlich. Sie liegt inzwischen weit unter dem «risikolosen» Euro-Swapsatz und niedriger als die Rendite Schweizer Bundesobligationen. Historische Ausnahmen, die unterstreichen, wie sehr die Marktzinsen nach unten verzerrt sind.

Und da kam die EU

Die EU hätte sich für ihre Anleihen keinen günstigeren Zeitpunkt aussuchen können. Die SURE-Anleihen werden von den Ratingagenturen als erstklassig bewertet und sie sind «notenbankfähig», will heissen: Die EZB kann sie im Rahmen ihrer Bondkaufproramme erwerben. Sie weisen somit die gleichen Vorzüge auf wie deutsche Bundesanleihen. Sie eignen sich also als Alternative, was durch die rege Nachfrage am Dienstag auch unterstrichen wird.

Die EU wird nicht nur weitere SURE-Bonds emittieren, sondern ab nächstem Jahr auch den viel grösseren Wiederaufbaufonds auf die gleiche Weise finanzieren, mit sogenannten Recovery Bonds. Sein Volumen beträgt 750 Milliarden Euro. Damit wird sich das Angebot von sicheren Anleihen in Europa wandeln. Die EU wird als Emittent immer wichtiger und könnten die deutsche Vorherrschaft brechen.

Die Marktkräfte sprechen für diesen Wandel. SURE-Anleihen erzielten am Dienstag eine leicht höhere Rendite als deutsche Bundesanleihen mit gleicher Laufzeit. Das macht sie unter Investoren attraktiv. Über kurz oder lang könnte auch das extrem niedrige Zinsniveaus der deutschen Papiere etwas anziehen, wenn der Nachfrageüberhang abnimmt. Hochverschuldete Staaten profitieren zudem doppelt von EU-Anleihen. Einmal weil sie ihre zusätzlichen Ausgaben über EU-Darlehen decken, die günstiger sind als wenn sie das Geld am Markt über den Verkauf eigener Staatsanleihen aufnehmen. Und zweitens weil auf diese Weise das nationale Emissionsvolumen nicht zusätzlich steigt und damit auch nicht das generelle Marktzinsniveau. Denn der Risikoaufschlag eines Landes am Anleihenmarkt erhöht sich mit dem Volumen der Anleihen, die neu am Markt verkauft werden.

Eine Vorlage für Eurobonds

SURE- und Recovery-Bonds weisen ähnliche Eigenschaften auf wie sogenannte Eurobonds, für die alle EU-Staaten gemeinsam haften. Staaten wie Frankreich, Italien, Spanien aber auch die Europäische Kommission sind mit ihren Vorstössen bislang stets am Veto Deutschlands, der Niederlande und gleichgesinnter Staaten gescheitert. Der Stapellauf der SURE-Anleihen bereitet Eurobonds nun den Weg und macht sie in Zukunft wahrscheinlicher. Eine Perspektive, die Europas Umgang mit Staatsschulden grundsätzlich verändern dürfte und vor wenigen Jahren noch als chancenlos galt.

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