Switzerland

Neustart nach dem Flammeninferno

Anscheinend halb besinnungslos irrt ein Koala durch seine von den gigantischen und immer wieder aufflammenden Bränden zerstörte Heimat in Australien. Er hat zwar die Katastrophe überlebt, droht aber zu verhungern, weil das Feuer nahezu die gesamte Natur und damit natürlich auch die Blätter der Eukalyptusbäume verbrannt hat, die das Grundnahrungsmittel der Koalas sind.

Andere Tiere werden möglicherweise von ihren Feinden ­gefressen, weil das lodernde ­Inferno ihre Verstecke zerstört hat. Und wie wollen eigentlich kleine Insekten zurückkehren, wenn sie nicht fliegen können und die Flammen in Australien anscheinend das Leben auf einer riesigen Fläche von der Grösse Portugals praktisch ausgelöscht haben? Und was machen Pflanzen, die vor einem Brand nicht einfach fliehen können?

Ein Besuch auf der Kanaren­insel La Gomera liefert eine erste, überraschende Antwort auf solche Fragen. Im August 2012 hat ein riesiges Feuer auf einigen Tausend Hektaren einen beträchtlichen Teil der relativ kleinen Insel verwüstet und von den ­Kiefern nur schwarz-verkohlte Stämme stehen lassen. Fünf Jahre später tragen diese Ruinen einst mächtiger Bäume wieder ein saftig-grünes Nadelkleid. «Feuer kommen auf den Vulkaninseln der Kanaren immer wieder vor, und die nur dort wachsenden Kanarenkiefern haben sich daran angepasst», erklärt Anke Jentsch, die an der Universität Bayreuth stark gestörte Ökosysteme erforscht. Zwar vernichten die Flammen viele Äste, den Stamm aber schützen die Bäume mit einer sehr dicken Rinde. Darunter überstehen Knospen die Hitze typischer Brände normalerweise recht gut.

Bäume mit dickerer Borke haben einen Vorteil

Solche Feuer entstanden früher wohl vor allem durch Vulkanausbrüche. In den sehr trockenen Sommermonaten können dadurch riesige Flächen den Flammen zum Opfer fallen. Bei solchen Stresssituationen haben Bäume mit einer dickeren Borke und darunterliegenden Stammknospen einen Vorteil, und mit der Zeit bleiben wohl nur die Kiefern übrig, die sich besonders effektiv schützen. Das gilt natürlich auch für das 21. Jahrhundert, in dem längst Menschen für die meisten Waldbrände verantwortlich sind.

«Bei vielen Feuern gibt es ­Refugien, in denen die charakteristischen Arten in kleinen Gruppen überleben», sagt Jentsch. Das können Senken sein, in denen sich die Feuchtigkeit besser gehalten hat und die Temperaturen ein wenig niedriger bleiben. Auch dort verbrennen meist die über der Erde liegenden Teile der Pflanzen.

Die Waldbrände haben 2007 25'000 Hektaren von den Kanarischen Inseln abgebrannt. Foto: Nuria Bibiloni Narbon (EPA)

Im Boden aber bleiben vielleicht ein paar Wurzeln und ­Samen übrig, aus denen beim ersten Regen nach dem Brand das Grün wieder spriesst. Inmitten der verbrannten Fläche entstehen so grüne Inseln, aus denen sich die Gewächse mit der Zeit ihren alten Lebensraum zurückerobern. Die meisten Pflanzen kommen aber von den Rändern des Waldbrandes in das verwüstete Areal zurück.

In Gebieten wie den Ländern rund um das Mittelmeer oder in Kalifornien gibt es im Winter oft viele Niederschläge, die eine dichte Vegetation wachsen lassen. In den langen Trockenperioden im Sommer vertrocknet diese Biomasse und liefert Bränden reichlich Nahrung. Dort braucht die Natur dann eher 40 Jahre, bis sie sich vollständig regeneriert hat. «In Mitteleuropa fehlten bisher die langen Dürrezeiten im Sommer, und Waldbrände traten nur selten auf», sagt Jentsch.

Der Mensch hat massiv eingegriffen

Die Spielregeln der Natur aber hat der Mensch längst geändert. So gibt es in einigen Regionen Europas durch den Klimawandel inzwischen ebenfalls lange Dürreperioden wie etwa in den Jahren 2018 und 2019. Dadurch werden Wälder anfällig auf Brände, deren Ökosysteme nicht auf diese Situation eingerichtet sind. Das gilt auch für die Schweiz, die zunehmend mit Bränden auf der Alpennordseite rechnen muss.

In Australien dagegen gehören Brände schon seit Jahrtausenden zur Natur. Aber auch dort verändert der Klimawandel die Spielregeln. So gibt es häufiger sommerliche Trockenperioden, oft dauern diese Dürrezeiten länger als früher. Dadurch treten nicht nur Brände häufiger auf, und die Natur hat nicht mehr genug Zeit, um sich von den Auswirkungen zu erholen.

Gleichzeitig trocknen viele Bäche und Gewässer aus, die bisher die Ausbreitung der Feuer ­gestoppt und vielen Tieren eine sichere Zuflucht geboten haben, berichtet Clarke. Dadurch brennen grössere Flächen. Die Natur braucht daher länger, um dorthin zurückzukehren. Nach dem Feuer brennt dann die Sonne ­unerbittlich auf diese Flächen, ohne dass Gewächse ein wenig Schatten erhalten. «So steigen die bodennahen Temperaturen weiter», erklärt Anke Jentsch von der Universität Bayreuth. Ein wahrer Teufelskreis treibt also die Feuer immer weiter an und verringert die Chancen der Natur, sich zu erholen.

«Obendrein ist die Natur in vielen Regionen längst verändert, an Arten verarmt und erheblich gestört», ergänzt Jentsch. Rodet der Mensch Wälder, um dort seine Äcker oder Plantagen anzulegen und sein Vieh weiden zu lassen, verlieren viele Tier- und Pflanzenarten einen grossen Teil ihrer Heimat. Zerstören dann auch noch Brände wie in Australien ihre letzten Rückzugsgebiete, kann es für einige Arten zu spät sein. Die Natur wird sich auch an diese Situation anpassen. Nur könnte sie dann ganz anders als vorher aussehen.

Seit vielen Jahren erforschen Jentsch und ihre Mitarbeiter auf der Kanareninsel La Palma mit oft verblüffenden Ergebnissen die Ökosysteme. «Dort wachsen in manchen Gebieten praktisch nur Kanarenkiefern», sagt Jentsch. Weshalb die Monokulturen, durch die Wanderer auf La Palma streifen, entstanden, ist zwar noch nicht endgültig ­geklärt. Aber es gibt eine verblüffende Theorie, nach der die ­Kanarenkiefern selbst solche einheitlichen Wälder entstehen lassen: «Die Bäume sind ähnlich wie Biber in Mitteleuropa Ökosystem-Ingenieure, die ihren ­Lebensraum selbst gestalten», sagt Jentsch.

Mehr als eine Milliarde Tiere fielen in Australien den Flammen zum Opfer.

Die Ökosystem-Ingenieure mit Borke verlassen sich auf ihre Widerstandskräfte gegen Waldbrände, um ihre Konkurrenz loszuwerden. Obendrein verringern die Kanarenkiefern die Chancen anderer Arten mit verschiedenen Mechanismen weiter. So verrotten die abgefallenen Nadeln der Bäume sehr langsam. Mit der Zeit sammelt sich daher am Boden eine dicke Schicht, die unter den Sohlen der Wanderer weich federt. Bei einem Waldbrand brennen die trockenen Nadeln wie Zunder und heizen das Feuer damit kräftig an. Die ­Kanarenkiefern überstehen das Inferno, treiben aus den Knospen unter ihrer schwarz-verkohlten Borke wieder aus und könnten so mit der Zeit natürliche Monokulturen bilden.

Ähnlich wie auf den Kanarischen Inseln überstehen auch die für Australien typischen Eukalyptusbäume die meisten Waldbrände sehr gut. Sobald sich die Rauchwolken verziehen und ein kräftiger Regen ausreichend Wasser liefert, treiben sie wieder aus. Dann gibt es auch wieder genug Blätter für die Koalas, die bis dahin durchgehalten haben. Und auch andere Tiere finden in der keimenden Vegetation wieder Nahrung. Allzu viele Überlebende gibt es aber häufig nicht. Zwar verkriechen sich Termiten und Echsen in ihre unterirdischen Gänge und Höhlen und überstehen Vegetationsbrände oft recht gut, erklärt der Ökologe Michael Clarke von der La Trobe University in Melbourne im Fachblatt «Nature». Aber über der Erde fielen den Flammen in Australien allein bis Mitte Januar 2020 vermutlich mehr als eine Milliarde Säugetiere, Vögel und Reptilien zum Opfer.

Eine Savanne kann sich schnell vom Brand erholen

Normalerweise retten sich viele Überlebende in Gebiete, die zum Beispiel an einem Bachlauf liegen und so den Bränden trotzen konnten. Auf einer relativ kleinen Fläche drängen sich dort meist viel mehr Tiere, als das Areal ernähren kann. Viele der Geflüchteten überleben daher das Inferno nicht lange, und die Zahl der Opfer steigt weiter. Mit der Zeit aber breiten sich von den Gebieten, die den Flammen entgangen sind, Tiere und Pflanzen wieder in die verbrannten Regionen aus.

Wie lange das dauert, hängt sehr stark von der Gegend ab. So gibt es in den Savannen Afrikas sehr wenig Niederschläge und lange Trockenperioden, in denen häufig Brände auftreten. Im Boden aber überdauern viele Samen und Wurzeln, die rasch wieder austreiben. Auch aus den nicht verbrannten Flächen kommen Samen und Tiere wieder in die verkohlten Gebiete. «Bereits nach einem Jahr kann sich eine Savanne daher wieder von einem Vegetationsbrand ­erholen», sagt Jentsch.